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HAUPTSTADT »Was uns auf der Seele brennt«

Günter Behnisch, 82, der Architekt des berühmten Münchner Olympiastadions, über seinen Neubau für die Akademie der Künste in Berlin, die Rekonstruktion des Pariser Platzes am Brandenburger Tor und seine Kriegserinnerungen
aus DER SPIEGEL 20/2005

SPIEGEL: Herr Behnisch, Sie haben in Berlin ein neues, sehr telegenes Gebäude gebaut, nah am Brandenburger Tor. Soll Ihr Bau, der im Inneren wild bewegt ist, mit schrägen Brücken, Rampen und Terrassen, bei den Mitgliedern der Akademie geistige Turbulenzen auslösen?

Behnisch: Ich wollte eigentlich nur, dass es ein schönes Haus wird - aber aufrütteln? Ich bin kein Missionar. Man muss auch an die Akademie keine falschen Anforderungen stellen. Eine Akademie ist ja per se ein elitärer Club. Es werden diejenigen als Mitglieder aufgenommen, die bereits alte Meister sind. Und deshalb ist eine Akademie ein würdiges Unternehmen. Die Akademie versteht sich allerdings als lebendig und unruhig, das ist ein amüsanter Gegensatz. Mal sehen, wie das neue Gebäude wirkt.

SPIEGEL: Über das Akademiegebäude wurde heftig gestritten. Sie wollten eine Hightech-Glasfassade haben und setzten das auch durch, alle anderen Architekten am Pariser Platz haben sich aber an die Bauvorschriften gehalten und eine traditionelle Steinfassade errichtet. Da waren Sie dann mittendrin im großen Berliner Streit um Glas contra Stein, um Moderne und Historismus. Warum musste es für die Akademie unbedingt eine Glasfassade sein?

Behnisch: Ich bin gar nicht erst auf den Gedanken gekommen, da eine Steinfassade zu machen. Man muss doch Material und Konstruktionsweise aus unserer Zeit nehmen und nicht die von der Barockzeit. Und wir wollten schon gar keine Assoziationen an die Großkotzigkeit der Hitler-Architektur und der wilhelminischen Architektur wecken. Wir haben gegen Rücksichtslosigkeit angebaut. Aber ich möchte auch keine Helden aus uns machen.

SPIEGEL: In Ihrer Glasfront spiegeln sich all die steinernen Gebäude ringsum - etwa das Hotel Adlon, und das ist eine Rekonstruktion nach historischem Vorbild. Ihre Fassade wird gerade tagsüber, wenn die Reflexion am stärksten ist, von diesem Spiegelbild dominiert. Das muss Sie doch ärgern.

Behnisch: Nein. Ich finde den Effekt sogar ganz lustig. Jetzt haben die Berliner mehrere Adlons. Das wollten sie doch haben. Es ist halt so. In einer Stadt passiert so viel. Ich lebe ja in Stuttgart. Und die Schwaben sagen: »So ist's na worde«, so ist's halt geworden.

SPIEGEL: Im Inneren wirkt die Formensprache der Akademie betont wild. Warum?

Behnisch: Wenn man es genauer verstehen will, muss man von Friedrich Schiller die Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen lesen. Der Mensch ist nur da Mensch, wo er spielen kann, wo etwas in Bewegung ist. Ich möchte, dass auch die Dinge im Gebäude tatsächlich miteinander spielen, aufeinander antworten, und so sieht das Akademiegebäude jetzt auch, mit all den Spiegelungen, den Brücken und Geländern, aus. Manche Linien sind vielleicht ein bisschen hart, doch auch das gehört nun einmal zu unserer Gegenwart, Gebäude wirken heute insgesamt härter. Das liegt daran, wie heute entworfen wird. In der Barockzeit wirkte natürlich alles weicher, die haben damals mit kleinen Federhaltern und Tinte gearbeitet und damit wunderbare Kurven gezeichnet.

SPIEGEL: Schiller geht in seiner Schrift über die ästhetische Erziehung von der Hoffnung aus, der Mensch werde tatsächlich besser durch Kunst oder eben durch das Spiel. Was sagen Sie nach einem langen

Architektenleben - haben schöne Gebäude eine erzieherische Wirkung?

