Margarete Stokowski

Was tun gegen Femizide? Zehn Schritte, um Morde an Frauen zu verhindern

Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Auch niedrigere Mieten und Therapieangebote für alle können helfen: Politik, die Femizide verhindern will, muss alle Vorstufen der Gewalt bekämpfen – und gefährdete Frauen besser unterstützen.
Nach dem Attentat in Würzburg legen Menschen Blumen nieder – auf Twitter trendete unterdessen der Begriff »Femizid«

Nach dem Attentat in Würzburg legen Menschen Blumen nieder – auf Twitter trendete unterdessen der Begriff »Femizid«

Foto: Thomas Lohnes / Getty Images

Nach dem Attentat von Würzburg, bei dem ein Mann drei Frauen getötet und weitere Menschen verletzt hat, fragen sich Menschen, wie man solche Taten verhindern kann. Auf Twitter war nach der Tat der Begriff »Femizid« in den Trends, ein Begriff, den viele wahrscheinlich gar nicht kennen. Auch, weil Fälle, in denen Frauen getötet werden, in den Medien immer noch oft unter »Familien-/ Beziehungsdrama« laufen. Als würde man einen tödlichen Banküberfall als »Finanzdrama« betiteln.

Jedenfalls: Femizide sind Morde, bei denen Frauen getötet werden, weil sie Frauen sind. Man weiß nun zwar noch nicht, ob der Täter absichtlich Frauen auswählte. Aber sobald bekannt wurde, dass er aus Somalia stammt und in Deutschland Asyl beantragt hatte, erklärten manche, Feministinnen würden zu dem Fall schweigen, weil der Täter Asylbewerber ist. Dazu vor allem eins: Wer sich für Gewalt gegen Frauen erst dann interessiert, wenn sie von nicht deutschen Tätern ausgeht, ist ein rassistischer, frauenfeindlicher Heuchler.

Für alle anderen, die ernsthaft daran interessiert sind, Morde an Frauen zu verhindern, ist folgender Text. Femiziden kann man sinnvoll nur mit feministischer Politik begegnen, denn: Femizide verhindert man nur, wenn man allgemein Gewalt gegen Frauen verhindert. Wenn Frauen getötet werden, weil sie Frauen sind, dann passiert das meist nicht aus heiterem Himmel, sondern als Folge vorangegangener Gewalt und Enthemmung.

Deswegen muss jede Politik, die Femizide verhindern will, alle Vorstufen der Gewalt gegen Frauen bekämpfen. Dazu gibt es viele Wege – hier zehn Schritte, alle gleichermaßen wichtig wie notwendig.

Schritt 1: Bewusstsein und Unabhängigkeit schaffen

Auch wenn Terroranschläge im öffentlichen Raum mit mehreren Toten und Verletzten besonders viel Aufmerksamkeit erregen: Die meiste Gewalt gegen Frauen passiert im sogenannten privaten Umfeld, deswegen gibt es hier am meisten zu tun. Drei Hauptthemen: ABC – Aufklärung, Beratung, Cash. Aufklärung über Gewalt muss spätestens im Kindergarten anfangen. Wo fängt Gewalt an, was darf ich anderen antun, was muss ich mir gefallen lassen und was nicht, wie kann ich mich wehren? Da schon kleinste Kinder Opfer von Übergriffen werden können, müssen auch kleinste Kinder wissen, was erlaubt ist und was nicht.

In der Schule muss es weitergehen: konkrete Aufklärung über geschlechtsspezifische und sexualisierte Gewalt. Sehr viele Menschen wissen zum Beispiel nicht, was eine Vergewaltigung ist und haben immer noch Mythen im Kopf über fremde Männer, die hinter Bäumen hervorspringen. Sie wissen nicht, dass Vergewaltigungen nicht zwingend mit blutiger und brutaler körperlicher Gewalt einhergehen müssen.

Dass auch erzwungener Oral- oder Analverkehr dazuzählen oder Penetration mit Fingern oder Gegenständen. Dass Vergewaltigung auch zwischen Verliebten passieren kann. Was ist ein sexueller Übergriff, was ist sexuelle Nötigung, was ist Vergewaltigung? Jugendliche müssen das in der Schule lernen, Lehrkräfte müssen das eventuell auch erst mal lernen.

Beratungsmöglichkeiten müssen ausgebaut und finanziert werden, bestehende Beratungsmöglichkeiten müssen daraufhin überprüft werden, wie gut sie sind. Wenn es Beschwerden über einzelne Institutionen gibt, etwa weil die Beratenden dort selbst übergriffig werden – wie beim Weißen Ring in Lübeck –, dann müssen diese untersucht werden.

Thema Cash: Frauen müssen mehr Geld verdienen. Wer finanziell von einem Partner abhängig ist, kann sich oft nicht trennen. Wer wenig Geld hat, traut sich eventuell nicht, juristische Hilfe zu suchen. Jeden Tag versucht im Schnitt ein Mann in Deutschland, seine Partnerin oder Ex-Partnerin zu töten. Gewalt gegen Frauen passiert in allen sozialen Schichten und Milieus, aber wer genug Geld hat, kann sich besser schützen. Wären Frauen finanziell unabhängiger, könnten sie schneller weg und öfter anzeigen.

