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GESCHICHTE Wende zur Welt

Peter Brown: »Welten im Aufbruch: Die Zeit der Spätantike von Mark Aurel bis Mohammed«. Lübbe, Bergisch-Gladbach; 284 Seiten; 46 Mark.
aus DER SPIEGEL 3/1981

Wie soll man leben von einer großen Vergangenheit, ohne den Wandel zu ersticken, wie vom Wandel, ohne seine Wurzeln zu verlieren?«

Diese Frage nach der historischen Dialektik von Ruhe und Bewegung, von Beharren und Veränderung, die Kardinalfrage aller großen Übergangszeitalter der Weltgeschichte, beherrscht das (auf deutsch) neue Werk des britischen Althistorikers Peter Brown, 45, der seit zwei Jahren an der University of California in Berkeley lehrt.

Über die Fachwelt hinaus bekanntgeworden ist Brown durch eine Augustinus-Biographie, die seit 1973 auch in deutscher Übersetzung vorliegt.

Browns Absicht, am Beispiel der Spätantike sozialen und kulturellen Wandel zu untersuchen, ist gerade wegen der gedrängten, dichten und durch zahlreiche Bilder (mit wertvollen Anmerkungen) belebten Darstellung gelungen.

Mit knappen, aber genauen Tatsachenhinweisen erläutert Brown das große Panorama der spätantiken Mittelmeerwelt, die Zusammenhänge etwa des alten römischen oder persischen Reichsdenkens mit den sozialen und geistigen Bedingungen einer neuen Glaubenssehnsucht, die in zwei zukunftsbestimmenden Weltreligionen, in Christentum und Islam kulminierte.

Die oftmals paradoxen Entsprechungen solcher Tatsachen und Zusammenhänge mit Wesens- oder Einzelzügen der modernen Geschichte, die spätestens seit 1914 genauso als ein Zeitalter der Weltkrise, also auch als Wegscheide zweier Weltalter faßbar wird, werden von Brown gesehen.

So spricht er etwa von einer Schachbrett-Stadt im jetzt öden Wüstensand Südalgeriens, einer Stadt mit Amphitheater und Bibliothek, deren Philosophen-Statuen gleichsam als Vorposten einer klassischen Zivilisation auf die Bergspitzen der »Barbaren« schauten -- wie später die Hochhäuser und Denkmäler moderner Kolonialherren auf die Natur (und die Slums) sogenannter Eingeborener.

Ähnlich erfreuten sich die Steuereinnehmer in der Spätantike der gleichen Beliebtheit wie das Finanzamt im 20. Jahrhundert. »Nicht umsonst«, behauptet Brown sogar, »vollzieht sich in dem christlichen Hymnus Dies irae (Tag des Zornes) das Kommen des Jüngsten Gerichts in Vorstellungen von der Ankunft eines spätrömischen Steuerbeamten!«

Nun gab es freilich auch Riesengehälter schon in der Spätantike. Um 250 erhielt zwar der christliche Bischof von Rom nur 7000 Sesterzen (Silbermünzen) jährlich, doch der führende Sophist und Rhetoriklehrer der Hauptstadt ein Jahresgehalt von 100 000 Sesterzen.

Schon die griechischen Sophisten des 2. Jahrhunderts gebärdeten sich nicht nur wie ihre Vorgänger im klassischen Athen oder ihre Nachfahren im Italien der Renaissance, sondern wie die Stars moderner Massenmedien.

Als »große Nabobs«, »literarische Salonlöwen« und »für ihr intensives Verhältnis zur Rhetorik bekannt«, so Brown, waren die Sophisten ebenso populär wie einflußreich. So berichtete ein Zeitgenosse über einen gewissen Polemon von Smyrna, der habe »ganze Städte als seine Untergebenen, die Kaiser als ihm nicht übergeordnet und die Götter ... als seinesgleichen« behandelt. Jeder von ihnen hielt sich offenbar für das Tamtam des Universums.

