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Wenn Methusalem zum Tanz aufspielt

SPIEGEL-Redakteur Klaus Umbach über den Pianisten Vladimir Horowitz in Deutschland *
Von Klaus Umbach
aus DER SPIEGEL 21/1986

Klar, auch er, dieser tattrige alte Herr im viel zu dicken Wintermantel, schien verdächtig: Das erste, was ihn auf deutschem Boden berührte, war ein Geigerzähler.

Wie alle anderen Gäste des Fluges LH 345 von Leningrad nach Frankfurt mußte sich Vladimir Horowitz, 82, in Rhein-Main auf radioaktiven Staub absuchen lassen. Doch das Meßgerät knatterte nicht los, der Welt berühmtester Pianist strahlte nichts aus und konnte Anfang Mai seine nostalgische Reise in die Vergangenheit unverseucht fortsetzen. Ein paarmal, als der schlimme Fall-out von Tschernobyl auch über Moskau und Leningrad, Hamburg und Berlin, die Stätten früher Horowitz-Triumphe, niederzugehen drohte, war der Virtuose drauf und dran gewesen, seine spektakuläre Tournee abzubrechen.

Doch der Pianist, der noch vor Jahren stets mit einem teuren Spezialapparat zur Entkeimung des Wassers auf Reisen ging und sich auch sonst gern als Kräutchen zierte, das niemand anrühren durfte, ließ sich jetzt, auf dem ruhigen Altenteil, von ein paar lausigen Becquerel nicht mehr aus der Fassung bringen.

Schwer genug hatte er sich ohnehin getan, mit über 80 seine uralten Vorbehalte zu überspielen und sich in der Sowjet-Union und der Bundesrepublik nach über einem halben Jahrhundert noch einmal ans Klavier zu setzen.

Nach Reagans und Gorbatschows Genfer Gipfel im vergangenen Herbst schien Horowitz die Zeit reif, sein Wort zu brechen: Niemals, das war lange seine ständige Rede gewesen, werde er noch einmal seinen Fuß auf russische Heimaterde setzen, so sehr es ihn, den Juden aus Kiew, auch danach verlangte, sein 1925 verlassenes Geburtsland wiederzusehen und die Verwandten zu treffen, die er bloß aus Briefen kannte. Gegen Ende des Jahres hatte er sich dann sogar durchgerungen, beim Comeback in der UdSSR auch gleich mit Deutschland ins reine zu kommen.

Er hatte niemals über das ganze Volk, das die Nazis hervorgebracht und den Holocaust verursacht hatte, den Stab gebrochen; er hatte den demokratischen Sinneswandel anerkannt und wußte von einer jungen Generation, die mit der historischen Schuld nicht zu belasten war. Doch gerade in Leningrad, seiner zweiten Station in der UdSSR, wo die Wunden von Hitlers Belagerung noch nicht vernarbt sind, waren viele Bedenken wieder hochgekommen, und verflogen waren sie auch noch nicht, als Horowitz in Frankfurt landete.

Die Lufthansa hatte für den Veteran, der seit Jahren nur noch auf wackligen Beinen vorankommt, ein elektrisch betriebenes Gerät bereitgestellt, auf dem Horowitz und Frau Wanda durch das Labyrinth des Flughafens kutschierten.

Einige Passagiere erkannten den müden Methusalem mit der dunklen Hornbrille, dem schwarzen Hut und dem Stock, blieben stehen und winkten. Horowitz winkte und lächelte zurück: Okay, auch die Deutschen hatten also sein langes, schelmisch durchfurchtetes Gesicht mit den riesigen Nasenlöchern noch nicht vergessen.

Dann, endlich in Hamburg, war für den Spätheimkehrer gleichsam über die Toppen geflaggt. Hühnchen, Seezunge und Apfelsaft, des Virtuosen unverzichtbare Nahrungsmittel, wurden zu jeder gewünschten Tages- und Nachtzeit serviert. Der Plattenkonzern PolyGram feierte seinen frisch verpflichteten Piano-Star als Ehrengast beim Tulpenfest. Die

Staatsoperngäste der Ballettpremiere ließen den berühmten Zuschauer mit kräftigem Beifall hochleben, das Orchester überreichte Blumen.

Hamburgs Bürgermeister Klaus von Dohnanyi hängte Horowitz das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern um und verblüffte ihn mit originalen Souvenirs (Programmzetteln, Eintrittskarten. Zeitungskritiken) von jenem denkwürdigen Abend, als der Rußland-flüchtige Nobody am 28. Januar 1926 stehenden Fußes in der Hamburger Musikhalle eingesprungen war und das Publikum mit Tschaikowskis b-Moll-Konzert um den Verstand, sich selbst in den Olymp der Virtuosen gedonnert hatte.

Und Wanda, die Stimme dieses Herrn? Auch sie, die gußeiserne Tochter des radlikalen Antifaschisten Arturo Toscanini, hatte sich zum Rück-Weg nach Deutschland überwinden müssen, und während der ersten Tage verfolgte sie noch grimmiger als sonst die vermeintlich schöngeistigen Umtriebe auf dem großen Bahnhof um sie herum.

