Zur Ausgabe
Artikel 68 / 84

GIFTE Waschen zwecklos

Alarmierende Befunde ergab eine Untersuchung saarländischer Chemiker: Zahlreiche Lebensmittel sind stark blei- oder cadmiumverseucht -- vom Verzehr wildwachsender Champignons sei »abzuraten«.
aus DER SPIEGEL 43/1976

Der Schock platzt mitten in die Schwammerlzeit: Eine der sichersten Methoden, sich zu vergiften, ist der Genuß -- vermeintlich -- ungiftiger Pilze.

»Die ermittelten Gehalte an Schwermetallen fallen gegenüber anderen Lebensmitteln völlig aus dem Rahmen konstatiert Peter Collet, Regierungschemierat in Saarbrücken. und verdeutlicht, wie es um den beliebten deutschen Speisepilz der Gattung Feld-, Wald- und Wiesenchampignon (Psalliota) steht:

»Bei diesen Pilzen liegen die Cadmiumwerte im Milligrammbereich (je Kilogramm Speisepilz). Dieser Wert ist bei Lebensmitteln bisher noch nie festgestellt worden.« Tödliche Cadmium-Dosis für erwachsene Menschen: 30 bis 50 Milligramm.

Die alarmierende Feststellung des Chemierats stammt aus einer Studie des Chemischen Untersuchungsamtes Saarland. Für das Bonner Gesundheitsministerium unter Katharina Focke und für deren Saarbrücker Kollegin Rita Waschbüsch sollte untersucht werden, wie es um die Konzentration giftiger Schwermetalle in bundesdeutschen Lebensmitteln steht.

Das Ergebnis läßt auf einen Giftstau schließen, der japanische Dimensionen angenommen hat und teilweise schon übertrifft. Beispiele:

* 0,459 Milligramm betrug der durchschnittliche Bleigehalt je Kilo Kalbsleber -- Blei-Spitzenreiter unter den deutschen Fleischwaren. > Bei 85 Petersilie-Proben betrug der durchschnittliche Bleigehalt 1,946 Milligramm je Kilogramm. > Bei Schweinenieren wurden bis zu 2,088 Milligramm des (noch weitaus gefährlicheren) Schwermetalls Cadmium gefunden.

* Legt man die nach der gültigen Bonner Regelung zulässige Quecksilber-Höchstmenge in Fisch (ein Milligramm Quecksilber je Kilogramm) zugrunde, dürften durchschnittlich nur noch 300 Gramm Fisch je Woche verzehrt werden. Collets Untersuchung, mit einem Drei-Mann-Team in den letzten beiden Jahren angefertigt, demonstriert auch, wie lückenhaft das Thema Gift in der Nahrung im Eß-Brevier der Bundesregierung, dem »Ernährungsbericht 1976« (siehe Seite 114), abgehandelt worden ist.

Als hätte es im ähnlich dicht industrialisierten Japan keine »Itai-Itai«- und Minamata-Katastrophen mit Hunderten von Todesfällen gegeben, verfuhren die Gelehrten darin bei der Bewertung von Quecksilber-, Blei- und Cadmiumrückständen. Über Quecksilber, heißt es in dem Bericht, »fehlen Angaben« -- beispielsweise für Obst und Gemüse -- »fast gänzlich«. Die Tätigkeit der Untersuchungsämter habe sich »praktisch auf Fisch-Erzeugnisse konzentriert«.

Diese Lücke füllte nun erstmals das Saarbrücker Forscherteam, als es insgesamt 1051 Lebensmittelproben untersuchte, zum Teil mit eigens dafür entwickelten Methoden.

Sozusagen einen Vorgeschmack aufs Gift bekamen die Saarbrücker. als sie die 85 Petersilie-Proben analysierten. Dabei zeigte sich, daß die Verseuchung mit Blei in Proben aus ländlichen Gebieten, etwa dem saarländischen Mandelbachtal, dem der Industriereviere (Beispiel: Völklingen) kaum nachstand »Örtliche Unterschiede«, so betonen Collet und Kollegen, würden aufgrund meteorologischer Einflüsse »weitgehend ausgeglichen« -- Essen auf dem Land ist nicht gesünder.