Diese bescheidene Selbsteinschätzung veranlaßte die hellenistische Bildungselite des Reiches auch dazu, auf die geläufige griechische Umgangssprache des Nahen Ostens zu verzichten. Sie kehrte vielmehr in den Elfenbeinturm, nämlich zum archaischen Attisch des klassischen Athen zurück, das nur mehr den Hochgebildeten zugänglich war. Damit habe die Elite implizit, meint Brown, »dem unruhigen geistigen Proletariat das Mitspracherecht entzogen«.

Diese von nun an sorgfältig gehegte Hochsprache der Literatur erhielt sich bis ins mittelalterliche Byzanz, das endgültig 1453 den Türken zum Opfer fiel. Vor allem den byzantinischen Gelehrten war daher auch die Erhaltung der meisten Handschriften mit den klassischen Texten der großen athenischen Dichter und Denker zu danken.

Schon aus dem 5. Jahrhundert jedoch ist eine zweifellos selbstironische Anekdote überliefert, die offenbar den Formalismus des bloßen Tradierens anprangert. Sie handelt von einem Papageien, dessen Herr, der Ägypter Olympiodor von Theben, der erste farbige Diplomat Ostroms, ihn auf seine Missionen überallhin mitnahm, nach Rom, nach Nubien und sogar an den Djnepr: Der Papagei sprach wie Seine Exzellenz »reinstes attisches Griechisch«.

Das heißt nun aber nicht, es habe sich bei der hellenistischen Kultur der Spätantike um eine banale Papageien- und Halbbildungskultur gehandelt.

Im Gegenteil: Der Ägypter Plotin (205 bis 270), größter Denker jener Kultur, vereinigte das platonische mit dem aristotelischen Denken auf einzigartige Weise in der subtilsten Metaphysik der heidnischen Welt.

Er meinte jedoch keineswegs wie der berühmte Arzt Galenos, die Christen seien offenbar durch ihre doch auf rohe Weise einfachen Gleichnisse und Gebote befähigt worden, die höchsten Lebensregeln der klassischen Ethik zu befolgen.

Die neuen Verteidiger des christlichen Glaubens lehrten daher -- womit sie dem großen Athener unrecht taten --, Platon habe in seinen literarisch glanzvollen Dialogen »gute Nahrung im Gewand eines Maskenballs« aufgetragen, die Apostel hingegen hätten S.158 gleichsam gesund und kräftig wie in einer Volksküche gekocht.

Plotin jedoch verabscheute -- wie alle klassisch Gebildeten der Zeit -- jede Demokratisierung der Kultur. Sie kündigte sich schon dadurch an, daß nunmehr jedermann sich auf innere Stimmen, Eingebungen oder auch auf Offenbarungen berufen konnte.

»Durch die 'Offenbarung'«, urteilt Brown, »konnten die Ungebildeten bis zum Kern der lebenswichtigen Fragen vorstoßen, ohne sich den hohen Kosten, den Gehässigkeiten der Fachgenossen oder dem massiven Traditionalismus einer Ausbildung in der Philosophie, wie sie im 2. Jahrhundert aussah, auszusetzen.« Sah sie im 20. Jahrhundert anders aus als im 2.?

Für den strengen Asketen Plotin hingegen, der wie schon Platon eine »harte Ausbildung und Übung in der klassischen Literatur und Philosophie« (aber auch in der Mathematik) forderte, waren Offenbarungen schlicht irrational und führten zu geistlosen Kopien der klassischen Tradition.

»Das war so«, deutet es Brown mit einem boshaften Vergleich aus der modernen Welt der Wissenschaft an, »als wenn die Einwohner eines unterentwickelten Landes versucht hätten, den Anschluß an die westliche Kultur herzustellen, indem sie behaupteten, die Prinzipien der Kernphysik durch Träume und Orakel erfahren zu haben.«

Trotzdem gehörte den Christen die Zukunft, eben weil sie die klassische Kultur demokratisierten, den Massen verständlich machten und ihnen schließlich mit Erfolg die großen Morallehren der heidnischen Antike als Vorwegnahme christlicher Lebensweisheit vorstellten.