Doch allmählich taute sie auf. Sie entdeckte verzückt einen Hut und ließ sich die Anschrift des Lieferanten notieren. Sie genoß es mit Grandezza, daß deutsche Autogrammjäger auch von ihr Unterschriften ins Poesiealbum erbaten. Und sie war wieder ganz die alte, als die Pressekonferenz nach 40 Minuten beendet wurde, weil sie 40 Minuten für ausreichend befunden hatte.

Sicher, an jeglicher Zuneigung hatten es Wochen zuvor auch die russischen Klavier-Freaks nicht fehlen lassen. Junge Leute durchbrachen, als Horowitz'' Tschaika am Moskauer Konservatorium vorfuhr, die Absperrungen der Ordnungshüter und stürmten ohne Eintrittskarte auf die Balkons, wo sie in den Gängen Schulter an Schulter das langersehnte Recital durchstanden.

Immer wieder sprach Horowitz in fast noch fehlerlosem Russisch mit Landsleuten auf der Straße. Er traf sich mit seiner Nichte Jelena Dolberg, 67, die sechs gewesen war, als er sich in den Westen absetzte, und er plauderte auch mit einer anderen Jelena, der greisen Tochter des von ihm hoch geschätzten Komponisten Alexander Skrjabin. Bei Mütterchen Rußland fühlte sich Horowitz, der schon verloren geglaubte Sohn, sichtbar wohl.

Um so kühler verhielt sich anfangs die offizielle Sowjet-Union. Kein Wort zur Ankündigung oder Begrüßung in »Prawda« oder »Iswestija«. Am Moskauer Konservatorium wurde nicht einmal das Konzert plakatiert, und aus Rache für Reagans Angriff auf Gaddafi blieben offiziöse Gäste dem Empfang des italienischen Botschafters in Moskau zu Ehren von Horowitz fern.

Auch die Konzertgänger in Moskau und Leningrad, für deren wohlfeile Billetts (Höchstpreis: rund 17 Mark) Horowitz auf seine Gage verzichtet hatte, standen auf, um den alten Herrn zu begrüßen, »aber eben doch zögernd, einer nach dem anderen, und der Beifall, so herzlich er auch war, lag wie unter einem Schleier«, erinnert sich ein Begleiter aus Horowitz'' Troß.

In Hamburg hingegen sprangen die 2014 Zuhörer spontan von ihren bis zu 400 Mark teuren Plätzen, schrien Bravo im Fortissimo und hatten auch nach drei Zugaben noch nicht genug - es war wie eine riesige private Wiedersehensfeier, an deren Ende der Gastgeber wieder mal seine mimischen Slapsticks vorführte den Kameras die Zunge rausstreckte, den Rängen mit seinem verknautschten Taschentuch zuwinkte und endlich den Flügel mit lautem Knall dichtmachte: Ein Star hatte den Schweif seiner langen Laufbahn wieder eingeholt.

War das nun alles den gewaltigen Theaterdonner wert um einen »über den Dingen stehenden, um die letzten musikalischen Wahrheiten ringenden Genius« ("Hamburger Morgenpost") oder um einen »Meister schmerzlicher Introversion dissonanter Dissoziation« (FAZ")?

Dieser Mann kann immer noch prachtvoll Klavier spielen. Natürlich, er hat auch kräftig danebengegriffen oder ganz knifflige Stellen mit der verwischenden Gnade des rechten Pedals überdeckt.

Den Horowitz, der über Jahrzehnte die pyrotechnischen Tricks nur so aus dem Ärmel schütteln konnte, dürfte niemand mehr ernsthaft erwartet haben, der die Geburtsdaten des Pianisten und die Noten, die er sich zumutet, lesen kann. Und doch tauchte in Hamburg nicht bloß ein Phantom auf, das seinen sagenhaften Ruhm längst überlebt hat und vor dem man gerührt wie enttäuscht beide Ohren zudrücken muß.

Die Horowitz-Bässe, wenn er sie denn noch mal so richtig in die Tasten wuchtet, haben immer noch eine orgelnde Fülle, die kein Youngster der Zunft hinkriegt. Für die kreisenden Oktaven, die in Frederic Chopins As-Dur-Polonaise jeden Interpreten ans Schwitzen bringen, hat seine Linke ein Rotationsprinzip entwickelt, das offenbar mühelos funktioniert: Horowitz hatte das vertrackte Stück eine ganze Woche vor dem Konzert nicht angerührt.

Immer noch kann er, zum Entsetzen aller Stilpuristen, den zierlichen Sonaten von Domenico Scarlatti kleine Dämpfer aufsetzen und so die trippelnde Barock-Eleganz in impressionistischen Duftnoten auflösen. Und wenn er endlich zu den, »Soirees de Vienne« von Franz Liszt bittet, kapriziös alle Streicheleinheiten abtastet, die in dieser Melange aus Schubert-Walzern stecken, und die Finger dabei unwiderstehlich durch den Diskant tänzeln läßt, dann hat das Klavier endlich seinen immer noch größten Charmeur. Dann wiegt Vladimir Horowitz die Musik als wäre er Barpianist beim lieben Gott. _(Mit Ehefrau Wanda und Hamburgs ) _(Bürgermeister Klaus von Dohnanyi. )

Mit Ehefrau Wanda und Hamburgs Bürgermeister Klaus von Dohnanyi.

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