DEBATTE Wenn Nacktheit subversiv ist
Natürlich gibt es überall Pornografie, aber wenn sie in einerGesellschaft auftritt, in der es für junge Männer und Frauen schwerist, sich zu treffen und das zu tun, was junge Männer und Frauen oftgern tun, dann befriedigt sie ein noch allgemeineres Bedürfnis. Undsolange sie das leistet, wird sie manchmal gewissermaßen zumBannerträger für die Freiheit, ja sogar für die Zivilisation. Würdendie Restriktionen, die derartige Gesellschaften gegenüber normalensozialen, romantischen und sexuellen Beziehungen aufbauen, zerfallen,ginge das Bedürfnis nach Pornografie aller Wahrscheinlichkeit nachebenfalls zurück.
In Pakistan besuchen mehr als 60 Prozent aller Internet-Nutzerpornografische Websites. In Tausenden Internet-Cafés im ganzen Land istder Zugang zum Netz möglich, und er kostet nicht viel; ungefähr 20 Centfür eine Stunde. Im Jahr 2003 sperrte die pakistanische Regierung über3000 pornografische Websites, die sie als »korrupte und bösartigeEinflüsse« bezeichnete. Die Benutzer werden mehrheitlich als»Jugendliche« beschrieben, was nicht sonderlich überrascht.
Wie schwierig es ist, derartige Websites zu unterdrücken, gestandder leitende pakistanische Telekommunikationsbeamte Zahir Mohammed Khanunausgesprochen ein, als er erklärte, es handele sich hierbei um einen»kontinuierlichen Vorgang ... Wir werden diese Sites immer wiederblockieren«.
Im Klartext heißt das, die neuen Sites schießen ebenso schnell ausdem Boden, wie die alten gesperrt werden. Hunger ist Hunger, und dieHungrigen wollen gefüttert werden. Unlängst fand in Peschawar, derkonservativsten und am meisten von den Taliban geprägten StadtPakistans, eine »englische Filmnacht« statt, bei der amerikanischeHardcore-Pornografie aus den Siebzigern gezeigt wurde. Der Leiter desKinos behauptete, seine Filmvorführungen verhinderten, dass seineZuschauer an Qaida-ähnlichen Unternehmungen teilnähmen. »Wenn diesesKino schließt, werden ihre Gedanken mehr um den Terrorismus kreisen«,behauptete er. »Wenn sie diese Filme sehen, sind sie zufrieden.« Pornosfür den Frieden. Was für eine Parole. Ich vermute, sie würde LarryFlynt, dem alten »Hustler« persönlich, gefallen.
Anderswo in der Welt des konservativen Islam werden die Dämme gegendie Pornografie immer höher gebaut - was ebenso zwecklos ist. In Iranentsteht ein enger Zusammenhang zwischen der Pornografie
und der Idee einer Revolution gegen die Mullahs. (Porno für dieFreiheit! Das würde Larry Flynt noch besser gefallen.)
Die iranische Regierung sperrt immer wieder den Zugang zu Websitesmit »pornografischen und regierungsfeindlichen Inhalten«. Das istübrigens eine interessante Wendung. Als Chomeini 1979 an die Macht kam,haben seine verurteilungsfreudigen Ajatollahs, wie etwa der 2003verstorbene Chalchali, zahlreiche Prostituierte hinrichten lassen. Undnun scheinen die Porno-Königinnen die Stoßtrupps der Opposition zubilden!
In der iranischen Provinz Hamadan, die für ihre ultraharte Liniebekannt ist, gelang es irgendwem 2002 tatsächlich, das Programm desislamischen Nachrichtensenders zu unterbrechen und einen dreiminütigenPorno-Clip einzuspeisen, den ein Zuschauer später als »das Obszönste,was ich je gesehen habe« beschrieb. Man kann über den Mut des sexuellenRevoluzzers, der diese Nummer abgezogen hat, nur staunen.
Im heutigen Iran ist die Verbreitung von Pornografie ein Verbrechen,das mit dem Tode bestraft wird. Dennoch reißt die Flut nicht ab. Ineinem Bericht über die Verzweiflung der Islamisten zitiert die »NewYork Times« den Verleger einer mit den Ansichten des religiösen FührersAjatollah Chamenei sympathisierenden Zeitung, der das Scheitern derversuchten Verbote eingesteht: »Es ist, als würde man eine Leiterentfernen, die am Gebäude angelehnt ist, um zu verhindern, dass einVogel auf dem Dach davonfliegt.«
Indien besitzt natürlich eine viel offenere Gesellschaft alsPakistan oder auch Iran, aber die sexuelle Prüderie hat dort ebenfallsschwer gelitten. Porno-Filme sind eine rasch wachsende Branche in derindischen Filmindustrie. In den meisten indischen Städten gibt esKinos, die illegal Filme »für Erwachsene« zeigen, meistens beiheimlichen Sexfilmsessions am Morgen.
Vor einiger Zeit hat der damalige Chefzensor Indiens zur Verblüffungder kulturell Konservativen vorgeschlagen, die indischePorno-Filmindustrie zu legalisieren, damit Hardcorefilme offen in Kinosvorgeführt werden könnten. Der Name dieses radikalen Herren war VijayAnand, er war der Vorsitzende des Central Board of Film Certification(einer indischen Zensurbehörde), eines Ausschusses, von dem es in einemBericht der BBC hieß, er sei »ein designierter Hüter dergesellschaftlichen Moral, der Regisseure regelmäßig dazu auffordert,alles zu entfernen, was er als anstößig ansieht, einschließlich Sex,Nacktheit, Gewalt oder Themen, die als politisch subversiv gelten«.