Außerdem traten die Christen tatkräftig für ihre Mitmenschen ein, für jene durch den allgemeinen Reichsfrieden mobil, aber dadurch auch unsicher und wurzellos gewordenen Massen -- während die städtischen Aristokraten und Honoratioren den Frieden, die Pax Romana, als Symbol der Beharrung auf den lokalen und regionalen Sitten, Gebräuchen und (natürlich) Herrschaftsformen begrüßt hatten.

Brown liefert daher ein entscheidendes Stichwort für den sozialen Wandel, indem er schreibt: »Unmerklich löste das römische Reich in den unteren Schichten der Bevölkerung jenen Sinn für Tradition und lokale Treuebindungen auf, von dem seine Führungsschicht abhängig war.«

Während diese Schicht nur noch an ihre häuslichen und lokalen Interessen dachte und die Reichsangelegenheiten allmählich an die ungebildeten Emporkömmlinge des neuen Offizierskorps übergingen, kümmerte sich laut Brown »der christliche Klerus« bei Seuchen und Aufständen um das unmittelbar Praktische, um die Bestattung der Toten etwa oder die Beschaffung der notwendigen Nahrungsmittel.

Schon um 250, als der christliche Bischof von Rom in der heidnischen Reichshauptstadt laut Brown noch so fremd und einsam lebte wie Karl Marx im viktorianischen London, unterstützte die römische Gemeinde 1500 Arme und Witwen. Und die Gemeinden von Rom und Karthago gaben nur wenige Jahre später große, für jeden einzelnen opfervolle Summen her, um christliche Kriegsgefangene freizukaufen.

Von 610 bis 617 gar arbeitete das christliche Patriarchat in Alexandria wie »ein byzantinischer Wohlfahrtsstaat im kleinen": Patriarch Johannes »der Almosengeber« löste die Kirchengüter auf und unterhielt -- fast schon sozialistisch zu nennende -- kostenlose Entbindungskliniken mit der entsprechenden ärztlichen Betreuung und Zuteilung von Lebensmittelrationen.

Entscheidend für den sozialen Wandel war also auch das Verhalten der Christen: praktische Nächstenliebe, aber auch die Bereitschaft, die klassische Kultur nicht mit einer esoterischen Sub- und Sektenkultur zu beantworten, sondern sie humanistisch-egalitär in ihren unverlierbaren Ergebnissen populär zu machen und weiterzugeben.

Entsprechend betont Brown: »Die Bekehrung eines römischen Kaisers zum Christentum wäre vielleicht nicht eingetreten ..., wäre ihr nicht ... die Wende, sozusagen die 'Bekehrung' des Christentums zur Kultur und zu den Idealen der römischen Welt vorausgegangen.«

Konstantin der Große, meint der Historiker daher, habe »das 'Große Tauwetter'« des frühen 4. Jahrhunderts organisiert: nach einer Zeit harter Christenverfolgungen den Beginn einer fruchtbaren Kooperation zwischen Nichtchristen und Christen, die nicht mehr nur geduldet, sondern auch gefördert wurden.

Nach Konstantin wurden viele heidnische Tempel geschlossen. Doch zahlreiche Menschen, Heiden wie Christen, besuchten und bewunderten sie auch weiterhin -- laut Brown freilich »so wie die schönen und kunstgeschichtlich bedeutenden Kathedralen in manchen kommunistischen Staaten« respektiert werden.

Es dauerte jedoch noch bis zur Regierungszeit des erfolgreichen Autokraten Justinian I. (527 bis 565), ehe sich die neue Einheitskultur durchgesetzt hatte.

»Der wichtigste Zug der alten Welt«, faßt Brown zusammen, »zumal in ihrer spätantiken Phase, war die Existenz einer klaren Grenze zwischen aristokratischer und Volkskultur gewesen. Im späten 6. Jahrhundert war diese Grenze nahezu in Vergessenheit geraten: Die Kultur des christlichen Mannes auf der Straße wurde zum erstenmal identisch mit jener der Elite von Bischöfen und Herrschern.«

Rudolf Ringguth

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