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Wenn die Tagesthemen gesungen werden

SPIEGEL-Redakteur Klaus Umbach über die Uraufführung der Oper »Nixon in China« von John Adams *
Von Klaus Umbach
aus DER SPIEGEL 44/1987

Ton auf Ton auf Ton, wieder und wieder die gleiche Folge, die gleiche schöne Leier. Der Rhythmus hält eisern durch, nur die Dynamik legt langsam zu. Musik nach dem Rotationsprinzip - so, in genialer Weise eintönig, fing schon Richard Wagner sein »Rheingold« an.

Doch während der Gesamtkunstwerker mit dem wellenartigen Spiel seiner philharmonischen Hundertschaft auf dem Grunde des Stroms in mythischem Bodensatz schürfte, planiert John Adams, 40, Komponist aus Massachusetts, mit den gleichförmig gebrochenen Akkorden seines 33-Mann-Orchesters das Rollfeld auf dem Flughafen Peking - Schauplatz einer historischen Begegnung und Aufmacher einer Oper, die genau davon handelt. Erster Akt, erste Szene: Montag, 21. Februar 1972.

Zur Feier des Tages wird vielerlei Volk aufgeboten, alles Genossen mit stierem Blick und sturer Gebärde, die in vierstimmigem Satz vom einfachen Menschen singen, der »heute die Helden stellt« .

Dann, während die proletarische Botschaft verhallt und Trompeten, Posaunen, zwei elektrische Klaviere und ein Synthesizer den gebremsten Schub von Flugzeugdüsen simulieren, schwebt vom Bühnenhimmel die »Spirit of '76« ein, die Boeing 707 des amerikanischen Präsidenten.

Die Treppe wird angefahren, der Jet geöffnet, und den roten Treppen-Teppich hinab steigt Richard Nixon, schüttelt dem gastgebenden Premier Tschou En-lai die Hand und skandiert mit hektischem Bariton die »news news news«, daß er soeben in die Weltgeschichte eingetreten sei.

Während Tschou seinen Willkommensgruß noch mit einer Kantilene in gleicher Stimmlage salbt, trippelt stumm und staunend Patricia Nixon aus der Kabine, eine in betont tailliertem Rot gewandete Sopranistin, die mit spitzen Fingern ihre blonden Dauerwellen betastet und sich dabei kein Haar krümmt.

Kaum hat die First Lady unten in gebührendem Abstand vom historischem Händedruck Aufstellung genommen,

da räkelt sich ein kleiner Mann mit dunkler Brille und deutlichem Bauchansatz aus der »Airforce One« - richtig, Henry A. Kissinger, der Drahtzieher des Ganzen, Baß, und einstweilen wortlos wie Pat.

Mit diesem Entree begann vor 15 Jahren, wie die französische Zeitung »L'Aurore« damals schrieb, der »Gipfel des Jahrhunderts« und am vergangenen Donnerstag in der Grand Opera Houston (Texas) dessen musiktheatralische Verwertung. »Dichtung hautnah an der Wahrheit«, hatte der Opernneuling Adams schon lange vor der Uraufführung seines knapp dreistündigen Zweiakters »Nixon in China« verkündet, weshalb nach Beobachtungen der Zeitschrift »Connoisseur« denn auch »eine amerikanische Oper wohl noch nie mit solch hysterischer Erregung erwartet worden« sei.

Geht denn das? Leibhaftige Politiker, einige noch unter den Lebenden, auf der Opernbühne, Schlagzeilen in edler Phrasierung, »Nixon in China« gattungsmäßig in einem Topf mit »Iphigenie in Aulis«? Kommt da mehr raus als ein bißchen politisches Entertainment, taugt ein Staatsbesuch, zumal neueren Datums, für die musealste und künstlichste Spielart des Theaters?

Sicher sei es, sagt auch Adams, eigentlich »ein alberner Brauch, Menschen mit überdrehten Stimmen umherlaufen zu lassen«, aber »die Leute flippen dabei aus wie sonst nur beim Baseball«. Da er als Neutöner kaum mehr auf antike Helden und Sagen zurückgreifen könne, weil dem zeitgenössischen Publikum »die emotionale Bindung« an derlei Antiquitäten fehle, suche er eben in der jüngeren Geschichte nach »neuen Mythen«, die Oper nun mal brauche.

Auf Nixons Spuren in Fernost war Adams, »derzeit Amerikas heißester Jung-Komponist« ("Image"), durch Peter Sellars, 30, gebracht worden, derzeit Amerikas heißesten Jung-Regisseur. Dieser kleinwüchsige Faun mit dem blitzgescheiten Stiftekopf hat schon häufig Sinn für pfiffigen Frevel bewiesen und dann genüßlich auch Evergreens gefleddert, ein Mann fürs Exotische.

Mozarts »Cosi fan tutte« beispielsweise, diese Buffa mit ihren sonst so anmutigen Frivolitäten, verlegte er frech von italienischen Gestaden in einen amerikanischen Coffeeshop voller Kleenex-Tücher und Ketchup-Flaschen und verkehrte das klassische Verwirrspiel in ein verwirrend sexistisches Musical.