Schritt 2: Polizei und Justiz schulen

Öfter anzeigen bringt aber nichts, wenn dann nichts passiert. Polizei und Justiz sind immer noch auffällig oft schlecht darin, Frauen vor Gewalt zu schützen. Sie müssen darin geschult werden, Gewalt gegen Frauen als solche zu erkennen und zu verhindern. Es darf nicht vom Zufall abhängen, denn bislang tut es das zu oft .

Schritt 3: Gewalt gegen Frauen im Internet endlich richtig verfolgen

Viele Täter, die physische (und/oder Waffen-) Gewalt gegen Frauen anwenden, haben sich zuvor schon im Netz gewalttätig gegen Frauen verhalten. (Siehe zum Beispiel: der sogenannte »Bierwirt« in Wien.) Online-Belästigung, -Bedrohung und Stalking sowie Verherrlichung frauenfeindlicher Gewalt und Aufrufe zu Gewalt werden bisher nicht genug verfolgt und oft als weniger gravierend als Taten in der »realen« Welt gesehen. Das Internet ist aber Teil der realen Welt. Gewalt, die online passiert, muss genauso ernst genommen werden wie Gewalt, die offline passiert, denn beide Formen hängen zusammen.

Schritt 4: Der Wohnungsmarkt ist ein Problem

Es mag weit hergeholt wirken, aber zu hohe Mieten fördern Gewalt gegen Frauen. Ganz einfach: Die oben genannten Frauen, die Gewalt von ihren Partnern oder Ex-Partnern erleben, müssen leicht und schnell eine neue Wohnung finden können. Frauen, die Stalking erleben, ebenso. Frauen, die von Rechtsradikalen bedroht werden, ebenso. (Der Wegzug der Frau ist natürlich theoretisch nicht die einzige Lösung, faktisch aber oft die einzig realistische.) Wenn hier immer noch nichts zu Würzburg steht, lesen Sie weiter.

Schritt 5: Mehr Therapieangebote für alle

Potenzielle und tatsächliche Opfer und Täter brauchen mehr und bessere Therapieangebote. Über den Täter von Würzburg ist bekannt, dass er zwischenzeitig in psychiatrischer Behandlung gewesen ist. Auch, dass er schon mal bei einem Streit in seinem Wohnheim zu einem Messer gegriffen hatte. Menschen, die Konflikte mit Messern lösen wollen, brauchen eine Therapie. Auch, wenn sie keine Krankenversicherung haben. Psychische Erkrankungen bei Menschen, die in Sammelunterkünften leben, müssen genauso ernst genommen werden wie bei allen anderen. Wohnungs- und obdachlose sowie geflüchtete Menschen brauchen bessere Therapieangebote, und zwar in einer Sprache, die sie sprechen. Wenn sich keine Therapeut*innen finden, die die Sprachen der Betroffenen sprechen, müssen Übersetzer*innen bezahlt werden. Von unseren Steuern, ja. Geflüchtete Menschen müssen nicht härter behandelt werden, sondern besser.

Schritt 6 bis 8: Die Rechte von Minderheiten stärken

Nicht alle Frauen sind gleichermaßen von Gewalt bedroht, manche sind besonders gefährdet. Zum Kampf gegen Gewalt gegen Frauen gehört auch, LGBTIQ-Rechte zu stärken. Trotz der Begeisterung für die Idee mit dem Stadion in Regenbogenfarben gibt es hier auch in Deutschland noch sehr viel zu tun. Eine weitere Gruppe: Frauen mit Behinderungen. Sie werden überdurchschnittlich oft Opfer sexualisierter Gewalt. Und: Die Rechte geflüchteter und obdachloser Frauen stärken sowie von Frauen in der Prostitution und Sexarbeit. Letztere Gruppe mag wie eine eigenwillige Zusammenstellung wirken, aber die Gemeinsamkeit ist, dass sie alle in besonderem Maße sichere Orte brauchen sowie Institutionen, an die sie sich vertrauensvoll wenden können, ohne dabei noch zusätzlich diskriminiert zu werden.

Schritt 9: Extremismus bekämpfen

Islamismus und Rechtsextremismus sind sich in ihrer Frauenverachtung näher als manche wahrhaben wollen. Beide müssen gleichermaßen bekämpft werden. Im Falle von Islamismus ist vielen die Frauenfeindlichkeit klar, während der misogyne Anteil von Rechtsextremismus oft übersehen wird. Wir erinnern uns: Die meisten der vom NSU 2.0 bedrohten Personen waren Frauen. Viele rechtsextreme Attentäter äußern sich in ihren »Manifeste« genannten Hetzschriften explizit frauenfeindlich und antifeministisch . Und nicht nur in diesen Schriften, sondern oft auch lange vorher schon im Internet. Siehe Schritt 3.

Schritt 10: Die Pandemie beenden

Seit Beginn der Pandemie hat die Gewalt gegen Frauen offline und online zugenommen . Eine bessere Pandemiepolitik würde nicht nur weitere Coronatote verhindern, sondern auch noch mehr Gewalt gegen Frauen verhindern. Ich denke mal, auf den Schritt mit der Pandemie können wir uns alle einigen. Auf die anderen hoffentlich eines Tages auch.