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Weg von den Müttern

Das erste internationale »Frauentreffen mit Filmen von Frauen über Frauen« fand jetzt in Berlin statt. Die Filmvorführungen waren mit Emanzipationsseminaren gekoppelt. So wurde in Arbeitskreisen etwa über Sexualität und Rollenverhalten, über die Frauen im Arbeitskampf, über den Paragraphen 218-und über die Frauenbewegung diskutiert. Für den SPIEGEL berichtet Karin Struck, 26, über dieses Treffen. Die Schriftstellerin, die in Anspach bei Frankfurt lebt, hat in diesem Frühjahr ihren ersten Roman, »Klassenliebe«, publiziert.
aus DER SPIEGEL 48/1973

Vier Tage lang sah ich 45 meist kürzere Filme von Frauen über Frauen. ich lernte viel beim Anschauen der Filme und beim Zuhören in den Seminardiskussionen der 221 Teilnehmerinnen. Ich lernte vor allem, daß »Emanzipation der Frau«, etwas anderes, Schwierigeres, Widersprüchlicheres und Differenzierteres sein muß, als in den Filmen dargestellt und in den Diskussionen behauptet worden ist.

Die Filme, ihre Auswahl, die Diskussionen waren bestimmt vom Bewußtsein einer kleinen Gruppe von Frauen, den Filmemacherinnen und den in den Medien arbeitenden Frauen. Die DGB-Frauen West-Berlins waren der Einladung zum Seminar nicht gefolgt; vermutlich können sie nicht bei jedem Emanzipations-Meeting, das irgendwo stattfindet, dabeisein,

Die Filme dieses internationalen Filmseminars muß man anschauen mit dem Mut zum Widerspruch. Die Atmosphäre in Berlin war aber eine Männerkonferenz. Atmosphäre. Emotionen, Aggressionen, Subjektives, Widerspruch waren von vornherein anrüchig. Solidarität unter Frauen verkam zu Loyalität, zur Programmatik der »Frauenbewegung«. Nur keine Widersprüche, keine Gegensätze, nichts Unfertiges zeigen, erst recht nicht vor der Presse und vor den Medien. SED-Taktiererei unter Frauen.

Das Bild der selbständigen, selbstbewußten, aktiven, berufstätigen Frau bestimmte die Filme und Diskussionen. Depression, Selbstmord, Apathie, Passivität, alternde und scheiternde Frauen, Kämpfe zwischen Mann und Frau, in denen beide gleich hilflos sind, kamen nicht vor. Konflikte wurden immer als lösbar gezeigt. Die Filme endeten sonnig: entweder hatte die Kinderärztin ihren Mann verändert ("For Better or Worse« von Judith Shaw Acuna), im Handumdrehn, oder die bekannte große Einigkeit der großen, diesmal weiblichen Arbeiterklasse wird beschworen: »Wenn wir alle zusammenstehen mit dreihundert Leuten. dann können die uns nicht viel wollen« ("Es kommt drauf an, sie zu verändern« von Claudia Aleman). Viele Filme sind ein einziger grober Kitsch. Zum Beispiel der Film »His-Story« von Elsa Rassbach, in dem die letzte Begegnung von Clara Zetkin und Lenin dargestellt ist wie die Begegnung zweier Leute auf einer Rolls-Royce-Party.

Die Arbeiterin ist in den Filmen und Diskussionen zum Thema »Die Frau im Arbeitskampf« immer Objekt. Sie ist streikbereit oder nicht, sie ist solidarisch oder kämpft für Solidarität; sie ist Faktor einer Beweisführung, wenn es um »Abtreibung« geht in den Filmen zum Thema Paragraph 218. In der Diskussion sprechen Frauen von »holzverarbeitenden Industriefrauen«. Die Beschäftigung mit Arbeiterfrauen ist die große Rechtfertigung. Von sich wolle sie nicht reden, sagt eine Teilnehmerin: sie sei »privilegiert« und könne sich einen »Babysitter leisten": »Wir sind hier zusammengekommen, um über fremde Probleme zu reden ... wenn wir mit unseren großbürgerlichen Problemen anfangen Oft mußte ich an Ministergattinnen denken, die sich wohltätig mit Waisenkindern beschäftigen.

