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Fernsehen Wenn die Stunde 08/15 schlägt

Rauch und Trümmer, Volkssturmmänner und SS-Schergen, Flüchtlinge und Verfolgte, Leichen, Vergewaltigungen, weiße Fahnen, Besatzerheere, Nylons, Camel, Kaugummi . . . Mehr als acht Stunden lang erinnert das Fernsehen mit süffigen Filmen an das Ende der Nazi-Herrschaft. Doch was hilft die Flut der Bilder gegen das Vergessen?
aus DER SPIEGEL 17/1995

Komm 8. Mai und mache . . . das Fernsehen wieder grün. So blöd, wie er klingt, ist der Wunsch gar nicht. Man stelle sich vor: Zum 50. Jahrestag von Hitlers Ende würde das Leitmedium Bilder auf den Schirm bringen, die die Seele öffnen, und es würde Geschichten erzählen, die Vergangenheit nicht vergehen ließen. Ein Fest der feinen Beobachtungen gäbe das, der neuen Gedanken, der brutalen Einsichten. Die Entdeckung der Geschichte in Gesichtern, Gefühlen und Landschaften. Die Kunst, mit Bildern zu schweigen, wenn das blinde Entsetzen Bilder eigentlich verbietet. Die Beschwörung der Erinnerung, die die Gegenwart wie ein Blitz erhellt.

Doch so grün schimmert derzeit nur Zukunft, die Fernsehgegenwart liegt grauer vor uns. Sicher: Soviel Aufhebens um die 50. Wiederkehr des Tages, an dem der Faschismus in Deutschland die Macht verlor, gab es zu anderen Dezenniumsfeiern nicht. An die 200 Dokumentationen (siehe Kasten Seite 216) laufen über private und öffentlich-rechtliche Sender. Im »hr2-Radiotag« senden sie am 7. Mai ein 14stündiges Hörspiel mit mehr als 200 Stimmen. Selbst das Pro-Sieben-Sex-Magazin »Liebe Sünde« steht nicht abseits und strahlt ein Porträt passend zum Termin aus: »Lust am Überleben - Erinnerungen des schwulen Juden Gad Beck« (3. Mai, 22.10 Uhr).

Den Mittelpunkt des TV-Gedenkens aber bilden drei aufwendige Filme, die mit Liebe zum Detail Geschichte lebendig machen wollen: » . . . nächste Woche ist Frieden« (Sat 1), der Tom-Toelle-Dreiteiler »Deutschlandlied« (ZDF) und nicht zuletzt Oliver Storz'' »Drei Tage im April« (ARD).

Gemeinsam ist allen Produktionen, daß sie von Altmeistern der Fernsehkunst geschrieben und inszeniert, mit erstklassigen Schauspielern gedreht und von guten Kameraleuten ins Bild gesetzt wurden. Niemand kann sich über historische Ungenauigkeit beklagen. Da stimmt alles, von der Frisur der tüchtigen Trümmerfrauen bis zum tristen Inneren eines Luftschutzkellers.

Und doch leiden alle diese Erinnerungsübungen - die eine mehr, die andere weniger - an derselben Schwäche: der Unfähigkeit, mit einer Geschichte Geschichte zu erzählen. Selten ist das Dilemma der gegenwärtigen, seriösen deutschen Fernsehkunst innerhalb eines kurzen Zeitraums so deutlich zu besichtigen - die Bilder werden immer schöner und suggestiver, die Inhalte immer berechenbarer, abgenutzter.

Die Zeit unmittelbar vor und nach der Stunde Null ist ästhetisch kein Brachland. In den »Bertinis« von Ralph Giordano (Regie: Egon Monk) war kaum überbietbar die Lähmung der Verfolgten zu sehen, die mit der Befreiung in dumpfe Wut umschlug. Bernhard Wicki zeigte im Film »Die Brücke« (Sonntag, 20.15 Uhr, ZDF) auf erschütternde Weise den Fanatismus und die Qualen junger Männer, die als letztes Aufgebot für Hitler sterben.

Rainer Werner Fassbinder setzte mit »Die Ehe der Maria Braun« den Frauen der Nachkriegszeit ein Denkmal: ihrer Kühnheit, ihrem erwachenden Selbstbewußtsein, ihrem Entwachsen aus der Vormundschaft der Männer. Joseph Vilsmaier schließlich trat in »Rama dama« den Beweis an, daß selbst unter Trümmern der Trieb lebte.