Für »bedeutungsvoll« halten die Experten die »Dekontamination durch Waschen« eine Entseuchung, die »haushaltsüblich«, 30 Sekunden lang mit kaltem Wasser, vorgenommen werden sollte. Der Bleigehalt ließ sich auf diese Weise um mehr als die Hälfte verringern. Bei Cadmium waren die Abwascherfolge »insgesamt geringer«. »Bei einer Reihe von Proben«, heißt es in der Studie, »konnte durch Waschen überhaupt keine Verminderung der Kontamination erreicht werden.«

Einen überraschenden Befund ergab die Analyse von Lebensmitteln aus dem Groß- und Einzelhandel: Konservenprodukte, so hat das saarländische Untersuchungsteam ermittelt, sind teilweise noch stärker mit toxischen Schwermetallen verunreinigt als frische Ware.

Den höchsten Bleiwert -- nach Sardinen -- fanden die Forscher in Gemüsedosen. Bei 34 untersuchten Dosen betrug der Mittelwert 0,864 Milligramm: ein Ausreißer brachte es sogar auf 4,18.

Zusätzlich zum bereits vorhandenen Bleigehalt, mutmaßt Collet. könnten weitere Spuren des Schwermetalls ins Doseninnere gelangen, wenn etwa die Konservendosen mit Hilfe von bleihaltigem Weichmetall verschlossen werden. Dieser Verdacht schien sich beim Vergleich mit glasverpacktem Gemüse zu bestätigen. Hier lagen die Werte um etwa das 30fache niedriger. Auf dasselbe Phänomen stießen Collets Mitarbeiter bei der Analyse von Kondensmilch, deren Bleigehalt im Mittel (1,222 Milligramm beträgt. Frischmilch dagegen ist beinahe bleifrei: 0,003 Milligramm.

Kalbsleber lag mit ihrem Bleianteil fast doppelt so hoch wie Rinderleber; überraschend war der relativ hohe Bleiwert von Tomatensuppen (0,117 Milligramm). Andererseits: Lauch (0,301) und Frischobst (0,180) lagen noch spürbar höher.

Die beinahe bleifreie Putenleber erwies sich als ausgesprochen cadmiumanfällig: 0,359 Milligramm. Positive Abweichler sind dagegen Joghurt mit (1,002 und Spargelsuppe mit 0,0026 Milligramm Cadmium'

Nach einer Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sollte vor allem der Cadmiumgehalt »so niedrig wie möglich gehalten« werden. im Trinkwasser zum Beispiel dürfe er 0,0005 Milligramm pro Liter nicht überschreiten -- ein Wert, dem sieh sogar das natürliche Quellwasser der Münchner Wasserversorgung (0,003) schon anzunähern beginnt.

Die scharfen WHO-Empfehlungen wurden ausgesprochen, nachdem Hunderte von Japanern Opfer der äußerst schmerzhaften Itai-Itai- (zu deutsch: »Aua, Aua«-)Krankheit wurden. Sie hatten Trinkwasser zu sich genommen, das durch Cadmium des Industrie-Konzerns Mitsui verseucht worden war.

Unheimlich ist das Aua-Aua-Leiden, weil es bis zu 30 Jahren dauern kann, ehe die Symptome -schlimmer als bei der gleichfalls schleichenden Blei- oder Quecksilbervergiftung -. spür- und sichtbar werden: gelbgefärbte Zahnhälse, Neuralgien. Schmerzen in der Wirbelsäule und schließlich ein Zusammenschrumpfen des Skeletts um bis zu 30 Zentimeter, hervorgerufen durch das Ausschwemmen des Knochen-Kalziums.

