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Wer hat Angst vor William Shakespeare?

Am Schauspielhaus Hamburg hat an diesem Samstag Shakespeares »Wintermärchen« in der Regie von Peter Zadek Premiere - als Schwerpunkt der Hamburger Shakespeare-Tage. Urs Jenny, 40, Chefdramaturg am Schauspielhaus, hat zusammen mit Zadek am »Othello« und am »Wintermärchen« gearbeitet.
aus DER SPIEGEL 37/1978

Der Renaissancemaler Giulio Romano hat einen Schloßsaal in Mantua rundum mit Fresken so ausgemalt, daß man als Betrachter diesen Saal um sich her einstürzen sieht. Giulio Romano, glaube ich, ist der einzige Maler seiner Zeit, der in einem Stück von Shakespeare vorkommt, im »Wintermärchen": da wird die unglaubliche Lebensechtheit seiner Werke gerühmt.

Man könnte sich vorstellen, daß ein Mann, der sich scheinbar glücklich ein wunderschönes Haus gebaut hat, in den Sog einer heimlichen, stetig wachsenden Angst gerät, dieses Haus könnte über ihm zusammenbrechen - einer Angst, die endlich so unerträglich wird, daß er das Haus selbst zum Einsturz bringt. Tief verzweifelt in den Trümmern sitzend (unter denen seine über alles geliebte Frau erschlagen liegt), müßte er sich doch auch erlöst fühlen, weil er nun jedenfalls keine Angst mehr vor der Katastrophe zu haben braucht.

Mit der Geschichte dieses Mannes wäre in etwa der Anfang von Shakespeares »Wintermärchen« als Anekdote erzählt; und nun müßte man nur auch noch fragen, ob dieser Unglücksmensch, dieser wahnsinnige und lächerliche König Leontes, die Katastrophe, die er so unerträglich zu fürchten schien, nicht in Wahrheit ganz unerträglich herbeigesehnt hat.

Vom Wochenende an werden in Hamburg hintereinander drei Shakespeare-Inszenierungen von Peter Zadek zu sehen sein: »Othello«, »Hamlet« und »Das Wintermärchen« (um bei der Reihenfolge zu bleiben, in der Zadek sie inszeniert hat), alles in allem rund fünfzehn Stunden Theater.

Das Ereignis ist ungewöhnlich. Wann hat es das schon gegeben - in unserem auf schnellen Verschleiß und Vergessen getrimmten Theaterbetrieb -, daß ein Regisseur und seine Schauspieler im Zusammenhang vorführen können, was über drei Jahre ein Hauptteil ihrer Arbeit, ihres Lebens war?

Daß es diesmal möglich ist, spricht für die vitale Widerstandsfähigkeit dessen, was da entstanden ist, und für eine Anziehungskraft, die sich längst nicht mehr einem Premierenskandal vom vorletzten Jahr verdankt.

Bis auf weiteres hat Zadek keine neuen Shakespeare-Pläne. So ist dieses Hamburger Marathon (das auch ein Ulrich-Wildgruber-Rosel-Zech-Christa-Berndl-Eva-Mattes-Hermann-Lause -Ilse-Ritter-Heinrich-Giskes-Dietrich-Mattausch-Marathon ist) eine vorläufig letzte Gelegenheit, sich mit oder ohne Zadek darüber zu streiten, ob er der übelste Shakespeare-Schänder dieser Jahre ist oder ...

Bei Shakespeare weiß ja jeder Bescheid, der überhaupt für Theater anfällig ist; und jede Statistik lehrt, daß Shakespeare unangefochten der meistgespielte Klassiker auf unseren Bühnen ist. Dafür sorgt das Publikum, das ihn liebt, nicht die Regisseure, die ihm keine Ruhe lassen.

Wer, seit Kortner, hat sich denn bei uns mit Ausdauer und Energie an Shakespeare gemessen? Noelte, Lietzau, Peymann, Stein, Rudolph, Bondy, Flimm haben sich nie, nur am Rand oder noch nicht recht mit ihm eingelassen. Ja, früher Palitzsch und Hollmann und neuerdings Minks. So gibt es, allen Erfolgsstatistiken entgegen, keine neuere deutsche Shakespeare-Tradition. Es gibt den Brocken Zadek und einzelne Ansätze.

Daß das so ist, dafür sind Gründe denkbar. Unsere spannendsten, entdeckungsreichsten Klassiker-Inszenierungen in den letzten zehn Jahren schlüsselten das Werk aus der Person und Welt des Autors auf: Tasso via Goethe, Franz Moor via Schiller, Homburg via Kleist usw.