Und es gibt längst die Ikonographie des fernen, aber dank Film und Fernsehen scheinbar vertrauten Kosmos in den Ruinen: die stets heldischen Trümmerfrauen mit den schönen Gesichtern unterm malerischen Kopftuch; die verhärmten Opfer mit den asketischen Zügen hinter der Nickelbrille; die fetten Nazi-Bonzen; den gütigen, Kaugummi verteilenden schwarzen US-Sergeanten mit Schlag bei deutschen Frolleins; den gewendeten, doch unbelehrbaren Blockwart; den verstörten Hitler-Jungen; den Raffke, der - eben noch Nazi - zielbewußt in die Wirtschaftswunder-Welt umswitcht.

Leider haben kein Autor und kein Regisseur der jetzigen Mai-Feierlichkeiten im Fernsehen damit gerechnet, daß es einen Überdruß an diesen wohl bekannten Ruinenrunen gibt. Statt Klischees zu vermeiden, lassen sie alle Filme auferstehen. Die Stunde Null wird so zur Stunde 08/15.

Das Sat-1-Spiel » . . . nächste Woche ist Frieden« aus der Feder von Peter Steinbach (Mitautor der ersten Staffel der Edgar-Reitz-Hunsrücksaga »Heimat") demonstriert beispielhaft, wie sich eine durchaus originelle Story-Idee im Herunterbuchstabieren sattsam bekannter Szenen - penibler Blockwart, Angst im Luftschutzkeller, Schlangen vor Fleischerläden, vergewaltigende Russen - verliert.

Den Kern des Steinbach-Stücks sollten die Tagträume des versteckten jüdischen Mädchens Ruthi Tannenbaum bilden. Um die Einsamkeit zu mildern, spinnt sie sich - ähnlich wie Anne Frank - in eine Phantasiewelt ein, schreibt 288 Briefe an ihre ins Rigaer Ghetto und dann ins Todeslager verschleppte Familie. Sie schickt das Geschriebene niemals ab, und sie kennt die schreckliche Wahrheit, aber die Illusion hilft ihr zu überleben.

Steinbach hat die authentische Geschichte »zu Tränen gerührt«. Tränen aber verschleiern den Blick, und so haben Steinbach und Regisseur Peter Schulze-Rohr ihre Heldin leider aus den Augen verloren. _(* Mit Judith Klein (oben), Rita Russek ) _((Mitte). )

Statt die phantastische Welt des militärischen Untergangs Berlins mit der Phantasiewelt eines verfolgten Mädchens zu konfrontieren, verheddert sich der Film in den aufwendig realisierten Geläufigkeiten des Stunde-Null-Genres. Das macht ihn harmlos.

Tom Toelle, 63, gehört tatsächlich, wie es in einem Programmbeiheft heißt, »zur ersten Riege der deutschen Fernsehregisseure«. Er bewies mit dem mittelalterlichen Wiedertäuferdrama »König der letzten Tage«, daß er Statistenheere, die Pracht der Kostüme und große Mimen (Mario Adorf, Christoph Waltz) zu packenden Szenen zu vereinen weiß.

Er hat sich in seinem Dreiteiler »Deutschlandlied« konsequent nicht auf »eine dieser didaktischen, langweiligen Geschichten« verlegt, »wo man nach zehn Minuten merkt: Hier will einer erzählen, daß Waisenkinder arme Geschöpfe sind«. Toelle bevorzugt das Panorama, das Pandämonium der vielen Figuren. Denn mit dem Kriegsende begann aus seiner Sicht »die Westernzeit Deutschlands, eine gesetzlose Zeit, in der Kraft, Mut und Stärke wichtig waren. Die Amerikaner wissen genau, warum sie über die Westernzeit so viele Filme gemacht haben«.

Diese forsche Sicht der Hungerjahre hat denn auch deutliche Spuren im »Deutschlandlied« hinterlassen. Den Toelle-Figuren fehlen die langen Schatten der braunen Vergangenheit. Dem hektischen Aktivismus des Überlebenskampfes sind keine verdrängerischen Züge mehr anzumerken.

Ohne es zu wollen, hält es der Film mit den Tüchtigen. Die Reflexion von deutscher Schuld ist aus diesem opulenten Stück Fernsehen weitgehend emigriert. Statt dessen blicken wir in die schönen Augen der deutschen Wiederaufbau-Frauen, sehen, wie zupackende deutsche Kriegerwitwen und Soldatenfrauen (Ulli Philipp, Katja Riemann) sich an die Moral der neuen Zeit anpassen. Das Leben ging halt irgendwie weiter, heißt die Botschaft des Films. Das haben unsere Eltern und Großeltern auch immer gesagt, wenn wir sie nach der Schuld gefragt haben.

