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Mode Wenig Spaß

Dezent, gediegen und teuer präsentierte sich die Haute Couture. Einziger Putz: bunte Füchse.
aus DER SPIEGEL 32/1972

Die alte Dame Haute Couture ist doch nicht ganz tot; obgleich hochgradig hinfällig, hat sie sich noch einmal aufgerappelt und ist auf die Bühne zurückgekehrt.

Auf dem gespaltenen Mode-Markt. der kesse Konfektion für die Jungen und für die anderen fast gar nichts bietet, hat sie sich ganz rechts außen placiert -- da flattert kein frecher Firlefanz, da ist es dezent, gediegen und teuer.

Lauter langweilige, doch dafür überaus vornehme Damen wandelten letzte Woche über die Laufstege in den Pariser Modesalons, wo die klassischen französischen Schnitt-Künstler ihre Herbst- und Winterkollektionen zur Schau stellten: wallende Kimonos und weite Raglanmäntel mit melonenrunden Ärmeln, viele Kostüme mit stoffreichen Faltenröcken -- doch wenig Hosen.

Kunstvoll fröstelnd kuschelten sich die Vorführdamen in teure graue oder beige Wollstoffe, häufig auch in grauen Flanell (Marc Bohan vom Hause Dior hatte sogar sein Studio mit mausgrauem Flanell ausschlagen lassen). Farbige Knalleffekte versteckten die Couturiers allenfalls im Robeninneren das strahlte mitunter giftgrün und blau, gelegentlich auch fuchsienrot.

Dezent vom Scheitel bis zur Sohle schritten die Mannequins auch sonst fast gänzlich schmucklos einher. An ihren Hälsen oder Gürteln, wo früher Gold und Silber klimperten, blieb heuer nahezu alles kahl. Selbst Modeschöpfer Givenchy, der einige seiner Modelle mit falschen Brillanten -Broschen belebte, verbarg den Zierrat immerhin unter zarten Spitzenvolants. Ein einziger Putz blieb den Damen in der schlichten Aufmachung übrig: Fuchsboas, grau, grün und rosa eingefärbt und tragbar am Tage wie in der Nacht.

Angesichts des feinen Grauschleiers, der über den jüngsten Schöpfungen der Pariser Kleider-Künstler liegt, wünschte sich sogar die greise amerikanische Mode-Expertin Eugenia Sheppard, 72. »ein bißchen mehr Spaß. Doch die renommierten Couturiers, die längst auch Massenkonfektion produzieren, verzichten bei ihren kostspieligen Kollektionen mit Absicht auf muntere Capricen.

Denn der Erfolg dieser Kollektionen. so erläuterte der Pariser »Express«, hänge »nicht von der Zahl der verkauften Kleider ab«, sondern von der Wirkung auf die »Umsatzziffern sämtlicher Produkte« der Modehäuser -- mit anderen Worten: Die Präsentation der extrem teuren Rohen dient vor allem dem Zweck, das Luxus-Image eines Markennamens aufzupolieren, unter dem sodann ebenfalls teure Assessoirs an die Dame gebracht werden können: Schuhe, Tücher, Taschen, Seifen oder Parfüms.

So machen die Modehäuser, etwa Dior oder Féraud, jetzt große Geschäfte mit selbstentworfenen Sonnenbrillen oder auch mit Stoffkoffern samt eingewebtem Firmennamen (Stückpreis: etwa 500 Mark). Nur so glauben die Häuser der Haute Couture sich gegen die Massenproduzenten in der Textilbranche auf die Dauer behaupten zu können.

Auf dem rüden Massen-Markt, so konstatierte die »Herald Tribune«, wehe für die Mode-Fürsten aus Paris ein zu scharfer Wind -- »da können sie nichts gewinnen und nur bieten, was die Kundinnen schon im Schrank haben«.

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