Noch dreister trieb er es mit »Don Giovanni«. Den machte er zum Boß einer Räuberbande in Harlem und ließ ihn zur Champagner-Arie einen Heroinschuß setzen, zum Nachtmahl einen Big Mac mampfen und am Schluß, bevor er zur Hölle fährt, wütend mit Pommes um sich schmeißen.

Sellars, dieser genialische Tunichtgut, brauchte zwei Jahre Überredungskunst, um Adams den Floh mit Nixon ins Ohr zu setzen. Zusammen mit der Dichterin Alice Goodman, 29, einer gemeinsamen Bekannten, sichteten Komponist und Regisseur dann im Washingtoner Kennedy Center wochenlang Berge einschlägiger Berichte und Videos. Was die junge Poetin aus Minnesota davon in ihrem ersten Libretto verarbeitete, ist well done: eine brauchbare sprachschöne Mischung aus abgelauschten O-Tönen, aus Glosse, Ketzerei, Kommentar und privaten Beichten in empfindsamen Monologen - das Ganze über weite Strecken in altmodischen Vers-Paaren gereimt.

Einmal zumindest hat Frau Goodman dabei mit Bravour über die Stränge einer diplomatischen Zeremonie geschlagen. Bei einem Spiel im Spiel - Gäste und Gastgeber verfolgen ein Revolutionsdrama von Maos Frau - taucht Henry Kissinger als Faktotum eines Grundbesitzers auf, grapscht geil nach einer wehrlos angeketteten Bauernmagd und besingt in höchsten Tönen deren »köstliche Oberschenkel« und »wölbende Brüste": »Komm her, du Nutte, ich springe darauf, ein Hahn auf der Henne . »

Doch sogar zu solch sinnenfrohen Einlagen, von Pat und Dick Nixon mit Argwohn verfolgt, ließ Adams seine Musik seelenruhig ihre melodischen Pirouetten drehen; sogar ein Wagner-Zitat vom Brünnhilde-Felsen, bruchlos eingefügt, rotierte schön vor sich hin.

Unbeirrt, wie er anfangs Ton für Ton vor Landung der Gäste im Reich der Mitte angesetzt hatte, schrieb der einstige Atonale und John-Cage-Jünger seinem kleinen Ensemble jene ausdauernde Folge wohlklingender Häppchen vor die ihre harmonische Struktur nur unmerklich variieren, den Rhythmus fast unauffällig ändern und die instrumentalen Farben allenfalls fein dosiert wechseln - eine unendliche Geschichte auf Notenpapier.

So ziseliert gemacht, ist Minimal Music alles andere als Kleinkunst: durchsichtig wie von Mozart, süffig wie von Richard Strauss, angereichert mit »überreifem Glenn Miller und dem ganzen Arsenal amerikanischer Musiktradition« (Adams), mal plump wie Allerwelts-Pop, dann, in kontrapunktischer Feinarbeit, geradezu wie aus dem Lehrbuch.

»Kunst«, liebkost Adams seinen Ohrwurm voll klarem Dur und reinen Dreiklängen, »muß, um Wert zu haben, ja nicht auch schwer zu verstehen sein.« Und um den Avantgarde-Jüngern aus Donaueschingen gleich noch eins auszuwischen, läßt er die Sänger sogar wieder singen: Da legt er über alle seine vielen orchestralen Kürzel richtig lange Arien, regelrechte Duette und ausgewachsene Ensembles, geradeso als müsse er, der Debütant im Genre, der verstaubten Gattung noch einmal auf die Sprünge helfen.

Bei soviel Respekt vor dem Singspiel hat sich denn auch Regisseur Sellars seine bösesten Spitzen verkniffen. Sicher, Kissinger ist bei ihm ein Trottel, der sich die Schnäpse schon während der Trinksprüche hinter den roten Binder gießt, Mao, der gelbe Riese, ein humpelnder Veteran, der nach jedem seiner poetischen Ergüsse wie ein Mehlsack in den Sessel plumpst- Pat ein Dummchen aus der amerikanischen Provinz, das

winke, winke durchs Land des Lächelns eilt, die First Lady als führende Witzfigur.

Aber sowenig der vielzitierte Atem der Geschichte Sellars die Lust an satirischen Pointen nahm, sowenig mochte der Regisseur das weltpolitische Ereignis bloß karikieren: An lebenden Zeugen fleddert er nicht.

Okay, es geht also: Tagesthemen lassen sich singen, Ost-West-Dialoge taugen für Duette, auch Gipfeltreffen sind Opernstoff und, was zu beweisen war, auf der Musikbühne kaum komischer als in der Wirklichkeit. Politik, als garstig' Lied verschrien, kann durchaus lustig über die Lippen gehen, als Staatstheater, wie etwa in Peking, ist sie ohnehin immer auch ein Stück Seifenoper.

Genau das wollten die damaligen Gipfelstürmer nur nicht hören: Die Nixons und Mister Kissinger ließen sich, obwohl sehnlich erwartet, in Houston gar nicht erst blicken. Sie haben was verpaßt.

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