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STOFFWECHSEL Weg zum Sessel

aus DER SPIEGEL 10/1966

Goethe wurde von ihr geplagt, desgleichen Martin Luther, Knigge und der Alte Fritz. Wilhelm Busch ließ, in der Geschichte vom »Neidischen Handwerksburschen«, den freßsüchtigen Reichen daran leiden: »Der Dicke aber - 'autsch, mein Bein!' - hat wieder heut das Zipperlein.«

Zwei Jahrtausende lang galt die Gicht - mit ihrem stechenden Schmerz in teigig geschwollenen Zehen, Finger - und Kniegelenken - als Preis des Prassens, als Krankheit der Satten, der Säufer und Sexualprotze.

Indes: Maßhalten allein, so fanden jetzt ein deutscher und ein amerikanischer Forscher, schützt nicht vor Gicht. Nicht die Maßlosen, sondern die Besten werden vom Zipperlein betroffen: Eben jene Substanz, die in den Gelenken der Gichtkranken auskristallisiert und die peinigenden Schwellungen verursacht - Harnsäure -, glauben die beiden Wissenschaftler nun zugleich als Stimulans für Tatendrang, geistige Beweglichkeit und Durchsetzungsvermögen identifiziert zu haben. »Die Veranlagung zu Gicht«, so resümierten der Münsteraner Psychologe Dr. Ernst F. Müller und der amerikanische Biochemiker George W. Brooks, »ist auch der Motor auf dem Weg zum Direktorensessel.«

Bevorzugtes Studienobjekt der beiden Wissenschaftler, die Anfang dieses Monats im »Journal of the American Medical Association« über ihre Forschungen berichteten, waren Hochschullehrer. Brooks und Müller untersuchten Blutproben von 113 Professoren der Michigan-Universität in Arm Arbor und registrierten den Harnsäure-Anteil im Blutserum.

Zugleich ergründeten sie die Persönlichkeitsmerkmale und Arbeitsgewohnheiten der Test-Professoren. Resultat der Untersuchung: Wann immer die Forscher bei einem Getesteten eine hohe Harnsäure-Konzentration im Blut fanden, zeigte das zugehörige Psychogramm die Merkmale einer besonders energischen, beharrlichen und erfolgreichen Persönlichkeit. »Der Harnsäure-Anteil«, so formulierte Erfolgs-Forscher Müller, »kann möglicherweise als Gradmesser der Führungsqualitäten eines Menschen angesehen werden.«

Dieses Ergebnis der Michigan-Studie - Teil eines im Auftrag des US-Gesundheitsministeriums begonnenen Forschungsprojektes über die Zusammenhänge zwischen Körper-Stoffwechsel und Einstellung zur Arbeit - bestätigt Befunde, zu denen Brooks mit einem anderen Team bereits vor drei Jahren gelangt war.

Damals hatten Forscher der Universitäten in Arm Arbor und Pittsburgh die Belegschaften von Firmen untersucht und herausgefunden, daß die Arbeiter im Durchschnitt einen weit niedrigeren Harnsäure-Anteil Im Blut aufwiesen als die Wissenschaftler desselben Unternehmens; deren Harnsäure-Pegel wurde wiederum noch übertroffen, wenn die Forscher das Blut der Direktoren analysierten.

Die aufstiegsfördernde Wirkung der Harnsäure, so mutmaßen nun die Michigan-Forscher, beruht möglicherweise auf einem chemischen Reiz, den die Substanz auf bestimmte Hirnzellen ausübt. Dafür spricht, daß Harnsäure in ihrer Molekül-Struktur anderen hirnstimulierenden Substanzen - so etwa dem Koffein - ähnelt.

Zudem steht Harnsäure in einem engen Zusammenhang mit einer Substanz, von der die Biochemiker seit kurzem annehmen, daß sie entscheidend an den Lern- und Gedächtnisvorgängen beteiligt ist: der Ribonukleinsäure (SPIEGEL 4/1966).

Harnsäure in reiner Form ein weißes, geruchloses Kristall-Pulver, ist im menschlichen Organismus das Endprodukt des Eiweißstoffwechsels. Eiweißkörper, die der Mensch mit pflanzlicher oder tierischer Nahrung aufnimmt, werden in vielschichtigen chemischen Umbauprozessen zu lebenswichtigen Steuersubstanzen auf- und schließlich zu Harnsäure abgebaut. Jeden Tag entsteht im menschlichen Körper etwa ein Gramm dieser Substanz; ein Großteil davon wird über die Niere mit dem Harn abgeschieden, der Rest im Blutserum gespeichert.

Daß Harnsäure als Ingredienz für Herrschermut und Erfolg im Spiel sei, fanden die Michigan-Forscher auch durch einen Umstand bekräftigt, auf den vor zwölf Jahren der Evolutionsforscher Dr. Egon Orowan vom Massachusetts Institute of Technology hingewiesen hatte: Bei Tieren wird durch ein bestimmtes Enzym auch noch die Harnsäure in einfachere chemische Verbindungen aufgespalten.

Erst auf den höchsten Sprossen der Evolutionsleiter ging dieses Enzym verloren - im Blut gespeicherte Harnsäure ist eine biologische Eigenheit der Gattung Mensch. Manche Evolutionsforscher vermuten sogar, daß sich der Homo sapiens durch eben dieses Stimulans zum vernunftbegabten Herrscher im Tierreich aufgeschwungen habe.

Die Gicht, Folge zu großer Harnsäureansammlungen im Organismus, wäre demnach eine Art Preis für diesen Evolutionssprung; bei keiner Tierart wurde das Leiden je beobachtet.

Schon denken die Harnsäure-Forscher Brooks und Müller an eine praktische Nutzung der Erkenntnisse. Sollten sich ihre Hypothesen weiterhin bestätigen, so wäre vielleicht eine Antriebs-Droge für die Erfolgsarmen, auf der sozialen Aufstiegsleiter Zurückgebliebenen gefunden.

Doch nicht nur die Gefahr, auf diese Weise ein Geschlecht der Gichtigen zu züchten, dürfte die Forscher bei solchen Versuchen irritieren. Die Mediziner geben zu bedenken: Extrem hoher Harnsäuregehalt im Blut kennzeichnet auch bestimmte Formen von Schwachsinn.

Gichtkranker Friedrich der Große*

Herrschermut durch Harnsäure?

Gicht-Forscher Müller

Die Qualitäten eines Menschen ...

Gicht-Forscher Brooks

... zwacken im Zeh

* Kupferstich von Daniel Chodowiecki (1726 bis 1801).

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