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STATISTIK Weniger Muttis

80 bis 100 Millionen Mark Volksvermögen wollen westdeutsche Dob-Konfektionäre jährlich einsparen -- durch genauere Paßformen. Zu diesem Zweck wurde die deutsche Frau jetzt neu vermessen.
aus DER SPIEGEL 48/1971

Gretchen und Walküre werden immer schöner. Hochgebaut, schlank und rank, oben herum etwas weiter, ·unten um einiges schmaler -- millimetergenau. vom Scheitel bis zur Sohle, hat eine Forschergruppe wachsenden Wohlwuchs konstatiert.

Mit einem Tabellenwerk von 76 Seiten Umfang beglückte die westdeutsche Damenoberbekleidungsindustrie (Dob) letzte Woche die Teilnehmer eines Kongresses. zu dem Delegierte aus 15 Ländern nach West-Berlin gekommen waren.

Spezialisten der internationalen Normen-Organisation »iso«, Unterabteilung »TC 133«, hatten sich zusammengefunden, um über eine weltweite Normung von Konfektionsgrößen zu beraten -- wie andere Komitees über die Normung von Schrauben und Muttern.

Daß die Experten sich in Deutschland trafen, war nicht verwunderlich. Die Bemühungen der westdeutschen Konfektionäre um einheitliche Richtmaße für Mieder und Roben gelten in der Welt als beispielhaft.

So hatten Dob-Vermesser schon vor Jahren festgestellt, daß ein früher in der Branche gefürchtetes »Nord-Süd-Gefälle«, der Größenunterschied zwischen hochstämmigen Friesinnen und kurzbeinigen Schwabentöchtern, überschätzt worden sei. Er betrug nur 2,5 Zentimeter, während der Höhenunterschied zwischen den zwei letzten Generationen im Bundesgebiet durchschnittlich 7,5 Zentimeter ausmachte.

Nun aber, im Laufe des zurückliegenden Jahres. hatten sich die Dob-Hersteller nochmals zu einer gewaltigen Maß-Arbeit aufgerafft. Führende Firmen zeichneten 150 000 Mark, Bund und Länder steuerten 90 000 Mark bei. um das Vorhaben zu ermöglichen.

Das Forschungsinstitut Hohenstein entwickelte ein Meßverfahren. und die Hamburger Gesellschaft für Marktforschung wählte -- als repräsentativen Schnitt -- 10 000 Bundesbürgerinnen der Jahrgänge 1904 bis 1967 aus. Wissenschaftlicher Berater war der Medizinstatistiker Professor Siegfried Koller von der Universität Mainz.

75 Helferinnen wurden in Seminaren eigens geschult, ·damit sie mit der Gewissenhaftigkeit von Landvermessern ans Werk gehen konnten. Da geeichte Bandmaße nicht existierten, wurden Maßbänder mit einer Stahlbandeinlage ausgegeben. Bei nachträglichen »Intensivmessungen« wurden sogar Geräte (Anthropometer) eingesetzt, wie sie in medizinischen und anthropologischen Instituten benutzt werden.

Ausgestattet mit einer Kosmetikpackung als »türöffnendem Einführungsgeschenk« (Dob-Präsident Helmut Gilbert), klingelten die Vermesserinnen »bei leichten Mädchen wie bei Ordensschwestern«.

Damit die Kleidermacher den »gestiegenen Ansprüchen an die Paßform und an die Genauigkeit einer Schnittkonstruktion« in Zukunft besser gerecht werden können, mußten die Vermesserinnen ihre Eile nicht nur an die drei »Kennmaße« Körperhöhe, Brustumfang und Hüftumfang legen. Sie notierten zusätzlich die Werte von insgesamt 17 »Sekundärmaßen«, so beispielsweise »Halsansatz Schulter bis Brustpunkt"« oder die »Meßstrecke 9 -- Halswirbel bis Kniekehle« ("in Rückenmitte gemessen; zwischen dem siebenten Halswirbel und der stärksten Stelle des Gesäßes verläuft das Maßband am Körper anliegend").

Die 10 000 repräsentativen Mädchen und Frauen mußten sich für das Maßnehmen der Genauigkeit halber weitgehend entkleiden; bis auf Büstenhalter und Slip, allenfalls noch Hemdchen und Strumpfhose.

Als besonders »heikle Meßstrecke erwies sich das Sekundärmaß »Schrittlänge«. Anfangs hatten die Hohensteiner Forscher dekretiert, dies sei »der zwischen den Beinen geradlinig gemessene Abstand zwischen Fuß-Sohle und der unteren Begrenzung des Rumpfes«.

Doch dieses von Hand auszumessen, trauten die Dob-Gesandten sich dann doch nicht. So wurden die Durchschnittsmaße für Schrittlänge errechnet, und zwar »aus Seitenlänge minus Taille bis Gesäßfalte plus 1,6 cm«. Denn: »Die Zugabe von 1,6 cm ist erforderlich, weil die Begrenzung der Rumpfunterseite zwischen den Beinen im Durchschnitt soviel höher liegt als die Unterkante der Gesäßfalte« -- so hatten es die in der unverfänglichen Institutsatmosphäre vorgenommenen »Intensivmessungen« ergeben.

Schon für die Winterkollektion 1972/73 sollen die neuen Maßtabellen herhalten. Dob-Präsident Gilbert: »Nach den neuen Messungen werden wir es fertigbringen, 85 bis 90 Prozent der Käuferinnen von der Stange zu beliefern.«

Insgesamt konnten die Dob-Forscher feststellen, daß innerhalb der letzten Dekade, im Bundesdurchschnitt, der Brustumfang um zehn Millimeter zu- und der Hüftumfang um 15 Millimeter abgenommen haben. Zwar sei die Akzeleration im Hochwuchs bei der jungen Generation gebremst -- doch würden andererseits »die Vierzigjährigen weniger in den Mutti-Typ abrutschen als früher« (Gilbert).

»Die Figuren«, frohlockte schon die »Frankfurter Rundschau«. »nähern sich immer mehr den Idealmaßen 90-60-90.« Doch von dieser Norm aus der Welt der Schönheitswettbewerbe wollen die Dob-Meßtechniker nichts wissen. Denn ihre Konfektionsgrößen sind breit gestreut.

So variierte in den untersuchten Altersgruppen beispielsweise der Brustumfang zwischen 76 und 146 Zentimetern. Und als Hüftumfang wurden mal 83, dann wieder 150 Zentimeter gemessen -- und das alles bei der als Normwert ermittelten Größe westdeutscher Frauen von nur 1,64 Meter.

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