Zur Ausgabe
Artikel 72 / 98
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Unterhaltung Weitermachen, haha

Der Hamburger Klavier-Professor Justus Frantz debütierte im ZDF als Showmaster.
Von Klaus Umbach
aus DER SPIEGEL 48/1990

Sollen sie doch ruhig stänkern und wieder mal ihre Kotzbröckchen in die Kulturspalten spucken, die alten Miesmacher aus den Feuilletons: Er war trotzdem wunderbar, einfach wunderbar.

Wie er die georgische Dirigentin Liana Issakadse mit riesigem Blumenbukett von der Bühne bugsierte, bei vierhändigem Brahms mit Sohn Christopher den Steinway beflügelte, ja, überhaupt, wie er - Nase vorn - über das klassische Terrain schnüffelte, das macht dem Justus Frantz kein Frank Elstner nach. Warum sollten wir ihn nicht zu unserem Mozart erkiesen, zum Amadeus der Ära Kohl, diesen Lausbub von Mitte 40?

Obwohl letzten Mittwoch der Buß- und Bettag über dem Land lastete und den TV-Programmen eigentlich nur Getragenes anstand, war der Professor Frantz durchweg heiter und trug mit heiterer Miene Heiteres über den heiteren Mozart vor. Der Liebreiz, den er dabei im zweiten Kanal verströmte und der von dort in die weite Kulturlandschaft ausstrahlte, wirkte, ehrlich gesagt, noch beglückender als seinerzeit die Anmut der multimedialen Musik-Mutti Anneliese Rothenberger mit ihrem kunstvoll gelifteten Image. Jedenfalls ist die Leerstelle, die sich seit dem Abgang der Sopranistin vom Mainzer Lerchenberg ins steuerlich günstigere Eidgenössische (Hanglage südliches Bodenseeufer) beim ZDF auftat, würdig ausgefüllt.

Wie der Klavier-Professor so dastand und aus Ludwigsburg in die heile Welt lächelte, da hatte die E-, die ernste Musik, dieser gestrenge Kosmos der Toccaten, Fugen und Kontrapunkte, auf einmal allen Schrecken verloren: Mozart erschien als der smarte Yuppie von nebenan, Brahms kam uns nahe wie der Bruder Johannes, weg war unser aller Bammel vor As-Dur und fis-Moll. Da bedurfte es, entgegen dem Sendetitel »Achtung! - Klassik«, keines Winks mit dem Ausrufezeichen mehr, als sei der alte Bach ein bissiger Hund gewesen.

So lag eine stille Lustbarkeit über dem Auditorium, als Showmaster Frantz aus der Deckung der Mainzer Dekoration eine richtige Stimmungskanone auffuhr: den in Film, Funk, Fernsehen, Opernhäusern, Liederhallen und Plattenstudios gleichermaßen beliebten Bariton Hermann Prey. »Hallo, Hermann, schön, daß du da bist«, entfuhr es Frantz, der für den Kollegen rasch ein paar Nettigkeiten ausplauderte. Da lachten beide, und die Zuschauer klatschten, ihre Mienen strahlten, und auch innerlich dürften sie von all dem Glück geleuchtet haben, das die E-Musik verbreitet.

Flugs, sozusagen Stand-by, buchten die beiden Frohnaturen dann Schuberts »Winterreise« und drohten nach dem ersten prompt mit dem zweiten Lied. »Wollen wir weitermachen, haha?« schelmte Prey, aber da war, haha, die Programmplanung vor: Nein, der Sänger mußte sich und uns nun mit der Schnulze »Caro mio ben« beölen, wodurch sich der eigentlich bunte Abend doch noch ins Tragische wendete.

Denn nun timbrierte auch Frantz seine Stimmbänder als Trauerflor, nahm die Brille ab und blickte - mit Kontaktlinsen? - nicht nur todernst in die ZDF-Kameras, sondern auch in die Abgründe von Mozarts c-Moll-Konzert. Während seine Hände gefühlig über die Weichteile im Köchel-Verzeichnis 491 tasteten, deutete er Variation für Variation, und alles klang nach Totenmesse. Die erste Variation sei »Ausflucht oder Vermeiden«, die zweite »angsterfüllter«, vier sehe er als »Tröstung« und fünf sei eine »ganz kirchliche Variation, wie wenn er den Glauben zu Hilfe nähme«. Amen.

Doch mit dem Schlußakkord hellte sich die Pöseldorfer Leichenbittermiene wieder auf, Stimme und Stimmung des Pianisten schlugen um von Kondolenz auf Klingeling. Am ersten Weihnachtstag geht es hoffentlich so wunderbar weiter, wie es angefangen hat, und zur schönen Bescherung kommt, haha, auch Richard von Weizsäcker zu Frantzieboy. Süßer die Glocken und so.

Klaus Umbach

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 72 / 98
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel