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Kino Wenn der Berg ruft

aus DER SPIEGEL 42/1994

Der Pechvogel als Glückspilz, den es in jeder Literatursaison gibt, hieß im Herbst 1992 Robert Schneider. Der junge Österreicher hatte schlucken müssen, daß sein Romanmanuskript »Schlafes Bruder« von 23 Verlagen mit oder ohne Bedauern zurückgeschickt wurde. Und der 24., der es unwahrscheinlicherweise annahm, Reclam in Leipzig, krebste, wie mancher Ossi-Betrieb, so mühsam am Rand des Konkurses dahin, daß die Veröffentlichung des exzentrischen Schneider-Textes einer Verzweiflungstat gleichkam. Geld für Reklame war jedenfalls nicht da.

Dann aber jubelten Kritiker das Buch mit dem sperrigen Titel (er zitiert den Bach-Choral »Kömm, o Tod, du Schlafes Bruder") himmelhoch, Leser-Begeisterung machte es zum heimlichen Bestseller, Literaturpreise fielen dem Autor zu. Inzwischen ist das 23fach abgelehnte Werk in 14 Fremdsprachen erschienen und wird in 10 weitere übersetzt; eine Opernversion kommt demnächst in Zürich auf die Bühne.

Wovon dieses vertrackt-verführerische Buch handelt, verrät der Autor arglos schon mit dem ersten Satz: »Das _(* Dana Vavrova, Andre Eisermann, ) _(Michaela Pfeiffer. ) ist die Geschichte des Musikers Johannes Elias Alder, der zweiundzwanzigjährig sein Leben zu Tode brachte, nachdem er beschlossen hatte, nicht mehr zu schlafen.« Und dies, weil Elias »in unsägliche und darum unglückliche Liebe zu seiner Cousine Elsbeth entbrannt« war.

Natürlich ist damit das »Geheimnis der Unmöglichkeit seines Liebens« mitnichten erklärt, denn dieser Elias, der vielleicht vom Teufel gezeugt wurde, ist auch - zu Beginn des 19. Jahrhunderts in einem vorarlbergischen Gebirgsdorf namens Eschberg - Wunderkind, Musikgenie, Orgelvirtuose und Opfer eines »satanischen Plans«, den der liebe Gott selbst gegen ihn angezettelt hat.

Einen besonders begeisterten Leser, so hört man, fand dieses Lebens- und Sterbensbuch zufällig Anfang 1993 im fernen Indien: Ein zufälliger Namensvetter des Autors, der Münchner Musikwissenschaftler und Komponist Norbert Schneider, der auf einer Vortragsreise in der Bibliothek des Goethe-Instituts in Poona auf das Buch stieß, verschlang es und richtete einen dringenden Appell an seinen Freund Joseph Vilsmaier in München, »Schlafes Bruder« zu lesen.

»Das hat mich umgehauen«, sagt Vilsmaier, der bajuwarisch bodenständige Filmregisseur, um sein ekstatisches Lektüreerlebnis in Worte zu fassen, »ich sah das alles schon beim ersten Lesen in Filmbildern vor mir.« Von Vilsmaiers allesumarmendem Enthusiasmus ließ Robert Schneider sich rasch überwältigen, obwohl er sich seinen Roman niemals als Filmstoff vorgestellt hatte - und wenn schon, so befand er, dann wolle er das Drehbuch selber verfassen.

Ein Sommer ging über der Schreibarbeit dahin, und nun, im neuen Sommer, stehen die beiden auf der Hauptstraße des Romandorfes »Eschberg«. Daß dieser Film tatsächlich gedreht wird, widerspricht allen Wahrscheinlichkeiten der Branche, und seine Haupt-Urheber, wie sie da stehen, bilden ein angemessen unwahrscheinliches Paar:

Der ironisch-manieristische Bildungsliterat mit randloser Brille, 33, und der betont hemdsärmelige Kinomacher ("Ist mir doch Wurscht, ob man mich für einen Künstler hält"), 55, dem die alpenländische Virginia meist erkaltet im Mundwinkel hängt. Über die Matschpfützen vor der Dorfkneipe hüpft barfuß der junge Andre Eisermann als Elias Alder auf sie zu; seine großen, immer staunenden Augen leuchten, wie es im Buch heißt, »gelb wie Kuhseiche«.

Die Szene spielt in Gaschurn, zuoberst in einem Tal namens Montafon, und die Gemeinde Gaschurn ist die größte im Land Vorarlberg, größer sogar als das ganze benachbarte Fürstentum Liechtenstein. Jahrhundertelang war Gaschurn ein karger, weltferner Ort - etwa wie jenes Eschberg, wo »Schlafes Bruder« spielt -, denn das Gemeindeland besteht großenteils aus Alpweiden und kahlen Hängen. Neuerdings aber hat sich gezeigt, was diese Öde wert ist, wenn man sie elektrifiziert. Also gibt es fast 30 Skilifte, und Gaschurn empfiehlt sich mit seinem Pistengebiet »Silvretta Nova« als »Fünf-Sterne-Region«.

Die Namen im Montafon sind rätoromanisch - Tschohl, Tschofen, Tschagguns -, doch an die Sprache erinnert sich niemand mehr. Ein einziger reicher Mann hat dort je gelebt, im 17. Jahrhundert, ein Söldnerhäuptling namens Lukas Tschofen, der sagenhafte Schätze aus Italien heimgeschleppt haben soll. Und weil er bei deren Erbeutung wohl schwer gesündigt hat, stiftete er seinem Dorf ein hübsches weißgetünchtes Kirchlein mit Zwiebelturm. Heute hat Gaschurn keine 2000 Einwohner, aber fast 4000 Gästebetten, und das Tourismusbüro bietet T-Shirts mit dem Schriftzug »Schlafes Bruder« feil.

»Die Leute hier müssen nicht mehr hart arbeiten«, sagt Joseph Vilsmaier, »das sieht man an ihren Händen.« Als er im Dorf Ausschau hielt nach Komparsen, um die Bänke seiner Filmkirche mit markanten Bauernschädeln zu füllen, fand er die Einheimischen schon viel zu glatt. In abgelegenen Weilern erst begegnete er den kantigen, wettergegerbten Hirtengesichtern, die ihm vorgeschwebt hatten, und unter sie mischte er Pfleglinge aus zwei Heimen für geistig Behinderte: Eine alpine Bauernsaga kommt nun einmal nicht ohne Dorfdeppen aus.

Vilsmaier, der Außenseiter im Filmgetriebe, dem mit »Herbstmilch« (1988) der einzige überragende Kinoerfolg im Genre Heimatfilm seit vielen Jahren gelungen ist, wagt erneut ein Heimat-Werk, doch mit ungleich höherem Einsatz: »Schlafes Bruder« ist Dorfchronik und Untergangsphantasie in einem, bitter-süß exaltiertes Liebesmelodram und Pandämonium. Und da - außer dem blauen Himmel - kaum etwas davon umsonst zu haben ist, wird Vilsmaiers »Schlafes Bruder« mit einem Etat von 15 Millionen Mark der teuerste deutschsprachige Film seit Vilsmaiers »Stalingrad« (1992) sein.

Zuerst hatte sich der Regisseur in Graubünden und im Aostatal umgeschaut, dann im Montafon, unerwartet nahe dem Ort, wo der Roman geschrieben wurde. Was er suchte, war ein Stück Landschaft, wo man ungestört ein komplettes Bergbauerndörfchen samt Kirche und Friedhof wie vor 200 Jahren hinbauen könnte, möglichst mit Gletscher im Hintergrund und viel Himmel darüber. Er fand als Idealszenerie hoch über dem Ort Gaschurn das abgelegene Garneratal, dessen Sohle sich auf 1700 Metern über Meereshöhe hinzieht. Und er fand in Gaschurn einen Bürgermeister, Heinrich Sandrell, dem das Ansinnen der Filmleute nicht als drohende Heimsuchung erschien, sondern als Chance und Stimulans für die ganze Gemeinde, denn seine Phantasie schießt immer noch über seinen rastlos regsamen Tatendrang hinaus.

»Ein Hauch von Hollywood im Montafon«, hieß die Schlagzeile der Vorarlberger Nachrichten, als die Dorfbau-Pläne publik wurden. Natürlich gab es lokale Widerstände. Doch im Frühsommer konnten etwa 20 verwitterte Holzhäuser, die das Ausstattungsteam in der Gegend aufgekauft und zerlegt hatte, ins Garneratal hinaufgeschafft und nach den Entwürfen des Oberausstatters Rolf Zehetbauer zu einem Dorf zusammengebaut werden: Jedes einzelne Stück ist authentisch, und doch wirkt die ganze, unter ihren zerzausten Schindeldächern geduckte Anlage leicht ins Expressionistische verrückt.

