Zur Ausgabe
Artikel 55 / 68

TECHNIK / TAUCHBOOTE Wasser im Leib

aus DER SPIEGEL 24/1968

Des Führers schwimmende Wunderwaffe fuhr nicht mehr gegen Engelland -- die Engländer kamen zu ihr ins Reich.

Ehe die drei schnellsten und modernsten U-Boote der deutschen Marine im Zweiten Weltkrieg, sogenannte »Walter«-Unterseeboote, Kurs auf den Feind nehmen konnten, brachte ein Oberleutnant zur See die Wunderschiffe auf Tauchstation -- mittels Sprengpatronen.

Nun, 23 Jahre nach dem ruhmlosen Untergang der U-Boot-Flottille, präsentiert der Ersinner der ehemaligen Geheimwaffe ein neues Tauch-Wunder: den »Stint«. Auf diesen Namen taufte der U-Boot-Bauer Professor Hellmuth Walter, 68, ein von ihm entworfenes neuartiges Tiefsee-Tauchschiff, das nunmehr zur Baureife gediehen ist.

Die »Stint«-Skizzen in den Kieler Konstruktionsbüros der »Hellmuth Walter GmbH« zeigen ein zeppelinformiges U-Boot mit Heckpropeller, das -- mit zwei Mann Besatzung -- in Meeresregionen bis zu 5000 Meter Tiefe wird vorstoßen können. Dort unten soll das neun Meter lange Tauchschiff Forschungsaufgaben erfüllen oder nach versunkenen Schiffswracks suchen.

In einer stählernen Kugel von zwei Meter Durchmesser -- im vorderen Teil des Tauchboots -- finden die beiden »Stint«-Piloten Platz (siehe Graphik), in einer zweiten Kugel im Heckteil soll das Antriebssystem untergebracht werden. Beide Kugeln bleiben durch einen Stahltunnel miteinander verbunden, jedoch ist jede für sich luftdicht abgeschlossen.

Außerhalb der Kugelkörper birgt der Schiffsleib nur noch die Treibstofftanks. Der verbleibende Hohlraum im Bootsrumpf wird während des Tauchens geflutet; auf Tanks und Kugeln lastet dann der ganze Wasserdruck der Meerestiefe -- in 5000 Meter Tiefe ein Gewicht von 5000 Tonnen pro Quadratmeter, etwa soviel wie 65 Diesel-Loks.

Zum Abstieg in die Tiefzonen des Ozeans befähigt den »Stint« ein besonderes Antriebssystem, das Konstrukteur Walter schon in den dreißiger Jahren entwickelt hatte. Bei dem nach seinem Erfinder benannten Walter-Verfahren dient als Treibstoff eine Substanz, mit deren Hilfe deutsche Frauen ihr Haupthaar bleichen -- Wasserstoffsuperoxyd.

Aus den Tanks im »Stint«-Rumpf wird der Treibstoff in einen sogenannten Zersetzer geleitet, der das Wasserstoffsuperoxyd in Wasser und Sauerstoff aufspaltet. Bei dem chemischen Zersetzungsvorgang werden hohe Temperaturen frei (bis zu 550 Grad Celsius), die das Wasser erhitzen und verdampfen. Mit dem Druck des Wasserdampfs wird eine Turbine betrieben, die der Heckschraube des Tauchboots als Motor dient.

Die Leistung des »Stint«-Motors kann noch gesteigert werden, wenn der frei werdende Sauerstoff zusammen mit einem Weiteren Brennstoff -- etwa Dieselöl -- in einem Feuertopf verbrannt wird. Auf diese Weise wird die Schubleistung des U-Boot-Antriebs mehr als verdoppelt -- von 50 PS (ohne Verbrennung) auf 120 PS.

Mit Hilfe des Walter-Antriebs, der eine optimale Ausnutzung des Brennstoffs ermöglicht, kann der »Stint« auf lange Tauchfahrten gehen. Der Aktionsradius des Tauchboots, das Geschwindigkeiten zwischen sieben und 22 Stundenkilometern erreicht, beträgt etwa 180 Kilometer, Atemluft für die »Stint«-Piloten erzeugt das Antriebssystem -- ein Teil des im Zersetzer produzierten Sauerstoffs wird in die Kommando-Kugel geleitet.

Die Leistungsfähigkeit des Tauchers »Stint« hält Walter schon jetzt für erwiesen: Seine U-Boote aus dem Zweiten Weltkrieg, die gleichfalls mit einem Wasserstoffsuperoxyd-Antrieb ausgerüstet waren, hatten mit einer Unterwasser-Geschwindigkeit von etwa 40 Stundenkilometern allen damals bekannten U-Booten davonfahren können.

Freilich nur für kurze Zeit. Doch was Walters Kriegs-U-Booten versagt blieb, soll nun der »Stint« erlangen: Weitgeltung für Deutschlands U-Boote.

Walter wirbt um Geldgeber, die den Bau des »Stint« finanzieren sollen, »bevor uns andere Nationen durch größeren Geldaufwand überflügelt haben.

Zur Ausgabe
Artikel 55 / 68
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.