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NEUE WELLE Frische aus Hagen

Film, Langspielplatte, Erfolgssingles - die Schlagersängerin Nena wurde zum neuen Star der deutschen Teenie-Szene.
aus DER SPIEGEL 8/1983

Arglos kichernd bekannte die Schlagersängerin Nena ihren größten Wunsch: »Ich möchte mal ernst genommen werden.« Das war vor laufender Kamera und Anfang Februar. Vorige Woche war es soweit.

Ihre Langspielplatte »Nena« schaffte die werbewirksame »Goldene« Viertelmillion. Die Nena-Single »99 Luftballons« überflog die halbe Million Verkaufsauflage.

Der Schlagerfilm »Gib Gas - ich will Spaß« mit Nena und dem Sänger Markus erntete sogar in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« ein Lob. Am vorigen Donnerstag schließlich wurde Nena, 22, gelernte Goldschmiedin, auch noch Titelmädchen der Illustrierten »Bunte«. Zeile zum Bild: »Das neue deutsche Mädchen«.

Der Rummel gilt einem Superstar der Teenie-Szene, der zum richtigen Zeitpunkt S.210 den Flachsinn der Neuen deutschen Welle mit Schlager-Leben erfüllt hat. Denn anders als etwa »Trio« aus Großenkneten ("Da da da") ist bei der Nena die Gefahr gering, daß Text und Musik als hämische Ironie aufgefaßt werden könnten.

Ihr klar-kitschiger Singsang »Ich hab' heute nichts versäumt, denn ich hab' nur von dir geträumt« brachte Nena und der (gleichnamigen) Band seit August Dauereinsätze auf den seichteren Radio-Wellen, Auftritte bei Dieter »Thomas« Heck und Frank Elstner sowie Lobeshymnen in der einschlägigen Presse von »Bravo« bis »Pop Rocky«. Von März an geht Nena auf Tournee.

Anders aber auch als bei den dumpfen Wellen-Reitern Hubert Kah ("Sternenhimmel") oder »UKW« ist Nenas leicht heisere, oft zurückgenommen kieksende Stimme unverwechselbar. Und sie bringt Sex auf die Bühne. Dann aber wirkt die Frische aus Hagen wie Mick Jaggers jüngere Schwester. Wesentlich jünger.

Wie der Alt-»Stone« schmeißt sich Gabriele Susanne Kerner in die Musik, mit wuchtigen Arm- und runden Beckenschwüngen. Dann aber bricht immer mal wieder das langjährige Training in den Discos zu Hagen durch, hopst und trippelt eine fröhliche Vorstadt-Lolita über die Bretter.

»Nena«-Lieder werden auch von den vier »Nena«-Musikern geschrieben und getextet, die Mischung auf der LP reicht von gezähmter Betonkritik ("Satelliten-Stadt, wie ein Eisberg kalt und glatt"), zu Pubertäts-Erotik ("Heute ist Vollmond und die Nacht ruft nach mir, komm mit mir tanzen und ich küss' dich dafür") - alles nett, alles harmlos.

Instinktsicherheit beim Aufspüren und (Nach-)Empfinden der Herzensregungen deutschen Jung-Volks bewies auch Regisseur Wolfgang Büld. In »Gib Gas - ich will Spaß« (in Anlehnung an den Gassenhauer des Nena-Filmpartners Markus) verzichtet der Regisseur auf stringente Handlung und Niveau.

In der krausen Ausreißergeschichte wechseln die Schauplätze ebenso häufig wie die Verkehrsmittel, auf und in denen Nena und der brave Partner (Textzeile: »Mein Maserati fährt 210, schwupp, die Polizei hat's nicht gesehn") durch den Film hetzen.

In jeder Szene trägt Nena andere Klamotten, immer bunt, immer schräg. Vor der Liebe singen die beiden erst mal Duett. Der Markus-Konkurrent ist ein Hallodri vom Rummelplatz, und der Komiker und Schielist Karl Dall spielt mal einen Busfahrer, mal einen angesoffenen Piloten.

Regisseur Büld ("Punk in London«, »Brennende Langeweile") sieht in Film und Schlager einen ersten Ausdruck des ganz neuen Bewußtseins in der deutschen Jugend. Der Punk-Spruch »No future« sei ohnehin vom »durchaus lustbetonten Schlachtruf nach Freude und Spaß« hierzulande zum »Alibi für resignative Grübelei und selbstmitleidiges Gewinsel« verfremdet worden. Der allerneueste deutsche Schlager rücke das Mißverständnis entsprechend zurecht.

Anderen paßt die Richtung weniger. Udo Lindenberg, in diesen Wochen immer mal mit der »Grünen Raupe« auf Stimmenfang für die Bundestagswahl, kanzelte pauschal den ganzen Schlagerladen ab, wohl Nena inklusive: »Apolitische Werbekapellen für die Junge Union.«

Da hat mal einer Nena richtig ernst genommen.

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