Oliver Storz'' Film »Drei Tage im April« ist der einzige fiktionale Beitrag zum 8. Mai, der die Frage nach der Moral deutlich stellt. In einem Dorf an der schwäb''sche Eisebahne kommen in den letzten Kriegstagen drei Viehwaggons mit Elendsgestalten aus dem KZ zum Halten. An Weiterfahren ist wegen der Kriegswirren nicht zu denken.

Die Schreie der Verdurstenden gellen in Bauernstuben, in die Lebensgier und Zukunftsangst der kleinen Leute. Storz'' Geschichte ist authentisch. Er hat sie recherchiert, und sie war in der historischen Realität viel schrecklicher, als sie nun im Film zu sehen ist. Außer einem alten Mann hat sich 1945 kein Mensch um die Verschmachtenden gekümmert. Und als die SS-Wachen getürmt waren, schoben die Einwohner die Waggons aus dem Bahnhof und ließen sie auf der Gefällstrecke einfach davonrollen. Niemand weiß heute, was aus den Gemarterten geworden ist. Das Sankt-Florians-Prinzip in seiner verbrecherischsten Variante.

Der Autor mochte die schnöde Schrecklichkeit dieses Stückchens Geschichte so nicht stehenlassen. So erfand er in bester didaktischer Absicht eine Art moralischen Diskurs: Die Einwohner zeigen Ansätze von Hilfsbereitschaft, bringen Nahrungsmittel an den Zug, überreden die SS-Wachen zum Verschwinden, entscheiden sich dann aber doch für die Abschiebung.

Ein Pfarrer kapituliert feige vor der Kirchenobrigkeit, eine junge BDM-Führerin (Karoline Eichhorn) verliert den Glauben an den Führer und die Liebe zur Heimat.

Leider übergießt Storz seinen Film an den entscheidenden Stellen mit dem Öl des Pathos. Wenn die Bewohner vor den Elendswaggons Angst vor der eigenen Courage bekommen, erklingt die Arie aus der Matthäus-Passion »Erbarme dich«. Da wird dann das ganze Dilemma der deutschen Bilderseligkeit zum 8. Mai deutlich: das Nicht-schweigen-Können.

Und doch - trotz alledem -, es bleiben einzelne Szenen haften, die das Betrachten aller drei Spiele lohnen: Der Moment, wenn das versteckte jüdische Mädchen nach dem Ende der Nazi-Schrecken den Eltern schreibt, sie könne sie ja nun endlich besuchen, und man in ihrem Gesicht liest, daß sie um deren Tod im KZ weiß. Die »Deutschlandlied«-Szene, in welcher der schwarze US-Soldat sich um ein freundliches Gesicht beim Herunterwürgen des angebotenen Muckefucks bemüht, und das Bild von den furchtsamen Schwaben, die den Waggon mit den Elenden schieben.

Nikolaus von Festenberg
*KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:

Der 8. Mai im Fernsehen *

Fernseh- und Spielfilme

» . . . nächste Woche ist Frieden« (25. April, 21.15 Uhr, Sat 1); »Hitlerjunge Salomon« (1. Mai, 20.30 Uhr, ARD); »Georg Elser - Einer aus Deutschland« (3. Mai, 21.45 Uhr, Bayern III); »Deutschlandlied« (8., 10., 14. Mai, jeweils 20.15 Uhr, ZDF); »Drei Tage im April« (8. Mai, 20.15 Uhr, ARD). Dokumentationen (Auswahl): »Eichmann und das Dritte Reich« (26. April, 0.15 Uhr, ZDF); »Der Tod lebt weiter - Die Kinder von Auschwitz und ihre Familien« (27. April, 23.00 Uhr, ARD); »Wir sind keine Verräter - Deserteure und Kriegsdienstverweigerer im Zweiten Weltkrieg« (30. April, 17.30 Uhr, ARD); »Festung Berlin« (30. April, 20.15 Uhr, ARD); »Nachtjournal Spezial: Die letzten Stunden im Führerbunker« (30. April, 22.55 Uhr, RTL); »Letzte und erste Tage - Revue mit Biolek, Wickert« (5. Mai, 20.30 Uhr, ARD); »50 Jahre nach Kriegsende - Staatsakt aus Berlin« (8. Mai, 18.00 Uhr, ARD); »Die Freiheit hat Geburtstag - Veranstaltung im Thalia Theater Hamburg« (8. Mai, 20.10 Uhr, ZDF); »Kurzfilmreihe: Hollywood-Regisseure im Zweiten Weltkrieg« (12., 19. Mai, 23.00 Uhr, 3Sat).

* Mit Judith Klein (oben), Rita Russek (Mitte).

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