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Wege und Umwege

aus DER SPIEGEL 32/1996

»Narretei«, wetterte Herbert Wehner, als er von den neuen Deutschlandplänen aus Berliner SPD-Kreisen erfuhr. Da hatte sich der Senatspressechef Egon Bahr auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, knapp zwei Jahre nach dem Berliner Mauerbau, hingestellt und erklärt, man müsse den Status quo zunächst anerkennen, um ihn sachte zu verändern. Doch hinter Bahrs Tutzinger Rede von 1963 steckte Berlin-Bürgermeister Willy Brandt; Bahrs Schlagwort vom »Wandel durch Annäherung« wurde zum Schlüssel der Ost-West-Entspannung.

Der Berliner Historiker Andreas Vogtmeier wertet Bahrs politische Akten in einer umfangreichen Analyse aus, die zuweilen übergenau geraten ist. Dabei kommen die biographische Anschaulichkeit und die Dramatik der politischen Ereignisse erzählerisch zu kurz. Doch glaubhaft schildert der Autor Bahrs immerwährende Suche nach Wegen und Umwegen zur deutschen Einheit. Sie war das Ziel, dem Brandts Chefunterhändler sogar die Bündnisse zu opfern bereit war. Der Grund: Bahr hielt es für undenkbar, daß Moskau jemals die Nato-Mitgliedschaft Gesamtdeutschlands akzeptieren würde. Daher wollte er die Ost-West-Konfrontation in einem gesamteuropäischen Bündnissystem überwinden.

Ein weiterer Irrtum überschattet Bahrs Verdienste als Wegbereiter der Friedenspolitik und der Wiedervereinigung bis heute: Aus ständiger Sorge vor Aufruhr und Blutvergießen verbannte der Sicherheitspolitiker aus seinen Einheitskonzepten die Einmischung »der Straße« und überging damit, auch noch als Oppositionspolitiker, weitgehend die DDR-Bürgerrechtler. Als das Volk die Mauer friedlich stürmte, mußte sich die Graue Eminenz kleinlaut eingestehen: »Die Politik hat die Sicherheitsfrage überrollt.«

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