Solches Schicksal könnte am Ende auch deutschen Pilzessern drohen, zumal wenn sie auch noch gerne (cadmiumreiche) Innereien essen. Fast durchweg liegen die Schwermetall-Giftwerte bei frei wachsenden Champignons im Milligrammbereich -- bis hin zur Rekordmarke von 6.220 Milligramm je Kilogramm bei Feldegerlingen und 5,220 beim Anisegerling. Collet: »Während bei Lebensmitteln der Gehalt an Cadmium in der Regel ein Zehntel des Bleigehalts beträgt, sind bei Pilzen die Verhältnisse umgekehrt.«

So kommt es, daß nach dem Verzehr von zehn bis 20 Gramm Champignons bereits die von der WHO als gerade noch verträglich angesehene Gesamtdosis von 0,07 Milligramm Cadmium pro Tag erreicht wird. Bei einem Pilzgericht, warnt Collet, werde diese Grenze »um ein Vielfaches überschritten«, den Cadmiumgehalt der übrigen Tageskost gar nicht gerechnet. Vom Champignonverzehr sei deshalb »aus gesundheitlichen Gründen abzuraten«.

Wie es zu dieser extremen Anreicherung von Cadmium in frei wachsenden Champignons kommt, dafür gibt es bisher nur Hypothesen. Collet glaubt, daß die Pilzfäden (Myzel) Cadmium mit Zink verwechseln, zu dem sie eine chemische Affinität besitzen.

Das Beispiel Cadmium macht deutlich, woran die Lebensmittelüberwachung in der Bundesrepublik krankt: an Rechtsvorschriften, die den höchstzulässigen Gehalt an Schwermetallen und Schadstoffen wie etwa PCB in Lebensmitteln regeln. Nur so wäre eine Überwachung möglich.

Zwar gab es schon einmal, 1972. einen verbraucherfreundlichen Entwurf im Gesundheitsministerium. der die »höchstzulässigen Mengen« an toxischen Metallen regeln sollte.

Nach diesem Entwurf hätten die meisten der von Collet untersuchten Lebensmittelproben wegen ihres zu hohen Schwermetallgehalts als »nicht verkehrsfähig« (Collet) gegolten: Petersilie (bis zu 84 Prozent der untersuchten Proben), Frischobst (36 Prozent), Obstkonserven (63), Ölsardinen (63), Kondensmilch (50), Tomatensuppen (66) sowie Rinderleber (25). Pfahlmuschelkonserven hätten sogar ganz aus dem Verkehr gezogen werden müssen.

Wegen zu hohen Cadmium-Gehalts hätten, laut Entwurf und Saarbrücker Probe aufs Exempel, beispielsweise Schweinenieren (zu 42 Prozent der Proben), Gemüse-Blechkonserven (22), Austern (15), Thunfisch (45) sowie Ölsardinen (gleichfalls zu 63 Prozent) aus den Regalen verschwinden müssen.

Zwei Jahre später freilich, 1974, hatte die Bonner Nahrungsmittel-Lobby offenbar auf breiter Front obsiegt.

Legt man den Verordnungsentwurf von 1971 zugrunde, hätten die meisten der in Saarbrücken untersuchten Lebensmittel anstandslos passiert -- mit Hilfe eines Tricks: Es wurden nicht die Schadstoffgrenzen reduziert; vielmehr wurden insgesamt nur 13 zu überwachende Lebensmittelgruppen aufgeführt, »die Mehrzahl der sich als problematisch darstellenden Lebensmittelgruppen« (Collet) blieb außen vor.

Konsequenz: Bis auf kleines Grünzeug wie etwa Petersilie und beispielsweise Schweinenieren gälte, wundersamerweise, plötzlich das meiste wieder als genießbar -- einschließlich der Muscheln, die bis dahin noch hundertprozentig als nicht verkehrsfähig gegolten hätten.

Zur Ausgabe
Artikel 68 / 84
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.