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KUNST Welt für sich

Jugendstil in Darmstadt, Art Déco in Paris -- Doppel-Rückblick auf zwei Ausstellungen, die ihre Zeit im Kunstgewerbe spiegelten.
aus DER SPIEGEL 45/1976

Die Besucher, »im Durchschnitt der wohlhabenden Mittelklasse angehörend«, gerieten in eine »Stimmung freudigen Staunens«. Denn »daß es so viel Behagen, so viel Heiterkeit und Anmuth auf der Welt gehen kann, wo ein künstlerischer Geschmack die Wege weist, war ersichtlich den Allermeisten ganz neu.«

Derlei Begeisterung griff, nach zeitgenössischem Expertenurteil, 1901 in Darmstadt um sich, als eine vom Landesherrn angelegte »Künstlerkolonie« dem Publikum ihr Streben und Schaffen nahebrachte.

Auf dem weitläufigen Gelände der »Mathildenhöhe« waren nicht einzelne Werke hoher Kunst zu besichtigen, sondern zu diesem Zweck errichtete Wohnhäuser, angefüllt mit Gegenständen des täglichen Bedarfs, jedoch von edler Form. Bauten, Möbelstücke. Teppiche, Eßbestecke -- allem war ein »großes Sehnen nach ästhetischer Kultur« anzumerken. Programmatisch hieß die Ausstellung: »Ein Dokument Deutscher Kunst«.

Jedenfalls war sie ein Dokument für jenes Zeitgefühl, das jedermanns Leben mit Jen geschmeidigen Formen des Jugendstils umschlingen und so adeln wollte: auf praktische Art »modern«, doch auch von unerbittlicher Weihe.

So markant die Darmstädter Veranstaltung war -- als ein in Design und Kunsthandwerk formuliertes Selbst-Zeugnis einer Zivilisationsepoche ist sie keineswegs unvergleichbar. Auch wer etwa 1925 in Paris die »Exposition Internationale des Arts Décoratifs et Industriels Modernes«, ein den Weltausstellungen des 19. Jahrhunderts nachempfundenes Unternehmen, besuchte, hatte eine scharfe Momentaufnahme des -- gewandelten -- Zeitgeists vor Augen. Der zackige »Art Déco«-Stil ist nach ihr benannt.

Wie nun der gegenwärtige Kunstbetrieb so spielt, stehen beiderorts, jeweils mit Jubiläums-Vorwand, Reprisen der historischen Veranstaltungen auf dem Programm.

Die Pariser Ausstellung von 1925, seinerzeit auf großem Areal rechts und links der Seine aufgebaut, ist zu ihrer leicht verspäteten Fünfzigjahrfeier im Musée des Arts Décoratifs mit dokumentarischen Großphotos und authentischen Möbel-Arrangements andeutungsweise rekonstruiert. In Darmstadt war 75 Jahre nach dem Ereignis noch der originale Schauplatz verfügbar:

Die transportablen Produkte der Künstlerkolonie sind im Ausstellungsgebäude auf der Mathildenhöhe versammelt, das zwar erst von 1908, aber vom »Kolonie«-Architekten Joseph Maria Olbrich stammt und gleich neben den älteren Atelier- und Wohnhäusern steht. Parallel-Ausstellungen zu Kunst und Dekoration der Jahrhundertwende sind in Landesmuseum und Kunsthalle untergebracht*.

* Paris bis 2. Februar. Katalog 168 Seiten; 20 Franc. Darmstadt bis 30. Januar. Katalog in fünf Bänden zusammen 952 Seiten; 50 Mark.

Hier wie dort reiche Augenweide an Geglücktem und Verrücktem: geschwungenes Mobiliar und maßvoll ornamentiertes Hausgerät von höchster Zweckschönheit, Prachtlorgnetten mit Blumenzierat und Lampenschäfte in Jungfrauengestalt. Zigarettendosen von geometrisch-asketischem Email-Schmuck, bedrohlich eckige Sitzgelegenheiten und kubisch geformte Uhren.

Die Stilentwicklung von Darmstadt bis Paris ist einleuchtend und aussagekräftig. Wie die üppig-elegische, auf Harmonie zielende Stimmung der Jugendstil-Generation der forcierten Hektik der Zwischen-Weltkriegs- und Jazz-Zeit weicht, wird die Ranke zur Stromlinie, der Gestus zunehmend eckig.

Übergänge sind leicht zu finden: Schon Olbrich-Nachfolger Albin Müller hatte bis 1914 auf der Mathildenhöhe in einem ähnlich gedrungenen Sepulkralstil weitergebaut, wie ihn Pariser Pavillons von 1925 zeigen. Und oft ist die »Art Déco«-Form geradezu erstarrter Jugendstil. Glaskünstler René Lalique beispielsweise schaffte die neue Kurve mit Frauen- und Adlerköpfen als Autokühler-Zier.

Die »Exposition Internationale«, ihrem Namen zum Trotz eindeutig national beherrscht, war ungeniert ein Kommerz-Festival. Das »Dokument Deutscher Kunst« war das nur verschämt. Die Kolonie-Künstler und ihr regierender Mäzen planten ja pädagogisch, die Kunst ins Leben zu tragen. Freilich hatte, wie die Festschrift rühmte, Großherzog Ernst Ludwig sich weise ausgedacht, Kunst »da zu fördern, wo sie am unmittelbarsten in das Leben des Volkes eingreift: im Gewerbe«.

Das alles konnte nicht wirklich klappen. Zwar nahm die emporstrebende Darmstädter Möbelindustrie einige Künstler-Anregungen auf, doch weder waren ihre wirtschaftlichen Erfordernisse konsequent mit einem rigorosen Schönheitsideal zu verquicken, noch war dies ernsthaft den Mittel- und Unterschichten zugedacht. »Hier soll kein Alltagsmensch wohnen«, verfügte Künstler Hans Christiansen über sein eigenes Wohnhaus. »aber einer, der seine Welt für sich hat.«

Das derart widersprüchliche, gescheiterte »Dokument Deutscher Kunst« soll für die Darmstädter Aussteller von 1976 denn auch, was man ihrer opulenten Inszenierung nicht überall gleich ansieht, kein Gegenstand der Verklärung, sondern abschließend-kritischer Untersuchung sein. Und der Pariser Museumschef Francois Mathey macht seinen Ausstellungsstücken aus jenen Jahren, die so »geradewegs und tödlich in den nächsten Krieg führten«, gleichfalls ein zwiespältiges Kompliment.

Er sagt: »Die Empfindung der Epoche, die gerade von den nichtigsten Werken ausgeht, ist bedeutender als das Werk selbst.«

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