Virtuelles Corona-Benefizkonzert Weltstars im Wohnzimmer

Dutzende Musiker schalteten sich zu einem globalen Corona-Benefizkonzert zusammen. Sie sangen in Küchen, Kellern, Einfahrten. Politik sollte außen vor bleiben - und klang doch oft durch.
Von Marc Pitzke, New York
Lady Gaga singt im Wohnzimmer für das Benefizkkonzert "One World: Together at home"

Lady Gaga singt im Wohnzimmer für das Benefizkkonzert "One World: Together at home"

Foto: Getty Images/ Getty Images for Global Citizen

Selbst die unverwüstlichen Rolling Stones hocken in der Corona-Quarantäne. Die vier Altrocker hatten ihre Nordamerika-Tournee schon im März absagen müssen und haben sich seither in ihren Villen verbunkert, in Großbritannien und Kalifornien.

Doch am Samstagabend waren sie kurz wiedervereint - zu einer virtuellen Jamsession. Anlass: "One World: Together at Home" , das weltweite Benefizkonzert für die Opfer und Helfer der Coronakrise.

Es wurde sofort einer der schrägsten, doch authentischsten und ikonischsten Auftritte in der 58-jährigen Geschichte der Band. Und das war erst der Anfang.

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Nacheinander erschienen sie auf Millionen Bildschirmen, als vierfacher Splitscreen. Links oben: Mick Jagger, 76, in Los Angeles in einer Zimmerecke. Rechts oben: Keith Richards, 76, in Sussex auf dem Sofa, vor sich ein Drink. Links unten: Ronnie Woods, 72, in Surrey neben einer antiken Wanduhr. Rechts unten: Charlie Watts, 78, in Devon vor einem Regal voller Schallplatten.

Ihre akustische Version von "You Can't Always Get What You Want" war roh, rudimentär, krächzend - und doch unverkennbar. Statt auf einem Schlagzeug trommelte Watts grinsend in der Luft und auf einer Kiste herum und gelegentlich auf einer Sessellehne.

Es war der Höhepunkt dieser zweistündigen, von Lady Gaga "kuratierten" Show, die als moderne Version von "Live Aid" annonciert war. Alle, die jünger sind als 30, dürften sich nicht erinnern: Bei jenen zwei Satelliten-Mammutkonzerten 1985 in London und Philadelphia hatten 75 Bands und Solo-Acts vor einem Weltpublikum von fast zwei Milliarden Menschen gegen den Hunger in Äthiopien angesungen - darunter die Rolling Stones.

DER SPIEGEL

Diesmal war die Not global - und die Show lokal. Dutzende Stars meldeten sich aus ihren Wohnzimmern, Schlafzimmern, Küchen, Kellern, Gärten, Balkons, Terrassen. Viele waren bei "Live Aid" noch nicht mal geboren. Am Ende kamen bei dem virtuellen Benefizfestival 127 Millionen Dollar zusammen.

Alicia Keys, Andrea Bocelli, Annie Lennox, Billie Eilish, Celine Dion, Common, Elton John, Jennifer Hudson, Jennifer Lopez, John Legend, Kacey Musgraves, Lizzo, Paul McCartney, Sam Smith, Shawn Mendes, Sheryl Crow, Stevie Wonder: Einige sangen in ihre Smartphones, andere in professionelle Mikrofone, wieder andere standen in komplett ausgebauten Heimstudios, etwa Keith Urban (mit Gast Nicole Kidman). Das Make-up war hausgemacht, die Musik ebenso, unplugged, weitgehend jedenfalls.

Dabei störte es kaum, dass nichts davon live war.

Doch um die Musik ging es sowieso weniger. Es ging darum, mal einen Abend innezuhalten im endlosen Corona-Drama und den Schwall der horrenden Schlagzeilen und Bilder und - jedenfalls hier in den USA - die politischen Tiraden aus dem Weißen Haus auszublenden.

Wo ist Melania Trump?

Stattdessen sollten diejenigen im Mittelpunkt stehen, die von der Coronakrise am meisten betroffen sind - und die, die seit Wochen ihr Leben einsetzen, um deren Leben zu retten und zu verbessern.

Allen voran die Weltgesundheitsorganisation WHO, die ja gerade von Donald Trump zum Sündenbock für die eigenen Fehler gemacht wird. Das war wohl das wichtigste politische Statement dieser Show, die keine Politik machen wollte.

Das andere war, dass kein einziges Mitglied der US-Regierung auftrat. Nur die früheren First Ladys Michelle Obama und Laura Bush wirkten mit - die eine in Chicago, die andere in Texas. Ihre Appelle an Einheit und Solidarität klangen wie eine schallende Ohrfeige für ihre Nachfolgerin Melania Trump, die in diesen Krisenzeiten nirgends zu finden ist.

Alles ist zurzeit eben politisiert - selbst das Mantra, das auch hier immer wieder zu hören war: Hände waschen, zu Hause bleiben. Trumps rechtsextreme Basis marschiert ja neuerdings in etlichen US-Staaten genau dagegen an, zum Entsetzen der Corona-Frontkämpfer.

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Dankenswerterweise kamen Letztere bei "One World" mindestens genauso oft zu Wort wie die Promis. In den gehetzten, erschöpften, manischen, dankbaren Stimmen der Ärzte, Schwestern, Pfleger, Sanitäter, Forscher und stillen Helfer offenbarte sich sowohl die ganze Tragik unserer Zeit wie ihre herzzerreißende Humanität.

"Wir sind eine Familie", proklamierte Beyoncé in einem gesangsfreien Beitrag. Leider sagte der Blick in all diese VIP-Residenzen genau das Gegenteil - obwohl Beyoncé die gesellschaftlichen Klüfte ansprach, die das Coronavirus entblößt, vor allem die überproportionalen Todesraten von Schwarzen. "Sie haben nicht den Luxus, zu Hause zu arbeiten", sagte sie - zu Hause an einem Fenster mit Blick über idyllische Baumwipfel.

McCartney in der Küche, Elton John in der Garageneinfahrt

Die häuslichen Kulissen lenkten denn auch immer wieder ab, und oft waren sie sogar interessanter als die Musik - wenn nicht unbedingt so stilvoll, wie man das erwartet hätte. Hinter Lady Gagas Klavier lagen zwei goldene Minihanteln auf dem Boden. Der weißhaarige Paul McCartney - auch er war bei "Live Aid" schon dabei gewesen - schien in der Küche zu sitzen. Elton John mühte sich an einem Konzertflügel in der Garageneinfahrt ab.

Der Flügel stamme aus einem anderem Haus und sei extra angeliefert und desinfiziert worden, schrieb Johns Ehemann David Furnish, der das Video mit seinem iPhone schoss, auf Instagram.

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John Legend und Sam Smith sangen "Stand By Me" als Duett duellierender Wohnzimmer - der eine vor einem Regal voller Grammys, der andere vor einem rustikalen Geländer. Shawn Mendes und die kubanische Sängerin Camila Cabella saßen nebeneinander am Klavier und himmelten sich an - was Zweifel an ihrer Liaison beseitigt haben dürfte: Gemeinsam in Quarantäne ist halb verheiratet.

Nur Jennifer Lopez' Auftritt war verkrampft darauf inszeniert, nicht inszeniert zu wirken. Die Allround-Künstlerin saß zwischen Kerzen in ihrem Garten, unter einem von Lichterketten illuminierten Baum, geschminkt und autogetunt für ihre Version von Barbra Streisands "People", die jedes Vogelzwitschern überschallte.

Doch wie gesagt, um die Musik ging es weniger. Während die Coronakrise die USA zu zerreißen beginnt, war "One World" eine willkommene Pause vom Gezeter der Politik - und eine nötige Erinnerung daran, dass immer noch zahllose Menschen sterben und zahllose andere alles daran setzen, das zu verhindern.

Doch wenn selbst die Rolling Stones das überstehen, besteht Hoffnung.

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