Ungeachtet seiner Pflichten als Hüter der Moral meinte Herr Anand:»Pornos werden überall in Indien heimlich vorgeführt ..., und der besteWeg, um dieses Bombardement durch Sexstreifen abzuwehren, bestehtdarin, sie offen in Kinos zu zeigen, mit legalen Freigabezertifikaten.«Und weiterhin behauptete er: »Es gibt in Indien eine Nachfrage nachsolchen Filmen, und wir als Zensoren können nicht ständig unserenDaumen auf die Pornografie halten. Indem wir solche Kinos einrichten,würden wir Menschen, die derartige Filme sehen möchten, ein Ventilbieten.« Und das ausschlaggebende Argument: »Kinos hätten dadurch dieMöglichkeit, konkurrenzfähig gegenüber dem Kabel- undSatellitenfernsehen zu bleiben.«
Vyjayantimala Bali, eine altgediente Tanzfilmkönigin, die heutepolitisch aktiv ist, meint, Indien benötige keine weitere»Freizügigkeit«. Vielleicht irrt sich die legendäre Lady aber, und esist genau andersherum; vielleicht hat eine freizügigere Gesellschaftweniger Bedarf an Pornografie, auf jeden Fall hat sie es nicht nötig,aus Sexfilmen Ikonen der Revolution oder des Friedens zu machen. Denneine Gemeinsamkeit aller bisher geschilderten Geschichten ist, dass sieaus antifreiheitlichen Gesellschaften stammen.
Prostitution, die hässliche Stiefschwester der Pornografie, ist insexuell repressiven Gesellschaften ebenfalls eine gewaltige Industrie,obwohl selten über sie gesprochen wird. In Bombay gehen Schätzungenzufolge mehr als zehn Prozent aller Frauen in der Stadt im berüchtigtenRotlichtviertel Kamathipura und Umgebung auf den Strich.
Schauen Sie sich Mary Ellen Marks Fotos von indischen Prostituiertenan, schauen Sie sich Mira Nairs Film »Salaam Bombay!« auf Video an,oder besuchen Sie selbst einmal Kamathipura. Sie werden baldfeststellen, warum das vielleicht so ist. Wenn Sie hinter die grellen,neonbeleuchteten Häuser von zweifelhaftem Ruf schauen, werden Sie einriesiges Meer von schmuddeligen Zelten sehen, im Schatten einerDunkelheit, die ebenso grell ist wie die Neonlichter der Bordelle. Indiesen Zelten leben die Angehörigen - die sehr alten, die sehr jungen,die verkrüppelten, die gebrechlichen und die arbeitslosen Ehemänner,Töchter, Kusinen, Großmütter, Babys, die alle auf den kümmerlichenTageslohn der Mädchen angewiesen sind. Porno für die Wohlfahrt: eineweitere Verirrung, die aus einer Gesellschaft entstanden ist, die dieAugen vor den Bedürfnissen ihrer ärmsten und schwächsten Mitgliederverschließt.
Um noch mal auf Iran zurückzukommen: Dort sahen sich die Mullahsgezwungen, »vorübergehende Ehen« zuzulassen, gegen Gebühr, in eigensfür diese Zwecke bestimmten Gebäuden, die wir im korrupten alten Westenals Bordelle bezeichnen würden.
Welcher Prozentsatz der Frauen, die in dieser unersprießlichenUmgebung arbeiten, sich mit Geschlechtskrankheiten oder Aids infiziert- ganz zu schweigen von ihren vorübergehenden Ehemännern -, lässt sichunmöglich abschätzen, aber er ist vermutlich erschreckend hoch. Wennman so tut, als würde ein Problem nicht existieren, kann man es nichtlösen.
Wenn westliche Pornografie ein Symptom westlicher Dekadenz ist, dannist östliche Pornografie eine Begleiterscheinung der östlichenRepressionen. Pornografie ist fast immer das Ergebnis - oder dasdramatische Symptom - eines nichtpornografischen sozialen Unbehagens.Sie ist fast nie dessen Ursache.
Salman Rushdie
zog sich vor gut 16 Jahren den erbitterten Zorn muslimischerFundamentalisten zu. Nachdem sein Roman »Die satanischen Verse«erschienen war, warf Irans Ajatollah Chomeini dem SchriftstellerGotteslästerung vor und rief in einer Fatwa alle Glaubensbrüder dazuauf, den unliebsamen Autor zu töten.
Nun reizt der in Indien geborene Rushdie, 57, der jahrelang unterPolizeischutz in wechselnden Verstecken lebte, erneut dieFundamentalisten in der arabischen und asiatischen Welt. Sein Themadiesmal: Pornografie.
In einem Essay für den Bildband »XXX 30 Porn-Star Portraits«(Bulfinch Press, New York/Boston) des amerikanischen Fotografen TimothyGreenfield-Sanders behauptet Rushdie, dass Pornografie in repressivenGesellschaften wie etwa Iran oder Pakistan »zum Bannerträger für dieFreiheit, ja sogar für die Zivilisation« werden könne.
Rushdies Plädoyer gegen Prüderie und Unterdrückung machte in Indienund Großbritannien bereits Schlagzeilen. Der SPIEGEL druckt denumstrittenen Essay als erstes europäisches Medium. Die Porträtfotos vonTimothy Greenfield-Sanders, auf denen 30 der bekanntesten weiblichenund männlichen Darsteller der US-Porno-Industrie - jeweils bekleidetund nackt - zu sehen sind, stellt vom Donnerstag dieser Woche an dieMünchner Galerie Bernd Klüser aus.