Behnisch: Ob es zum Schluss aufgeht, weiß ich nicht. Aber es ist das einzige Prinzip, nach dem ich arbeiten kann. Nach welchem denn sonst? Meine Gebäude sollen zumindest den Ausdruck von Freiheit versuchen. Das war beim Akademiegebäude zwar schwierig, weil es so von Zwängen beeinflusst war, von der engen Bebauung, vom Brandenburger Tor und von den Ansprüchen der Berliner. Aber wenn Sie sich den Olympiapark anschauen - den habe ich ja 1972 fertig gestellt -, da kann man es sehr schön sehen, dass das Gelände ein Bild des seinerzeitigen politischen Aufbruchs war. Oder auch der Plenarsaal in Bonn. Beide sind spielerisch. Die Dinge fangen an zu tanzen, wenn man sie nicht festbindet. Und vielleicht ist das Tanzen wichtiger als alles andere in der Architektur. Die Münchner sind ja auch sehr stolz auf den Olympiapark - obwohl sie eigentlich ziemlich rücksichtslos damit umgehen.

SPIEGEL: Sie meinen die Entscheidung, das Olympiastadion nicht zu revitalisieren, sondern ein neues Fußballstadion zu bauen.

Behnisch: Diese neue Arena liegt außerhalb des Olympiageländes, aber vergleichsweise dicht dabei. Es ist doch interessant, sich zu fragen, warum sie in München ein neues Stadion wollten. Sie wollten die Zuschauer näher ans Feld rücken. Doch mit dieser Nähe verstärkt man nicht nur Emotionen, sondern vielleicht auch Aggressionen. Die Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron sind gute Leute, aber vielleicht fallen sie auch ein bisschen auf dieses Zwanghafte, dieses Maschinenhafte herein. Wir wollen mal sehen.

SPIEGEL: Seit dem Bau des Olympiastadions in München gelten Sie als Meister einer heiteren, optimistischen Architektur. Gibt es das überhaupt: optimistische oder pessimistische Architektur?

Behnisch: Ich glaube schon. Wir sind immer formale Risiken eingegangen. Es ist doch schrecklich, immer dieses Umgucken, immer diese Angst, ob die Linie da richtig sitzt und dass nichts einfällt und nichts kaputtgeht. Wenn die Entwicklung hier bei uns so weitergeht, bekommen wir immer mehr pessimistische Architektur, immer mehr Sicherheitsarchitektur, die ja die Amerikaner nur

noch machen: wo alles so ist, dass kein Jurist etwas beanstanden kann, alles wasserdicht und verfahrensgemäß. Keine Experimente mehr, nichts, was noch tanzt. In Berlin sind sie bald schon so weit: Sie brauchen nur die Friedrichstraße entlangzuschauen.

SPIEGEL: Noch gibt es in Berlin aber ein paar Experimente. Vergangene Woche wurde das Holocaust-Mahnmal eingeweiht, zu dem ja auch Ihr Akademiegebäude eine enge räumliche Beziehung hat. Wie beurteilen Sie das Mahnmal?

Behnisch: Das liegt außerhalb unserer Betrachtungsmöglichkeit.

SPIEGEL: Der Gedanke, dass man den Schmerz, den Tod von Millionen Menschen ausdrücken kann in einem Denkmal, leuchtet der Ihnen ein?

Behnisch: Das war einfach eine politische Situation. Die mussten was machen. Vielleicht ist es ein bisschen gewaltsam, ein bisschen an den Haaren herbeigezogen.

SPIEGEL: Wenn Sie es entworfen hätten, wie hätte es ausgesehen?

Behnisch: Ich hätte es gar nicht gemacht.

SPIEGEL: Warum nicht?

Behnisch: Kennen Sie die kleine Kirche auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte von Dachau? Die ist von Helmut Striffler. Die ist wunderbar. Die ist angemessen. Die trägt nicht die Fahne vorher. Ich hätte es nicht so demonstrativ gemacht.

SPIEGEL: Die Geschichte des Akademiegebäudes ist eine heikle. Im alten Haus der Akademie haben Hitler und Speer Germania geplant. Hatten Sie das Bedürfnis, mit der neuen Akademie gegen diese Vergangenheit anzubauen?