Shakespeare aber verweigert sich solchem Zugriff, er steht da wie ein gewaltiger Findling. Seine Welt ist nicht historisierend zu erschließen, von seiner Person wissen wir buchstäblich nichts, was als Hebel taugte, nicht einmal, ob er vielleicht Katholik oder Atheist war.

So gibt es, um sein Werk auf die Bühne zu heben, nur den direktesten Angriff: aus der eigenen Phantasie heraus. (Vielleicht mit ein bißchen Rückversicherung bei Sprachwissenschaftlern, Historikern, Philologen). Das wagt Zadek, und er ist damit, auf seiner Höhe, bei uns recht allein.

Zadek liebt Shakespeare, alle lieben Shakespeare, aber bitte bloß nicht Zadeks Shakespeare. Wie kommt das? Zadeks Theater ist vielschichtig, anspielungsreich, raffiniert und am artifiziellsten oft, wo es am rotzigsten aussieht. Doch dieser Kunstreichtum stößt nicht bei »naiven« Zuschauern auf Widerstand, sondern hartnäckig bei den gebildeten, die eine feste Vorstellung von Theaterkunst haben.

Für sie ist Zadek ein Rohling, denn sie wissen, daß Theater, diese verflucht fleischliche Kunst, nur durch eine gewisse Entwirklichung schön wird, durch Diät und Hygiene. Daß also auf der Bühne nicht Körper, sondern Verse zum Ausdruck von Gefühlen da sind. Ihr vernichtendstes Kunsturteil über Zadeks Theater ist die Feststellung, daß seine Schauspieler schwitzen.

Von einem berühmten Schauspieler, einem Burgtheater-Star natürlich, wird erzählt, daß er einmal eine Probe unterbrach und seinen Dialogpartner, einen Neuling natürlich, anherrschte: »Schau mich nicht an, als ob du mir wirklich zuhörtest, das bringt mich raus!«

In diesem Ausruf steckt ein komplettes Kunstprogramm: So ist das Theater, und so soll es sein, eine Kunst des »Alsob«, edel, eitel und schmerzlos. Da tun die Schauspieler nur so, als ob sie einander anschauten, zuhörten, berührten; da kann der Zuschauer mit Beruhigung feststellen, daß sie sogar nur so tun, als ob sie Kaffee tränken; und wenn das so ist, kann er sich darauf verlassen, daß dann auch Desdemona so diskret und appetitlich erwürgt wird, wie ein Gentleman eine Zigarette ausdrückt.

Dieses schöne, allseits geliebte Theater ist eines, das nie weh tut; dadurch unterscheidet es sich zweifelsfrei von der Wirklichkeit. Und bei Zadek, ach, ist das anders. Bei Zadek - und das ist das eigentlich Störende, Peinliche, Aufregende, Skandalöse - muß der Zuschauer erleben, daß sich Menschen auf der Bühne wirklich in die Augen schauen, verliebt oder haßerfüllt; daß sie einander wirklich umarmen, küssen und beißen; kurz, daß sie sich nicht wie Schauspieler aufführen, sondern wie lebendige Menschen (weil sie das sind). Und wenn das so ist, dann - ja dann, wer weiß, ist es ja nun noch ein winziger Schritt, bis sie die Hosen herunterlassen!

Die Liebe als Erfahrung der eigenen Individualität und Grenze ist (in der abendländischen Literatur) schon ein paar Jahrhunderte vor Shakespeare erfunden worden. Die Angst aber, glaube ich, hat man vor ihm nur als Massengefühl erlebt: Angst vor der Pest oder dem Jüngsten Gericht. So ist das ungeheuer Neue, nie Einholbare, das Shakespeare mit seiner ganzen Sprach- und Theatermacht in die Geschichte des europäischen Individuums hineingeschrieben hat, die Erfahrung der Angst.

Diese Phantasiegewalt, die unentwegt der Wirklichkeit vorausstürzt, die Gipfel des Glücks mit Unglücksvisionen krönt und in der Katastrophe Erlösung sucht - dieses riesige Angstpotential gibt Shakespeares Menschenbildern ihre Spanne, ihre Wucht, ihre Realität. Hamlet, Macbeth, Lear, Othello und andere: Amokläufer über einem Abgrund an Angst, gejagt von einem heimlichen letzten Verlangen nach Selbstvernichtung.

Zadeks Inszenierungen machen das sichtbar (so sehr, daß seine Shakespeare-Faszination selbst mit einem Spiel gegen die Angst zu tun haben muß), aber sie machen auch sichtbar, daß nicht erst Feydeau die profunde Lächerlichkeit der Angst entdeckt hat.

