Zur Ausgabe
Artikel 91 / 113
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

FILM Wenn in Wacken die Erde bebt

Die aus Südkorea stammende Sung-Hyung Cho porträtiert in »Full Metal Village« ein deutsches Dorf im Bann der Gruselrockmusik.
aus DER SPIEGEL 16/2007

Deutschland ist platt und schön dort droben zwischen Itzehoe und dem Nord-Ostsee-Kanal, zumindest im Sommer: wogende Weizenfelder und muhende Kühe, prächtig grünende Bäume und Wiesen, und mittendrin knorrige, liebe Menschen, die verschmitzt in die Kamera blicken und sich freuen, dass einmal im Jahr fast aus der ganzen Welt Leute kommen, um auf den Fluren des 1800-Einwohner-Dorfs Wacken ein Fest zu feiern. »Menschen sind besser zu melken als Kühe«, verkündet zum Beispiel stolz und weise der Wackener Großbauer Trede.

Es geht allerdings ein bisschen bizarr zu bei diesem Rock'n'Roll-Fest namens »Wacken Open Air« (kurz »W:O:A"), zu dem alljährlich am ersten August-Wochenende zwischen 40 000 und 60 000 Zuschauer aus aller Welt pilgern. Da brüllt, so sieht man in dem Film »Full Metal Village«, ein muskulöser, total tätowierter, das Gesicht zu einer grässlichen Fratze verziehender Sänger die jubelnden Massen an, ob denn auch jeder bereit sei, seinen nächststehenden Mitmenschen auf der Stelle abzumurksen: »Are you ready to kill each other?« Und aus abertausend Kehlen schreit es tobsüchtig: »Yeah!«

Die Filmemacherin Sung-Hyung Cho, 37, ist eine neugierige Frau, die in Südkorea aufgewachsen ist, vor 17 Jahren zum Studium nach Marburg kam und seither in Deutschland lebt; sie sei nie ein Heavy-Metal-Fan gewesen, sagt sie, auch wenn sie in ihrer Pubertät mal böse laute Songs von Judas Priest gemocht habe. Dass sie bis heute eine gewisse Begeisterung für harte Jungs hegt, merkt man, wenn sie von »gutaussehenden Männern in schwarzen Lederhosen mit Ketten und Nietengürtel und langen Haaren bis zum Arsch« schwärmt.

Sung-Hyung Chos Dokumentarfilm »Full Metal Village«, der nun in den Kinos anläuft, hat in diesem Jahr die wichtigste deutsche Nachwuchsfilmertrophäe beim Max-Ophüls-Festival in Saarbrücken gewonnen. Mit ruhigem, fast ethnologischem Blick betrachtet die Regisseurin das, was sie das »Aufeinanderprallen zweier Kulturen« nennt. Die netten, betulichen Dörfler in der schleswigholsteinischen Provinz einerseits, die scheinbar so grimmigen, in Wahrheit eher zahmen und lustigen Gruselrockfans andererseits. »Das ist ein ewiges Thema für mich«, sagt Sung-Hyung Cho. »Was ist eigen, was ist fremd?«

Tatsächlich fallen die gepiercten, grölenden Rocker und ihre schauerlich kostümierten Anhänger erst im letzten Drittel des Films in Wacken ein. Vorher geht die Regisseurin auf Abenteuerexkursion im Dorf. Sie lässt Bauern vom Niedergang der Milchwirtschaft, dem pausenlosen Zigarettenpaffen ("drei Schachteln am Tag") und von den Geheimnissen einer guten Ehe ("Einer muss den anderen stützen") reden, sie leuchtet Kuhställe aus und Wohnzimmer und einen Trainingsraum, in dem sich zwei Wackener Mädchen fit machen für die Modelkarriere, von der sie träumen.

Oft ist das sehr komisch, oft aber tun sich auf ganz unterschiedliche Weise deutsche Abgründe auf: wenn etwa ein arbeitsloser Bauarbeiter, der einst an der Gründung des Open-Air-Festivals im Jahr 1990 beteiligt war, mit Weißrussen und Polen auf deutschen Baustellen »aufräumen« möchte oder wenn eine alte Frau von der Flucht aus Ostpreußen übers Haff im Winter 1944/45 erzählt, von Bomben und ersaufenden Pferden und im Eiswasser treibenden Kinderleichen.

Die Kunst der Filmemacherin besteht darin, dass sie den Menschen jederzeit mit irritierender Zuneigung auf die Pelle rückt. Vielleicht am eindringlichsten gelingt ihr das mit der schüchternen Teenie-Schönheit Kathrin, die von ihrem Interesse für die Nazi-Zeit berichtet und von ihrem Zeitreisetraum, nur einmal einen Tag dabei sein zu können in der Hitlerjugend, um zu erfahren, wie sich das wirklich angefühlt habe damals. Und so ungelenk und kurios das klingt, so wenig verrät die Regisseurin ihre Protagonistin in solchen Momenten - die Kamera verharrt einfach geduldig auf Kathrins Gesicht, in dem sich Zweifel, Furcht und ein seltsamer Trotz spiegeln. Sie sei eben auf der Suche, sagt Sung-Hyung Cho über das Mädchen, »für sie ist das Festival mit Fremden aus aller Welt ein Rettungsanker«.

Klar gibt es auch ein paar derbere Effekte in »Full Metal Village«. Man sieht die Alten des Dorfs beim Gruppentanz herumhampeln und den Dorfpastor erstaunlich milde über die Teufelsanbeterposen der Metal-Rocker sprechen, und einmal, quasi als Eröffnungsabend des Rockfestivals, zeigt Sung-Hyung Cho sogar den Auftritt der dörflichen Feuerwehrkapelle vor einer Horde von wild ihre Mähnen schüttelnden Ledergesellen.

Die Rockfans behandelt der Film letztlich wie exotische Eindringlinge, die wahren Helden sind die Dörfler: »Für die Festivalbesucher ist das Urlaub, die lassen eine Woche im Jahr die Sau raus, mehr ist da nicht dran«, sagt die Regisseurin.

Sung-Hyung Cho bezeichnet ihre Dokumentation als »Heimatfilm« und wirbt mit einem Satz für das Werk, der nach Kalenderspruch klingt: »Wenn man seine Heimat nicht liebt, kann man Fremde auch nicht lieben.«

Doch weil er nicht nur die äußerlichen Verwüstungen zeigt, die das jährliche Festivalerdbeben in der Wackener Postkartenidylle anrichtet, sondern auch die bleierne Öde ahnen lässt, die übers Jahr das Dorf und die Köpfe seiner Bewohner beschwert, bestätigt »Full Metal Village« die goldene Regel: Jeder gute Heimatfilm ist auch ein Horrorfilm. WOLFGANG HÖBEL

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 91 / 113
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.