Liane Bednarz

Geschlechtergerechte Sprache Wer hat Angst vor dem "Genderwahn"?

Liane Bednarz
Ein Gastkommentar von Liane Bednarz
Ein Gastkommentar von Liane Bednarz
Die Themen "Gendersprache" und "Gender" sind Daueraufreger unter Konservativen, wie die Reaktionen etwa auf die Sprachpraxis von Anne Will erneut verdeutlichten. Dabei wird oft maßlos übertrieben. Zeit für etwas Gelassenheit.
Die Verwendung gendergerechter Sprache durch Moderatorin Anne Will stört manche Menschen. Andere freuen sich darüber.

Die Verwendung gendergerechter Sprache durch Moderatorin Anne Will stört manche Menschen. Andere freuen sich darüber.

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Wolfgang Borrs/ NDR

Es gibt wenig, was viele Konservative, wertkonservative Liberale und Rechte so sehr auf die Barrikaden bringt wie die Verwendung von Gendersprache. Man kann fast schon die Uhr danach stellen. Jüngst war es wieder so weit. Die Moderatorin Anne Will hatte in ihrer Talkshow vom 24. Mai gleich zu Beginn vom "Bund der SteuerzahlerInnen" gesprochen.

Umgehend ging es auf Twitter rund. Der konservative Journalist Andreas Hallaschka sprach von einem "manieristischen Gender-Schluckauf ", die stellvertretende Vorsitzende der AfD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, Kristin Brinker, verwendete den Hashtag  "#Gendergaga". Der Essener CDU Bundestagsabgeordnete Matthias Hauer wiederum warf  Anne Will ein "ständiges Verhunzen der deutschen Sprache" vor. Die Gescholtene hatte in der Tat bereits zwei Wochen zuvor darauf hingewiesen , dass sie und ihre Redaktion schon länger gendern. In eher linken und linksliberalen Milieus ist das Gendern generell weit verbreitet. So stehen beide Seiten sich nicht selten unversöhnlich gegenüber.

Zeit also, den Komplex Thema "Gendersprache" wie überhaupt das Oberthema "Gender" differenzierter zu betrachten. Vor allem auch deshalb, weil "Gender" neben der angeblichen "Islamisierung" das Scharnierthema schlechthin zwischen Konservativen und Rechten ist. Neben dem bereits erwähnten "Gendergaga" lauten die Erregungsstichworte "Genderwahn" und "Umerziehung".

So fordert die AfD in ihrem 2016 verabschiedeten Grundsatzprogramm  gleich den kompletten Stopp "staatlicher Ausgaben für pseudowissenschaftliche 'Gender Studies', Quotenregelungen und eine Verunstaltung der deutschen Sprache". Auch die sich selbst als "WerteUnion" titulierende Basisgruppenbewegung von CDU-Mitgliedern und -Anhängern spricht sich  in ihrem "Konservativen Manifest" gegen die "staatliche Förderung der ideologisch motivierten sogenannten Genderforschung" aus. Wie stark die Schnittstellenfunktion des Kampfs gegen Gender ist, zeigt sich überdies daran, dass auch der Thüringer AfD-Vorsitzende Björn Höcke, der seit dem März dieses Jahres vom Bundesamt für Verfassungsschutz als Rechtsextremist eingestuft worden ist, bei einem Pegida-Auftritt in Dresden im Mai 2018 verschwörungstheoretisch gegen die "schöne Neue Weltordnung" wetterte, weil diese "eine wirkliche Endzeitideologie mit der Auflösung der Staaten, der Völker, der Kulturen" und als "perverser Spitze" der "Geschlechter" sei.

Legitime Kritik und rechte Fantasmen

Nun macht ein gemeinsames Feindbild Bürgerliche, die kritisch gegenüber Gender sind, noch nicht zu Rechten. Sie sollten aber genau überlegen, ab wann aus legitimer Kritik ein Andocken an rechte Phantasmen wird. Letztere speisen sich aus folgendem Mechanismus: Man pickt sich radikale Einzelstimmen innerhalb der Gender-Forschung heraus, die tatsächlich so weit gehen, das biologische Geschlecht für irrelevant zu erklären. Oder man stürzt sich auf seltene Beispiele wie das von Lann Horscheidt, der/die 2014 darum bat, geschlechtsneutral als "Professx " angeredet zu werden. Aus solchen Extrembeispielen wird die große Erzählung von der "Gender-Ideologie" konstruiert, mit der eine "Umerziehung" der Menschen zu "geschlechtsneutralen" Wesen vollzogen werden solle.

