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FERNSEHEN Wege zum ich

Mit kostspieligen Literatur- und Historienfilmen will die ARD ihre Montags-Serien aufwerten -- deutsche Gegenwart wird ausgespart.
aus DER SPIEGEL 31/1979

Montags abends, um 20.15 Uhr, gibt die ARD ihren Zuschauern alles.

»Menschheitsgeschichte« lehrt dann der Bildschirm; dann sollen »die Menschen« im TV-Programm »Materialien zur Abstützung, Umformung, Bestätigung oder Infragestellung ihrer eigenen Identität, ihrer Existenz, ihrer Lebensweise suchen und finden«. Sie lernen, so verheißt ein ARD-Kommuniqué, »sich selbst und ihre eigene Welt zu begreifen«. Reif und weise also wird der Mensch, wenn er nur regelmäßig den Montagsserien Beachtung schenkt.

Wege zum Ich hat ihm beispielsweise eine Schiffer-Serie, der Rhein-Fall »MS Franziska«, gewiesen. Zur existentiellen Infragestellung hat das Landesversicherungsanstalts-Serial »Die Kur« einen Beitrag geleistet. Geduldig auch hat der Mensch die versprochenen Materialien im Dreizehnteiler »Liebe zu Lydia« gesucht. Außer »Langeweile und Peinlichkeit« ("Funk-Korrespondenz") allerdings war in den 1978 eingeführten, groß propagierten Montag-Spielserien meist nichts zu finden.

Aber das waren, wie ein TV-Redakteur einräumt, »Startschwierigkeiten"' »böse Schnitzer«; jetzt will die ARD die selbstgesteckten Ansprüche einlösen, Geißendörfers eindringlicher »Theodor Chindler« war ein Anfang. Wird die Montag-Serie seriös?

Ende August startet der Südwestfunk Wolfgang Staudtes Siebenteiler »Der Eiserne Gustav« (mit Gustav Knuth in der Titelrolle). Es folgen: >"Die Buddenbrooks"' ein Elfteiter

vom Hessischen Rundfunk; > »Jacques Offenbach«, eine sechsteilige, in Frankreich produzierte Biographie, die der Bayerische Rundfunk Anfang 1980 zeigt;

* »Der Graf von Monte Christo«, eine sechsstündige Bavaria-Coproduktion;

* »Der Orientexpreß« des Bayerischen Rundfunks, eine sechsteilige internationale Produktion, und > »Berlin Alexanderplatz«, Fassbinders monumentale Döblin-Verfilmung für den WDR.

Auch die fernere Zukunft ist schon verplant. Der WDR hat den DDR-Regisseur Egon Günther für eine siebenteilige TV-Version von Lion Feuchtwangers Roman »Exil« engagiert. Im WDR-Auftrag schreibt Leo Lehman die Geschichte eines jüdischen Kindes im Weltkrieg-II-Polen.

Der SFB will den Lenz-Bestseller »Heimatmuseum« mehrteilig verarbeiten und -- in elf Folgen vom segensreichen Wirken der »Hugenotten« in Preußen berichten. Südwestfunk und NDR wollen gemeinsam Hand an Fontanes Roman »Vor dem Sturm« legen. Literatur und Geschichte werden zu TV-Pflichtfächern, für diese Lektionen ist den Anstalten nichts zu teuer.

* Links: Günter Lamprecht, Karin Baal. Oben: Ruth Leuwerik (2. v. l.), Martin Benrath ( 2. v r.). Rechts: Regisseur Wolfgang Staudte. Guatav Knuth.

Die Fernsehspiel- und Unterhaltungsressorts' die den Montagstermin gemeinsam bestücken, beziehen gewaltige Extra-Mittel aus den Anstaltskassen. Elf Millionen kosten beispielsweise die »Buddenbrooks«. Nur ausnahmsweise lassen sich die Serien-Investitionen durch Auslandsverkäufe amortisieren. Ökonomische Gesichtspunkte, sagt der Frankfurter TV-Spielchef Hans Prescher, »spielen bei uns keine Rolle«, das Interesse der »engherzigen, nationalistischen Franzosen oder Briten« an deutschem TV-Spiel sei gering.

Aber es gibt ja in diesem Serienprogramm sogar für hiesige Zuschauer wenig Animierendes. Die »Hugenotten«? Nein, danke. Das SFB-Projekt über die »Entwicklung der deutschen Eisenbahn«? Muß auch nicht sein. Zeitgenössisches, bundesdeutsche Realität ist in diesem Spielplan offenbar tabu.

Denn für Gegenwartsstoffe, für die präzise Schilderung sozialer Konflikte etwa, sind die Senderhierarchen nur schwer zu erwärmen. Sobald politisches Leben auf den Bildschirm kommt, schlagen die Parteien Alarm, voran die CDU/CSU. Und im Trommelfeuer der konservativen Anstaltsaufseher haben Intendanten und Redakteure längst die weiße Fahne gehißt. Der Griff in den Bücherschrank, Abteilung Belletristik, erspart den Ärger.

Sollte dennoch einer kühn sein, der Bayerische Rundfunk? »Manchmal bin ich ein Adler« heißt seine dreiteilige, für Juni 1980 geplante Montagsserie. Doch deren Held ist nur ein Einfaltspinsler, der italienische Naiven-Maler Antonio Ligabue.

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