Die Wortführerinnen in Berlin, die Filmemacherinnen, besonders die deutschen, glauben immer, sie könnten für alle Frauen, sie könnten für die gesamte weibliche Arbeiterklasse sprechen. Dieser Alleinvertretungsanspruch ist das Schlimmste. Die Selbstverleugnung dieser privilegierten Frauen wirkt sich politisch übel aus.

Kindererschaffen ist diesen Frauen nur »Reproduktion«, das kommt in allen Filmen und Diskussionen zum Ausdruck; Hausarbeit ist ihnen ein »Weitervegetierenmüssen im Halbdunkel der häuslichen Ecken«. Was für eine Diffamierung der jahrhundertelangen Schwerstarbeit von Frauen als Kinderschaffende und Hausarbeiterinnen. Eine Sekretärin in Valeska Schöttles Film »Wer braucht wen?« über den Betriebskampf einer West-Berliner Frauenabteilung sagt, ihr mache es »Spaß, für den Mann zu sorgen«, Hausarbeit sei auch eine Arbeit. Bloß, man kriegt nichts dafür, antwortet die klassenbewußte Arbeiterin. Ist die Arbeit einer Putzfrau, die im Kaufhof putzt, mehr wert als die häusliche Arbeit einer Arbeiterfrau mit drei Kindern? Deus ex machina ist immer wieder das kollektive Verhalten, der Fetisch Streik, der Fetisch Produktionsbetrieb. Das Erlebnis der frühmorgens in die Fabriken marschierenden Arbeiterinnen muß für diese privilegierten Frauen ein heiliges Initialerlebnis gewesen sein. Im Elternhaus müssen sie Köchinnen und Kindermädchen gehabt haben.

»Die Berufsarbeit muß für alle Frauen zur Selbstverständlichkeit werden« ist das Endresultat des Films »Lebenshilfe auf Glanzpapier« über die Frauenzeitschriften in der BRD von Ingrid Langer-El-Sayed. Diese Forderung ist kaum »emanzipatorisch« oder revolutionär: Ab 1980 werden sowieso alle Frauen und Mütter »berufstätig« sein, wie Soziologen Voraussagen. Wird das wirklich die große Emanzipation sein, wenn alle Frauen »berufstätig« sind und die Säuglinge und Kinder in »Krippen«, »Tagesstätten«, »Horten« und »Gärten« »untergebracht« sein werden?

Den Wortführerinnen in Berlin geht es zuerst um »angemessene Positionen in Presse, Funk und Fernsehen«; Frauenprobleme sollen aus den Nachmittagsgettos befreit werden; Frauenprobleme seien politische Probleme. Ja, gut. Aber sehr viele Frauen haben andere Sorgen, als daran zu denken, Verlegerbüros zu besetzen, aus Protest gegen die Bevorzugung von Männern bei Einstellungen in höhere Posten. Im übrigen wird es für Frauen nicht schwer sein, an die Macht zu kommen, wenn sie alles ablegen, was sie zu Frauen machen könnte. Ob Helge Pross oder Frau Noelle-Neumann Frauen sind, ist einem doch Wurscht: Sie könnten auch Männer sein, sie unterscheidet nur noch der geschminkte Mund. Kann die Frau ein neuer Mensch, eine ganz andere Qualität sein? Diese Frage tauchte in den Filmen nicht auf und nicht in den Diskussionen.

Der englische Film »Women of the Rhondda« von Mary Capps zeigt deutlich. daß eine Hausarbeiterin und Mutter eine Schwerarbeiterin ist. »Hemdenbügeln war damals Schwerstarbeit«, sagt die Bergarbeiterfrau in »Women of the Rhondda«, Die Bedeutung dieser Aussage wird von den Frauen in Berlin nicht erkannt. Es sind lauter Noras, die ihr Puppenhaus verlassen wollen. Joseph Loseys Nora hat in ihrem Puppenhaus Kindermädchen. Köchin und Dienstmädchen. sie ist tatsächlich ein Luxusweibchen.