Tatsächlich ist das Gender-Anliegen weitaus profaner. Grob gesagt unterteilt es sich in "Gendermainstreaming", womit der Abbau von Diskriminierungen gegenüber Frauen angestrebt wird, einerseits, und "Gender Diversity" andererseits. Mit Letzterer sollen Benachteiligungen von Nicht-Heterosexuellen zurückgedrängt werden. Beide Anliegen eröffnen Raum für Diskurs. Während etwa Konservative Frauenquoten eher skeptisch gegenüberstehen, werden selbige von links oft befürwortet. Beim Thema "Gender Diversity" wiederum kann man sich streiten, ab wann in der Schule der Aufklärungsunterricht einsetzen und auch über Homosexualität gesprochen werden soll, um hier frühzeitig Vorurteilen entgegenzuwirken. Absurd hingegen ist es, dieses Anliegen als "Frühsexualisierung" und Teil des "Genderwahns" in Bausch und Bogen zu verdammen.

Demagogisch wird die Aversion gegen Gender, wenn man so weit geht wie Andreas Laun, ein Salzburger Weihbischof im Ruhestand, der zuletzt damit auffiel , ebenso wie der deutsche Kardinal Gerhard Ludwig Müller einen verschwörungstheoretischen Aufruf gegen die Corona-Schutzmaßnahmen unterzeichnet zu haben. Laun, damals noch im aktiven Dienst, schrieb 2017 in einem Hirtenbrief im unmittelbaren Anschluss an die Erwähnung der "gewaltigen Lügen" des Nationalsozialismus und Kommunismus Folgendes: "Man hätte es bis vor einigen Jahren nicht geglaubt, aber heute ist wieder eine grauenhafte Lüge groß und mächtig geworden. Sie nennt sich Gender, sie greift die Menschen in ihrer Intimsphäre an." So stellt Laun Gender de facto auf eine Stufe mit dem Nationalsozialismus und dem Kommunismus.

Ohne Pflicht ist Gendersprache kein Problem

Wer um diese Maßlosigkeiten weiß, sollte auch bei eigener Kritik an Gendersprache besonnen bleiben. Ja, sie stößt vielen Konservativen als gewollt, den Sprachfluss störend und überzogen auf. Ich selber verwende sie außer in der Anrede bisher auch so gut wie gar nicht. Mich persönlich irritieren Texte, in denen es vor Binnen-Is und Gendersternchen nur so wimmelt. Befremdlich wäre es für mich, wenn künftig auch in der Literatur Texte gegendert würden. Hingegen stelle ich an mir selbst überrascht fest, dass mich das ausgesprochene Binnen-I in rein sachbezogenen Diskussionen nicht mehr sonderlich abschreckt. Vielleicht deshalb, weil man es immer häufiger hört und es deshalb vertrauter als sein schriftliches Pendant wirkt.

So oder so. Sprache wandelt sich. Solange niemand Vorgaben erhält, Gendersprache zu benutzen, gibt es kein Problem. Es ist daher albern, wie der Kultur- und Wissenschaftsjournalist Alexander Grau auf "cicero.de"  anlässlich besagter "Anne Will"-Sendung zwar zuzugeben, dass sich Sprache ändert, zugleich aber von "moralischem Druck", "modischem Zeitgeist", "Opportunismus", "Sprachmanipulation" und "Sieg einer politischen Ideologie" zu reden. Tatsächlich ist gegenderte Sprache eher ein Ausdruck eines neuen Selbstbewusstseins von Frauen bzw. die Anerkennung gewandelter gesellschaftlicher Realitäten.

Dementsprechend ist auch behördliche Gendersprache nicht als "Umerziehung" zu werten. Zum Problem wird das Gendern - und hier ist die deutliche Kritik berechtigt -  allerdings dann, wenn dessen Befürworter im Diskurs ihrerseits intolerant sind und auch von Konservativen Gendersprache aktiv einfordern. Wenn hingegen Anne Will einen Eigennamen wie den "Bund der Steuerzahler" eigenmächtig gendert, mag man das seltsam finden. Grund zur Panik ist es nicht

Laut einer gerade im Auftrag der "Welt am Sonntag" durchgeführten Umfrage  von Infratest/Dimap sind 56 Prozent der Bevölkerung gegen das sprachliche Gendern und "nur ein gutes Drittel ganz oder eher dafür". Deutschland ist also mitten drin im Wandel. Der Königsweg (da ich selbst eher nicht gendere, steht hier nun nicht "Königs- und Königinnenweg") wäre, allseits mehr Gelassenheit zu zeigen. Wer gendern möchte, soll es tun. Wer es ablehnt, möge sprechen und schreiben wie bisher. Wie sich das alles entwickelt, wird man in den nächsten Jahren und Jahrzehnten sehen.