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MEDIEN Wer schießt auf wen?

Während des Druckerstreiks wurde deutlich: Das Fernsehen kann die Zeitung nicht ersetzen.
aus DER SPIEGEL 22/1976

Es war Streik in Deutschland, Drucker und Setzer hielten die Zeitungsmaschinen an, nichts Neues gab es schwarz auf weiß zu lesen. Da entschloß sich beim Süddeutschen Rundfunk in Stuttgart Fernsehdirektor Horst Jaedicke zur Nachrichten-Hungerhilfe.

Jeden Morgen bei andauerndem Streik, schlug er seinen Redakteuren vor, wolle man eine »Ersatzzeitung« im Fernsehen senden: mit aktuellen Informationen, mit Wirtschaft, Kultur und Sport, aber auch Hintergrundberichten, Features, Kommentaren. Doch zu den Einzelheiten kam der TV-Chef gar nicht erst. Auf einer vorbereitenden Sitzung legte ein Gewerkschaftsmitglied, Sprecher der Rundfunk-Fernseh-Film-Union (RFFU) im DGB, Protest gegen Jaedickes Vorhaben ein. Der Direktor wies die DGB-Mitglieder, es war die Mehrheit. barsch aus dem Saal -- und ließ bald darauf resigniert seine Zeitungspläne fallen; am schwarzen Brett hing ein Boykottaufruf der Hausgewerkschaft gegen die »Einmischung in die Tarifpolitik«.

In anderen Fernsehanstalten ließ man's gar nicht erst so weit kommen. Die Intendanten scheuten den Konflikt mit den Organisierten oder, wie ZDF-Chef Karl Holzamer, mit den Zeitungsverlegern. Denn mühsam haben Presse- und Funkhäuser als konkurrierende Organe der öffentlichen Meinung über die Jahre zu einer »Rollenverteilung mit ergänzender Funktion« (Holzamer) gefunden. Mit einem noch so gut gemeinten Ersatzservice hätte sich der Intendant daher, wie er befürchtete, nur den Ruf eines »übermütigen Lückenfüllers« zugezogen.

So blieb es auf den Kanälen bei der täglichen Programmroutine. elektronisches Business as usual. Und eindringlich demonstrierte an zehn Streiktagen, an denen kaum Zeitungen und Zeitschriften gedruckt wurden, das Bildschirm-Medium die Eigenart seines Wirkens -- zum Vorteil, aber in diesem Falle auch zum besonderen Nachteil der nun völlig aufs TV angewiesenen Bürger.

Denn stärker als sonst sprang die Flüchtigkeit des bewegten Bildes ins Auge. Im Fernsehen läßt sich nicht blättern; ein verpaßter Satz -- nicht wiederholbar, und wer etwa am zweiten Streiktag »Plusminus« versäumte, konnte nimmermehr den Vorsatz des Bonner Kanzlers nachlesen, den Wahlkampf nicht in die Betriebe zu tragen. Genschers Ungarn-, Lebers Griechenlandreise, FNLA-Guerilla in Angola oder Bonner Hilfe für Polenaussiedler -- alles Minutensache, passe.

Das Unwiederbringliche der nichtkonservierten Information hatte zur Folge, daß mancher selbst über solche Vorgänge dürftig informiert blieb, von denen ARD wie ZDF ausführlich berichteten: über den Druckerstreik, der in täglichen Interviews, in »Plusminus«, »Report« und »ZDF-Magazin« abgehandelt wurde; über die Ungereimtheiten um Ulrike Meinhofs Selbstmord, mit denen sich TV-Kommentare und Höfers Frühschoppen, zwei Magazinsendungen und Regionalprogramme befaßten. Denn selbst mit Pünktlichkeit und Ausdauer ließ sich das alles nicht bewältigen; was fehlte, war die beliebig verfügbare Zusammenfassung, wenn schon nicht auf einen Blick, so doch zu passender Zeit.