Behnisch: Das Bedürfnis hatte ich vielleicht, aber das war nicht so leicht. Wir hatten ja die Auflage, Gebäudereste der alten Akademie zu bewahren. Das hat mich sehr gestört. Denn wenn man etwas erhält, stellt man es auch auf einen Sockel. Und ich hatte nicht die Absicht, diesen Vorgänger Speer aufs Podest zu heben.

SPIEGEL: Sie haben sich gemeinsam mit dem Darmstädter Architekturprofessor Werner Durth für eine sogenannte kritische Rekonstruktion entschieden, haben die Ruinen eines Saals erhalten und das neue Gebäude drum herum gebaut. Es sieht jetzt nach einem sehr dezenten, sehr reflektierten Umgang mit der Vergangenheit aus. Sind Sie trotzdem unzufrieden?

Behnisch: Ich hätte mir wirklich vorstellen können, dass man alles wegreißt. Aber es ist natürlich auch so: In Berlin ist so viel kaputtgegangen, ich nehme an, dass die Berliner ganz froh waren, dass einige alte Teile erhalten blieben. Und mein Kollege Durth, der auch Mitglied der Akademie ist, wollte das auch. Er ist ja mehr der Geschichte zugewandt als ich.

SPIEGEL: Werner Durth gehört der Nachkriegsgeneration an. Warum hat ein Jüngerer ein stärkeres Interesse an der Geschichte als ein Vertreter Ihrer Generation?

Behnisch: Ich nehme an, dass die Jungen die Vergangenheit mehr theoretisch betrachten. Uns brennt sie auf der Seele.

SPIEGEL: Was brennt denn da?

Behnisch: In Berlin habe ich ja die ganze Schweinerei noch miterlebt. Ich weiß noch, dass ich auf dem Pariser Platz stand, als Soldaten der Legion Condor, die die spanische Stadt Guernica zerstört hatten, durch das Brandenburger Tor gezogen sind und gefeiert wurden. Ich selber, das muss ich schon sagen, habe ja Glück gehabt. Stellen Sie sich mal vor: Ich bin 1939 Soldat geworden und bin gesund durch den Krieg gekommen. Das ist doch ein Wunder.

SPIEGEL: Sie waren bei der Marine und sind jahrelang im U-Boot gefahren. Später haben Sie für den Schriftsteller und Kunstsammler Lothar-Günther Buchheim am Starnberger See ein Museum gebaut. Buchheim war einst Kriegsberichterstatter der Marine und hat dann den Bestseller »Das Boot« geschrieben. Sie sind sich während des Krieges auch auf einem Stützpunkt begegnet. Haben Sie später über Ihre Kriegs- und U-Boot-Erfahrungen gesprochen?

Behnisch: Nicht sehr viel. Buchheim ist ein etwas aufbrausender, unkontrollierter Mann - aber er ist schon nicht unrecht. Er hat in seinem Buch die U-Boot-Erlebnisse natürlich sehr verdichtet. Krieg war ja nicht nur sechs Jahre lang Wasserbomben. Es gab auch schöne Zeiten. Ich kann mich an Situationen erinnern, als wir uns in der Biskaya befanden. Da kommen ständig die großen Wogen. Und wenn Sie dann in diesem Boot sitzen, und es schaukelt Sie so langsam, und Sie wissen, dass die Wogen von Neufundland kommen, das ist schon eine tolle Sache.

SPIEGEL: Bezüge zu Ihrer Architektur bieten sich da an: der junge Mann, der im U-Boot eingepfercht ist, sich aber in den Wellen wiegen lässt und später schwingende Gebäude wie das der Akademie entwirft.

Behnisch: Ach, ich weiß nicht, meine offene Architektur kommt mehr aus dem Gefühl, mit dem ich aufgewachsen bin, damals in den zwanziger Jahren in Sachsen: »Brüder, zur Sonne, zur Freiheit«. Das war eine Aufbruchstimmung nach dem Ersten Weltkrieg.

SPIEGEL: Was soll bleiben von Behnisch? Häuser für die Ewigkeit?

Behnisch: Bitte nicht. Man soll nicht alles erhalten. Es ist immer gut, wenn etwas Neues kommt. Die besten Sachen sollte man schon bewahren, aber nicht zu viel.

INTERVIEW: SUSANNE BEYER, ULRIKE KNÖFEL

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