Heimarbeiterinnen, Hausarbeiterinnen. Kinderarbeiterinnen kommen in den Filmen und Diskussionen nicht vor, es sei denn als dümmliche Weiber, die sich schnell ändern, und als »Eltern«. Wenn hier eine Heimarbeiterin mit sieben Kindern vorkäme, wäre sie nichts weiter als Objekt einer Beweisführung. Eine Wortführerin stellt zwar fest: »Die Hauptarbeit, die im Augenblick von Frauen geleistet wird, ist immer noch die Hausarbeit.« Aber das sind Nebensätze ohne Konsequenzen. Meistens wird die Hausarbeiterin und Mutter als »Heimchen und Gretchen am Herd« diffamiert. Die sprichwörtliche Frau aus dem Volk ist doch nie Heimchen am Herd gewesen, ob in der Fabrik oder im Haus. Was hat Wäschewaschen vor gar nicht so langer Zeit noch bedeutet? Solche historischen Dimensionen fehlen.

Von Selbstbestimmung der Frauen ist in Wahrheit nicht die Rede; denn sonst würden sie nicht mit diesen Sätzen auf ihren Fahnen marschieren: »Den Männern werden wir zeigen ...« »Macht endlich Platz, oder wir steigen über euch hinweg ...«, »Was bedeutet es, wenn wir keine Zigarren rauchen?« ("Year of the Woman« von Sandra Hochman). Den Madonnenheiligenschein wollen diese Frauen durch einen Männerhut ersetzen.

Die Frau sei immer passiv, unkritisch, als Gretchen gehalten worden. Nun soll sie von allem das Gegenteil sein, von einer Fremdbestimmung in die andere fallen? Diese ganze »Frauenbewegung«, wie sie sich in Berlin dargestellt hat und die für alle Frauen sprechen will, marschiert auf verkrüppelten Füßen und ist sich dessen nicht bewußt.

Ein Bild der wirklich freien, selbstbestimmten Frau ist uns doch noch gar nicht in den Sinn gekommen. Wie sieht es aus? Da reden sie von »Aufzucht der Kinder«, wie von der Aufzucht von Legehennen in Hühnerfabriken. Die Sprache verrät ihre Ziele. Das Wort »Abort« geht ihnen leichtweg über die Lippen, und die »flankierenden Maßnahmen« gehen in Nebensätzen unter, obwohl sie doch das Wichtigere in der Abtreibungsreform sind.

»Um die Abtreibung herum hat sich die Frauenbewegung gebildet«, heißt es in der Diskussion. »Abortfilme« sind Selbstzweck geworden. Die Notlagen kinderreicher Frauen; die ganz andere Situation von privilegierten Frauen; alles wird durcheinandergemixt. Denn diese privilegierten Frauen treiben ab, um ihre Mütter loszuwerden. Die Dichterin Sandra Hochman rezitiert in ihrem Film »Year of the Woman« ihre Verse »... Abtreibung ... Eine bezaubernde, ausgebildete Schwester / wusch mich von oben bis unten. Dann in einem / weißen Raum, entfernte der Arzt meine Kindheit«. Was ist das für eine »Umwandlung« der Frau, die am Anfang der Revolution stehen müsse, wenn die Frauen ihre eigene Kindheit »abtreiben«? Der Aufstand gegen die Mütter. Wie gut, daß meine Mutter nur Fernsehen guckt, sagt Sandra Hochman, was würde sie sagen, wenn sie mich hier demonstrieren sähe?

Was wäre mit der Sechzigjährigen geschehen, die vier Tage im Kino »Arsenal« die Filme angeschaut hätte und den Diskussionen zugehört hätte? Es waren kaum alte Frauen da. Sie hätte sich ja auf der Stelle umbringen müssen, so ein Minderwertigkeitsgefühl hätte sie bekommen.