Womit sich Reporter, Analytiker, Kommentatoren in der Presse ausführlich beschäftigt hätten, das Fernsehen ließ die Fragen Fragen sein, so sie überhaupt gestellt wurden: Wer schießt auf wen bei Spaniens Carlisten (ein Toter, mehrere Verletzte)? Wie kam Kindesmörder Jürgen Bartsch im OP-Saal zu Tode? Weshalb streiten Peking und Moskau, Minister Friderichs und Minister Bahr über die Rohstoffkonferenz von Nairobi? Wurde der angeblich verunglückte griechische Junta-Attentäter Panagoulis vielleicht doch ermordet? Haben sich Bonn und Paris, Kanzler Schmidt und Präsident Giscard ernsthaft entzweit?

Dabei zeigte sich ein sonst kaum auffallender Strukturdefekt des Fernsehens, das auf der eine Seite mit den Nachrichtensendungen »Tagesschau« und »Heute« schnell und kompetent optische Schlagzeilen liefert, auf der anderen Seite aber mit den Hintergrundberichten und Detailwürdigungen in Verzug gerät.

Das resultiert aus den Arbeitsgesetzen des Fernsehens: Mit der Nachrichtensendung, mit dem satellitengespeisten Bild-Wirbel können die Weltbild-Erklärer. die Feature-Autoren und Magazin-Reporter nicht Schritt halten. Tage vergehen, bis sie ihre kompliziert mittels Kamera und Mikrophon, Treatment und Schneidetechnik zusammengeklaubte Sendekopie fertig haben. Und sogar Wochen und Monate vorher müssen sie Schwerpunktberichte fürs Programmschema anmelden.

Der präzis-ausführliche Korrespondentenbericht über die Mondvertrags-Runde von Genf, über die von 37 Staaten verhandelte Ausbeutung von Bodenschätzen auf dem Erdtrabanten ("Den Pionieren folgen stets die Händler") -- er kam erst, als auch die Zeitungen wieder herauskamen; er stand in der »Frankfurter Rundschau«. Das erhellende Gespräch mit dem italienischen KP-Chef Enrico Berlinguer über seine Regierungspläne, auf das sich der Kommunist »erst eingelassen hat. nachdem ich mit einiger Hartnäckigkeit darauf bestanden hatte« -- es war. nach dem Streik, in der »Süddeutschen Zeitung« zu lesen. Und den Düsseldorfer Arbeitsminister Friedhelm Farthmann, der den Tarifkonflikt zu schlichten verstand, den Professor mit dem Kumpel-Image -- kein TV-Reporter hatte ihn so schnell, so plastisch in der Optik wie die Schreiber von »Rundschau« oder »FAZ«.

Wo die Presse durch Detailpräzisieren, Andeutung wie Akribie, Betrachtung und Wertung Tiefenschärfe schafft, bleibt dem Fernsehen nur zu oft das schnell Photographierbare -- Behelfsaufnahmen und Köpfefilmerei. Das Unnachahmliche des Fernsehens. Szenen und Situationen erschöpfend darzubieten, reduziert sich im Nachrichten- und Aktualitätenbereich auf den »kleinsten gemeinschaftlichen Nenner einer Information« (so die »Süddeutsche Zeitung").

Und schon gar nicht bieten sieh die Ereignisse im Fernsehen so übersichtlich dar wie in der gewichteten Ordnung des Gedruckten. Im Bonner Bundespresseamt, wo täglich Meldungen aus aller Welt für die Regierenden zu Übersichten zusammengefaßt werden, waren während der Streiktage die Bearbeiter, alles »gestandene Nachrichtenredakteure«, bald »am Ende ihrer Kunst«, sagt Abteilungsleiter Wolfgang Voges: »Die Totalität der Nachrichten verwirrte sie, weil die schnelle Orientierung in der Zeitung fehlte: die Verknüpfung von Fakten etwa in einem Korrespondentenbericht.«

Mag sein' daß damit auch ein Phänomen zu erklären ist, das Experten bislang nicht enträtseln konnten: An Tagen ohne Zeitung gingen die Einschaltquoten von »Tagesschau« und »Heute« deutlich hinter den sonst üblichen Zuschaueranteil zurück.

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