König Leontes im »Wintermärchen«, dieser letzte, vielleicht verrückteste (und in einer bizarren Komödie aufgehobene) Tragödienheld Shakespeares, sieht sich auf der Spitze seiner Angst und Verzweiflung als miesen Komödianten und malt sich aus, daß man ihn für sein Spiel »ins Grab pfeifen« werde: »Buhs und Gelächter werden meine Totenglocke sein.«

Warum haben so viele Leute soviel Angst vor Zadek - Schauspieler, Abonnenten, Kritiker, Kulturpolitiker? Ich glaube, weil er keine Angst vor anderen Menschen hat! Das ist seine eigenste Stärke, eine seltene und offenbar schwer zu ertragende. (Dafür hat er gewiß andere Ängste, vielleicht mehr als genug, zum Beispiel vor Flugzeugen, und das so konsequent, daß er auf Gastspielreisen bis nach Belgrad oder Bergen mühsam im Auto hinter seinen fliegenden Schauspielern her kutschiert.)

Er hat keine Angst vor den anderen. Und was er mit der »Freiheit« meint, die er seinen Schauspielern geben will, so ist das erst einmal einfach: daß sie keine Angst haben - vor sich selbst, vor ihm, vor den anderen, vor Shakespeare, vor dem Publikum. (Das verlangt Kraft, und ich habe noch in jeder Produktion erlebt, daß einer vor dieser grausamen Zumutung die Flucht ergriff.) Was ihm und seinen Schauspielern gelingt - und es muß einleuchten, daß das gerade immer wieder Shakespeares und Ibsens ungeheure Angstpartien sind -, strahlt etwas von der erreichten Angstfreiheit aus: in der vollen Draufgängerei, im Mut zum Gefühl und zur Lächerlichkeit, im Exzeß.

Ich verstehe schon, daß eben davor manche Zuschauer Angst kriegen. Zadek und Shakespeare: das ist nichts für Feiglinge, und wer ist schon keiner? So nährt gerade die Aufrichtigkeit seiner Arbeit (die halt auch Rücksichtslosigkeit ist) Zadeks Image als Ober-Krawallmacher und Schockspezialist.

Was an Zadeks Theater mißfällt, höre ich, ist ein bestimmter Mangel an Schönheit, das heißt Sauberkeit. Als Neuestes bringt er nun auch noch ein paar Zentner Schleim auf die Bühne! Es ist schon wahr: Er prüft sich und seine Schauspieler nicht darauf, ob das, was sie machen, »gut« oder gar »schön« sei. Er fragt nach »ehrlich« und »richtig« (gemessen am Stück und der eigenen Phantasie dafür), und so kann manches, was Shakespeares Phantasie ersonnen hat, kaum peinlich und häßlich genug geraten.

Die wirkliche »Schamlosigkeit«, die wirkliche »Zumutung« von Zadeks Theater liegt nicht in ein paar Nuditäten. sondern im Entdecken, Entblößen, Ausleben von Gefühlen und Verhaltensweisen, im Augenblicksreichtum der Gesten und Tonfälle, die daraus lebendiges Theater machen.

Für Zadek, diesen passioniertesten Zuschauer, den ich kenne, fängt »Wahrheit« auf dem Theater (so sie überhaupt möglich ist) damit an, wie zwei Menschen einander anschauen. Das macht seinen Realismus aus, bei Tschechow wie bei Shakespeare, und noch, wenn ein Stück ein »Märchen« ist und die Spieler grellbunt maskiert herumhüpfen.

Für unsere ganz aufs Geschmackvolle und Virtuose, auf High-Fidelity-Glamour gedrillte Kulturbetrachtung muß Zadek ein Ärgernis bleiben. Er kann nicht schummeln und schwindeln, damit man ihn liebt; dafür nimmt er seine Sache und sein Publikum zu ernst. Daß Theater keine glatte Kunst des Lügens, sondern eine abenteuerliche Strategie der Wahrheitsfindung sei, die sich (auch für das Publikum) nur lohnt, wenn man sich dabei ganz einsetzt und ausgibt: Darin ist Zadek so unbeirrbar, so (wenn es sein muß) berserkerhaft konsequent wie sein intimster Gegenspieler, sein theatralisches Alter Ego Ulrich Wildgruber. Bevor sie beide einmal dem Beifall zuliebe kuschen, würden sie sich wie der irre König Leontes ins Grab pfeifen lassen.

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