Da Vilsmaier seinen filmischen Mikrokosmos massiv und am Stück haben wollte, um sich mit der Kamera ohne Schnitt zwischen Innen und Außen bewegen zu können, wurden nach Bedarf auch Stuben, Stiegen, Kammern mit Mobiliar ausgestattet, dazu die Ställe lebensnah mit Kühen, Eseln, Ziegen, Schafen, Schweinen und Hühnern.

Den Requisiteuren stieg in der wohligen Sommerwärme der Stallduft gewaltig in die Nase, den Tontechnikern machte das Blöken der Lämmer und das Fiepsen der Murmeltiere zu schaffen. Doch an Sonntagen, wenn das Tal nicht gesperrt war, kamen oft über tausend Bergwanderer, um die unglaubliche Szenerie zu besichtigen - so viele, daß nun der Bürgermeister erwägt, das Film-»Eschberg« nächstes Jahr zu demontieren und drunten bei Gaschurn als Dauer-Touristenattraktion aufzustellen. »Soviel Heimatgefühl bekommt man sonstwo nicht so leicht.«

Der Schauspieler Andre Eisermann, 27, ist durch eine einzige Rolle berühmt geworden, durch den Film »Kaspar Hauser« von Peter Sehr, ein betuliches Werk, dem er allein seine Aura von Einfalt und Geheimnis gab. Damals hatte sich Eisermann - ein sanfter Spinner, dessen Frömmigkeit manche Kollegen nervt - so inbrünstig in seine Rolle versenkt, daß er im Gespräch, wenn von Hauser die Rede war, oft unwillkürlich in die Ich-Form verfiel.

Jetzt hat er sich ebenso rückhaltlos in die Unglücksgestalt des Elias hineingefastet und -phantasiert. Er sagt oft ich, sagt also, wenn er als freundlich verträumter Führer durch das Kulissendorf die Tür zur verräucherten Kneipe aufstößt: »Da gehe ich nie hinein, da reden die Leute nur schlecht über mich.«

In der zugigen Dachkammer des Elias zeigt er die Orgelpfeifen, die der bastelt, tritt dann zu einer Luke und erklärt schwärmerisch: »Hier stehe ich nächtelang und schaue quer übers Dorf zu Elsbeths Fenster hinüber, ob da ein Licht brennt.« Seine Liebe zu Elsbeth - Dana Vavrova spielt sie, Vilsmaiers Frau, die noch immer eine so zart strahlende Elfe sein kann wie einst als TV-Kinderstar - ist ein Weltereignis und bleibt doch unerfüllt. Nur einmal im Gang der Geschichte wird Elias ans Bett derer vordringen, die ihm Gott »von Ewigkeit her zugedacht hat": als ihr Haus in Flammen steht, wie das halbe Dorf, und er die Ohnmächtige vor dem sicheren Tod rettet. Gott aber »liebt alles Unrecht unter der Sonne«.

Ist das der Stoff, aus dem sich der neue, breite, farbige, prächtige Heimatfilm der neunziger Jahre schnitzen läßt? Vilsmaier sagt und strahlt dabei, eben die »Verrücktheit« Robert Schneiders habe ihn mitgerissen: »Bei einer solchen Geschichte gibt es nichts Halbes, nur Gipfel oder Absturz.«

Der vorarlbergische Schriftsteller Robert Schneider stellt sich gern als Provinzler aus Überzeugung dar, wobei seine Herkunft nach Kaspar-Hauser- oder Elias-Alder-Art ins Ungewisse gerückt bleibt. Er ist als Adoptivkind in einem Bauernhaus in Meschach hoch über dem Rheintal aufgewachsen; er ist - nach ein paar Jahren Orgel- und Kompositionsstudium in Wien - dorthin zurückgekehrt, und er kann sich nicht vorstellen, nicht auch für den Rest seines Lebens dort zu Hause zu sein.

Natürlich ist Schneider in Meschach prominent, doch der Weiler hat keine hundert Einwohner, und er ist es auch drunten in Götzis, der Gemeinde, zu der Meschach gehört. In den achtziger Jahren, bevor er mit »Schlafes Bruder« anfing, versuchte Schneider sich als Dramatiker. Eines dieser frühen Stücke, eine Künstlergroteske mit dem jungen Adolf Hitler als Hauptfigur, wurde 1993 in Hannover uraufgeführt.

