Zur Ausgabe
Artikel 84 / 121
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Film Was lange währt

»Jane Austen's Verführung«. Spielfilm von Roger Michell. Großbritannien 1995.
Von Urs Jenny
aus DER SPIEGEL 48/1996

Auf die Dauer, lieber Schatz, ist auf die Treue von Matrosen nicht zu bauen. Der Volksmund weiß: Seemänner gelten als die Fremdgeher schlechthin. Dem widerspricht Jane Austen, der offenbar die zwei ihrer Brüder, die bei der Marine dienten, zu einer besseren Meinung verhalfen. In ihrem letzten Roman »Persuasion« - der erst 1818, ein Jahr nach ihrem frühen Tod, veröffentlicht wurde - sind die Landbewohner (selbstverständlich allesamt Angehörige der unteren Adelskasten) aufgeblasene Köpfe, nichtsnutzige Tröpfe, auch Schmeichler, Schleimer und Heiratsschwindler, die Seemänner hingegen ausnahmslos Muster an Tugend.

Vier Exemplare führt das Buch vor, einen Admiral und drei Kapitäne, und der schwerste Tadel, der einen von ihnen treffen könnte, besagt, daß er nach dem Tod seiner innigst geliebten Braut unschicklich rasch (nämlich noch innerhalb des Trauerjahrs) um die Hand einer anderen jungen Dame angehalten hat. Wenn in Kreisen, wo man auch bei Herzensangelegenheiten auf Etikette hält, auf solche Unbeständigkeit die Rede kommt, ist es durchaus angebracht, leicht indigniert die Brauen hochzuziehen - nur Anne Elliot, die Mitfühlende, läßt als mildernden Umstand gelten, daß die nun Erwählte gerade dem Tod entronnen ist.

Zur Frage nach Beständigkeit oder Unbeständigkeit der Liebe erlaubt ein anderer dieser Kapitäne sich gegenüber der Romanheldin Anne Elliot die Meinung, die Frauen seien das wesensgemäß wankelmütige, treulose Geschlecht, und er verweist zum Beleg auf zahlreiche Werke der Weltliteratur »in Vers und Prosa«. Galanterweise fügt er hinzu: »Vielleicht könnten Sie einwenden, daß all dies von Männern geschrieben wurde.«

In der Tat. Der Filmregisseur Roger Michell, nicht immer dem Buchstaben, doch dem Geist des Romans treu, läßt die Heldin selbst diesen Einspruch vorbringen - schließlich stammt er von einer Frau, von Jane Austen, der ihre bescheidene Nische im Pantheon der Weltliteratur von den Männern erst lange nach ihrem Tod eingeräumt wurde.

Wieder einmal, in überraschendem Maße, bewährt sich diese spröde und prüde und kluge Jane Austen mit ihrem eng umgrenzten, reglementierten Provinzbiotop als lebensvolle Kino-Erzählerin. Daß ihre Romane so gar nicht visuell sind und kaum je Personen, Schauplätze oder Landschaften beschreiben, läßt dem Film die Freiheit, sie mit Gesichtern, Interieurs, ländlichen Szenerien zu erfüllen, und die Farbe bekommt ihnen gut. Überhaupt haben derzeit die angelsächsischen Romane und Kostüme des 19. Jahrhunderts Kino-Konjunktur: Filme nach Büchern von Henry James, Charlotte Brontë, Thomas Hardy kommen in den nächsten drei Monaten in unsere Kinos, und dann die nächste Jane-Austen-Verfilmung »Emma«.

Roger Michells »Persuasion« gelingt es mit Grazie und Witz, die ganze Figurenvielfalt um die Heldin herum lebendig werden zu lassen: zwei Schwestern und zwei Schwägerinnen samt familiärem Anhang, dazu Freundinnen, weitere Verwandtschaft sowie die für jeden Austen-Film unentbehrlichen Schafe.

