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POP Weinen über Deutschland

Lange Zeit waren sie bloß eine Lieblingsband britischer Kritiker - doch ihre Hymne zur Fußball-EM machte die Lightning Seeds in ganz Europa berühmt.
aus DER SPIEGEL 8/1997

Im glorreichen Jahr 1966 gewannen sie die Weltmeisterschaft, doch was dann folgte, waren drei Jahrzehnte voller Schmach und Schande: England, die Heimat des Fußballs, sah den eigenen Nationalstolz beständig torpediert.

Das sollte sich mit der Europameisterschaft im vergangenen Jahr endlich ändern, fand ein Fußball-Fanatiker aus Liverpool; und so schrieb Ian Broudie einen Song, den er mit seiner Band The Lightning Seeds und zwei Fußball-Kommentatoren aufnahm. »Football is coming home, is coming home ...« lautet der Refrain, den zeitweilig halb Europa mitgrölte: Der Lieblingssport der Briten (und der Meisterschaftspokal) sollte heimkehren ins Mutterland.

Mit dem Turniersieg wurde es bekanntlich nichts, weshalb der Musiker Broudie seine Hymne mit dem Titel »Three Lions« heute keinesfalls als Nationalisten-Machwerk mißverstanden wissen will. »Es ist kein Lied über England, sondern ein Popsong über das großartige Gefühl, daß manchmal alles möglich ist«, sagt er. »Wir wissen, daß die Brasilianer und die Italiener sicher die begabteren Spieler haben, aber es geht darum, trotzdem zu gewinnen.«

Ian Broudie saß im Stadion, als die Deutschen den Höhenflug der Engländer bremsten. Und als alles vorbei war, hat er erst mal geweint und sich danach ordentlich betrunken. »Es war definitiv der traurigste Tag meines Lebens«, meint er noch immer.

Zur Zeit sind Broudie und seine Band auf Tournee durch deutsche Konzerthallen, um ihr neues Album »Dizzy Heights« vorzustellen - und vermutlich hofft der Brite vergebens, daß die Fans ihn mit »Football is coming home«-Begrüßungsgesängen verschonen werden. Denn inzwischen wird der »Three Lions«-Song auch in deutschen Stadien gegrölt, und Broudie, den das britische Fachblatt new musical express noch unlängst als »anonymsten Popstar der Welt« bezeichnete, ist ein berühmter Mann.

So nutzt der Labour-Politiker Tony Blair den »Coming home«-Jubel, um bei den nächsten Wahlen endlich die Regierungsmacht der britischen Konservativen zu schleifen. Und die Popkritiker widmen dem Musiker mittlerweile ausufernde Porträts und Liebeserklärungen - vor allem für sein Talent als Melodienschreiber wird Broudie gepriesen.

Daß er trotzdem ziemlich untypisch für einen Popstar wirkt, mag daran liegen, daß der Musiker eine Leidenschaft für häßliche Brillen pflegt und auch sonst wenig auf sein Äußeres achtet: Die Lightning Seeds sind bis heute keine der Bands, deren Poster sich schwärmerische Mädchen ins Schlafzimmer hängen.

Seinen Ruf als großer Unbekannter hat sich Broudie vor allem hinter den Kulissen des Popgeschäfts verdient: Als Musiker und Produzent betreute er so erfolgreiche Bands wie Echo and the Bunnymen, Frankie goes to Hollywood oder Sleeper; auch Blur profitierte von dem stillen Perfektionisten. Viele heute legendäre Platten habe er im Studio erst schleifen müssen, bis sie strahlten, so berichtet er: »Ich habe aus Songs das Tempo rausgenommen oder drastisch erhöht. Und manche Songs habe ich einfach neu geschrieben.«

Geboren wurde Broudie, 38, ausgerechnet in jener Londoner Straße namens Penny Lane, die von den Beatles in einem Song verewigt wurde - so was nennt man Schicksal. Als Junge spielte er in vergessenen Punkbands. »Wir waren so schlecht, daß ich mich anstrengte, wenigstens die Technik zu verbessern«, sagt Broudie; und weil er damit erstmals Talent bewies, wurde er Produzent.

Am meisten Wert legt Broudie auf die Melodie. Ein Text muß bei ihm nur passen - aber ein Refrain, der muß perfekt sein. Und weil er das Gefühl hatte, daß er den idealen Song nur mit seiner eigenen Band hinbekommen würde, gründete er vor ein paar Jahren mit einigen Kumpanen die Lightning Seeds. Ihr Debüt-Album »Cloud- cuckooland« war ein kleiner Geniestreich voller filigraner Gitarrenpopsongs. Trotzdem brachte es die Platte nur zum Achtungserfolg.

Erst mit dem dritten Lightning-Seeds-Album »Jollification« glückte Broudie dank der beiden Hits »Change« und »Lucky You« 1994 endlich ein Bestseller. Und nachdem er mit dem »Three Lions«-Song nun bewiesen hat, daß er auch echte Popklassiker zustande bringt, haben sich auch seine Träume gewandelt: »Früher habe ich mir gewünscht, mit einer Band so groß wie die Beatles zu werden; heute hoffe ich nur noch, daß wir Briten eines Tages die deutsche Fußballelf schlagen.«

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