Und ein zweites, »Alte Tage«, das in Götzis spielt, hat Schneider diesen Sommer selbst inszeniert: in Götzis mit Laiendarstellern aus dem »Spielkreis Götzis«. Der eigens angereiste Kritiker der Neuen Zürcher Zeitung sei fassungslos gewesen ("Ein Schwank auf Trachtenverein-Niveau"), erzählt Schneider, und er erzählt das so spitzbübisch vergnügt, als hätte Götzis dem ganzen Rest der Welt einen Streich gespielt.

Im Lauf dieses Spätsommers schwang sich Robert Schneider öfter und öfter zu Hause in Meschach auf sein Motorrad, brauste hinab ins Tal und wieder hinauf nach Gaschurn und dann den gewundenen Schotterweg hoch ins Garneratal: Die Filmleute lockten. Zuletzt wurde unvermeidlich, daß Schneider auch eine Rolle bekam, eine winzige: Er spielt mit himbeerrot geschminkter Schnapsnase und schwarzem Zylinder den Kutscher, der den einzigen Stadtmenschen nach Eschberg bringt, der je den Weg in diese Öde findet, ein Schicksalsbote.

Mit dem Begriff »Fuhrmann des Todes« ist Schneiders Figur angemessen bedeutsam umschrieben. Seinen schauspielerischen großen Augenblick hat er, als ihm sein Herr eine Ohrfeige verpaßt: Die Nachrichten sind widersprüchlich, wie oft der Regisseur diesen Moment vor der Kamera wiederholen ließ, jedenfalls oft, und mit Liebe.

Vilsmaier, das sagen alle, hat bei der Arbeit einen unglaublichen Dickschädel und in der Kneipe enormes Stehvermögen. Er ist ein Familientier und pflegt sein Filmteam mit der herzlichen Ruppigkeit eines Herbergsvaters. Ihm liegt daran, daß auch oft tüchtig gefeiert wird, und so ließ er zum Sommerende die jüngste seiner Töchter (alle drei spielen auch im Film mit) festlich in Gaschurn taufen, natürlich in dem weißen Kirchlein, das an den Söldner- oder Räuberhauptmann Tschofen erinnert.

Bei diesem Anlaß entwickelte der Bürgermeister die Idee, man könnte die gewölbte Staumauer des Silvrettasees, der auch zur Gemeinde gehört (2036 Meter über dem Meer), weiß getüncht, zur größten Cinemascope-Leinwand der Welt machen, Tribünen davorstellen und dort eine gigantische »Schlafes Bruder«-Premiere inszenieren. Mag sein, daß man den Filmprojektor dafür unter einen Fesselballon hängen müßte - aber irgendwie, wie auch immer, wird es Gaschurn durch »Schlafes Bruder« ins Buch der Rekorde schaffen.

Vorläufig hat der Filmtroß das Garneratal verlassen, auch Vieh und Geflügel sind wieder im Tal. Im tschechischen Kutna Hora, das noch besonders hübsch biedermeierlich verschlafen aussehen soll, wurden eine Reihe von Stadtszenen gedreht, und nun ist die Reihe an Norbert Schneider: Der Mann, der »Schlafes Bruder« in Poona entdeckt und dem Regisseur ans Herz gedrängt hat, soll - wer sonst? - auf seinen elektronischen Klaviaturen jene kosmisch-kolossale Musik hervorbringen, die den Orgelvirtuosen Elias als Epochengenie beglaubigt.

Wenn Vilsmaier Ende November mit seinem Trupp nach Gaschurn zurücckommt, um den Winterteil des Films in Angriff zu nehmen, wird oben in »Eschberg« schon Schnee liegen, und falls es dick kommt, soll das österreichische Heer die Filmer mit Raupenfahrzeugen ins Gebirge karren. Zum vorweihnachtlichen Finale steht dann der große Dorfbrand auf dem Programm.

»Wär'' ja nicht schlecht, das Ganze einfach abzufackeln«, sagt Vilsmaier und läßt seinen Blick über die Schindeldächer wandern. »Aber natürlich geht das nicht, wegen der Landschaft und weil der Bürgermeister daran hängt.« Im wirklichen Leben ist das Garneratal wohl nie besiedelt worden, weil von seinen Hängen regelmäßig Lawinen herunterdonnern. So wird sich erst nach der Schneeschmelze im Frühjahr zeigen, was von »Eschberg« für einen touristischen Wiederaufbau noch übrig ist.

Urs Jenny

»Soviel Heimatgefühl bekommt man sonstwo nicht so leicht«

* Dana Vavrova, Andre Eisermann, Michaela Pfeiffer.

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