Mutterschaft wird dargestellt als »das größte Gefängnis« ("Year of the Woman"). Schwangerschaft ist, da sind diese Frauen ganz angepaßt, ein passiver Reproduktionsvorgang; Kinder sind Parasiten ("Der Scharfrichter« von Ursula Reuter-Christiansen). Es hat immer eine »Mutterideologie« gegeben, aber eine Wertschätzung der Mutter hat es in unserer Gesellschaft noch nie gegeben. Die Filmerinnen und Wortführerinnen in Berlin bestätigen die gesellschaftlich anerkannte Minderwertigkeit der Mutter. Ist Kinderschaffen nicht die grundlegendste, wichtigste Produktion überhaupt?

In Sandra Hochmans Film sprechen. die Frauen diffamierend von den blöden Babys: mit Babys könne man nicht reden. Die Säuglinge und Kinder sind nur Objekte hier in Berlin, entweder hübsch und lieb oder schreiende Klötze am Bein.

In »Wer braucht wen?« hindert ein schreiendes Kind eine Arbeiterin, zur Versammlung zu gehen. Der Mann ist immer nur der blöde Trottel, der fett auf seinem Arsch sitzt, die Frau in den Arsch kneift und das Essen vorgesetzt haben will.

In Claudia Weills und Joyce Chopras Film »Joyce at 34« will die Filmemacherin Joyce kein zweites Kind, weil dann alles »zu Ende« wäre. Die Konflikte von Frauen mit drei Kindern oder mehr kommen nicht vor, nicht in den Filmen und daher auch nicht in der Diskussion.

In »I am Somebody« über den Streik von 400 schwarzen Krankenhausangestellten wiegt eine Schwarze während einer Demonstration ihr schlafendes, an sie geschmiegtes Kind in den Armen. Lange Einstellung. Dieses Bild bleibt Impression.

»Ich war voller Energie, und als das Kind kam, war alles vorbei«, sagt eine Frau in »Femö«, einer Dokumentation über ein Frauenzeltlager auf der süddänischen Insel Femö. Ehe die Frauen nicht erkennen, daß Kinderschaffen und praktische Tätigkeit genauso viel wert und genauso schöpferisch ist wie eine andere Tätigkeit auch, werden sie kein Selbstwertgefühl gewinnen. »Sie (die Männer) haben das Recht, sich auf etwas zu konzentrieren, und wir sind für die praktischen Sachen verantwortlich«, sagte eine Frau in dem Film »Femö«. Ich will Zugang haben zu allen Erkenntnismöglichkeiten, die uns Frauen immer verschlossen waren; aber ich pfeife auf Erkenntnismöglichkeit, wie die Männer sie durch viele Jahrhunderte hindurch praktiziert haben: frei von allem Praktischen, frei vom Körperlichen; ich bin eine Frau und will kein reduzierter Mensch sein.

Verlockend, Schlosserin zu sein oder Maurerin oder was noch?

In Valeska Schöttles Film »Wer braucht wen?« kommt eine selbstbewußte Schlosserin vor, die man aber nicht einstellt in ihrem gelernten Beruf. Die Frage ist nur, was für Schlosser, was für Maurer usw. werden wir Frauen sein? Werden wir die gleichen Nutzburgen bauen wie die Männer?

Nur in den nichtoffiziellen Gesprächen sprechen Frauen von der »Hoffnung auf einen neuen Typ Frau«, frei von solchen Trotzreaktionen wie »Wir werden es den Männern schon zeigen ...«

Denn worin unterscheiden viele der Filme sich von Filmen, die von Männern gemacht sind? In Fassbinders .Fernsehinszenierung »Bremer Freiheit«. erscheint der Säugling auch immer nur als kreischende Kulisse.

Am erträglichsten sind die ganz nüchternen Filme wie »Macht die Pille frei?« von Helke Sander oder »Sind Frauen unpolitisch?« von Luc Jochimsen.

Amerikanische Frauen (in einer Parallel-Veranstaltung) führten anschaulich vor, wie eine Frau mit Hilfe eines Spekulums ihren eigenen Gebärmutterhals begucken kann, wie eine Frau in zehn Minuten ihr Menstruationsblut absaugen kann. Vor einigen Jahren noch wagten viele Frauen nicht, ihre Vagina anzuschauen und aufzumachen; jetzt gibt es welche, die sich von der Menstruation »befreien«, wie man sich vom Winter befreit, indem man nach Mallorca fährt.

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