Michell bewältigt die schwergängige Intrigenmaschinerie der zweiten Romanhälfte, ohne ins Schwitzen zu kommen, und er lauert auf die besonderen dramatischen Kreuzungspunkte. Jane Austen, die schriftstellernde Pfarrerstochter, die vermutlich nicht schwindelfrei war, hat die Dinge so eingerichtet, daß im Gang der Geschichte mehrfach Treppen zum Schauplatz einer alles kippenden, umstürzenden Begegnung werden, und Michells Kamera vollzieht diese Vertigo-Momente geradezu zeitlupengenau.

Die Schlaumeier natürlich, die für deutsche Filmtitel zuständig sind und sich sonst oft die Mühe der Übersetzung sparen, haben auch diesen verpatzt. »Jane Austen's Verführung": Nicht nur der ossimäßige Apostroph ist (nach alter wie neuer Rechtschreibung) falsch, auch wird weder Jane Austen noch sonst jemand verführt. So absichtlich, wie man »Sense and Sensibility« in »Sinn und Sinnlichkeit« verdreht hat, macht man nun aus »Persuasion«, was Überredung oder Überzeugung bedeuten mag, »Verführung": als verlangte das Publikum, selbst in einem solchen Fall, mit falschen Versprechungen geleimt zu werden.

Der Film selbst tut nichts davon: Er erzählt auf eine geradezu altmodisch liebevolle und feinfühlige Art, wie das Mauerblümchen Anne Elliot sich gegen allen Klatsch und Tratsch durch Ausdauer sein Glück verdient, und er hat in Amanda Root eine Hauptdarstellerin, die mit dem Charme und der rotbackigen Frische eines Winteräpfelchens den Sieg dieser geborenen Verliererin beglaubigt.

Überredung oder Überzeugung: Als junges Mädchen hat Anne sich von der Stimme der Vernunft überreden lassen, gegen ihre innerste Überzeugung, also gegen die Stimme des Herzens, den Mann, den sie liebte, zurückzuweisen, weil er kein Vermögen zu bieten hatte - und wußte doch schon in diesem Augenblick, daß das der Fehler ihres Lebens war. Nun, acht Jahre später, da Anne schon auf die 30 und also (nach damaligen Begriffen) auf die Altjüngferlichkeit zugeht, taucht durch Zufall dieser Mann mit dem sprechenden Namen Wentworth (Ciaran Hinds) in ihrem engsten Lebenskreis wieder auf: Er plaudert, scherzt, flirtet mit anderen und scheint nicht einmal wahrzunehmen, wie tief Anne noch immer an ihrer Liebe leidet.

Was für ein Balanceakt: ein Film, in dem die großen Liebenden einander auf Schritt und Tritt begegnen und doch über ein paar gequälte Höflichkeiten hinaus kein Wort zu wechseln vermögen - bis ganz kurz vor Schluß. Da reißt Wentworth, natürlich Kapitän, geradezu panisch das Steuer herum, um ein gutes Ende herbeizuzwingen. Und Regisseur Michell läßt, um dem Glück Beine zu machen, eine italienische Commedia-Truppe über die Szene tanzen. Das ist, alles in allem, kein Kinostück, um dreifach hurra zu schreien, doch ein Vergnügen.

Da Jane Austen nicht nur eine empfindsame Person war, sondern durchaus eine praktische, weiß sie auch zu erzählen, inwiefern die Marine von Nutzen ist. Während nämlich die faden Affen und Laffen von Landjunkern nur immer nach Gutsherrenart herumrepräsentieren, schaffen Kapitäne Mehrwert: Wo immer im Namen der Krone gekapert und Beute gemacht wird, genießen sie Gewinnbeteiligung, und die kann (wie das Vorbild des Admirals zeigt) zu einem sehenswerten Vermögen heranwachsen. Anne und ihrem Wentworth ist also am Ende zu ihrem Glück nur noch eines zu wünschen: ein Krieg, der Kasse macht.

Urs Jenny

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 84 / 121
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel