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AUTOMOBILE Wer war's?

Kurz vor dem 100. Geburtstag des Automobils ist Streit ausgebrochen um seine Urheberschaft. *
aus DER SPIEGEL 13/1984

Wie alt ist das Auto? Dem vielgeliebten und vielgeschmähten Fortbewegungsmittel steht der 100. Geburtstag ins blecherne Haus - aber wann?

Die Franzosen haben 1984 zum Jubiläumsjahr erklärt; im Juni fangen sie an zu feiern. Ein Jahr später erst zelebrieren die Briten, noch ein Jahr später die Deutschen.

»Die verläßliche Geschichtsschreibung will es«, verkündete schon letzten Monat ein Sprecher der Daimler-Benz AG mit ärgerlichem Unterton der internationalen Presse auf dem Autosalon in Genf, »daß der Nachweis für das erste funktionsfähige Automobil nicht 1884 oder 1885, sondern 1886 geführt wurde.« Daher werde die älteste Automobilfabrik der Welt »in einem Festakt am 29. Januar 1986 das Jubiläumsjahr einläuten«.

Aber wer wäre zu feiern? Rund 100 Jahre nach der Erfindung des Automobils gerieten die Automanager wegen dieser Frage derart ins Hadern, daß der Kraftwagen zu einer Art Kaspar Hauser des Transportwesens wurde: Er hat eine nebulöse Herkunft und nimmt, jedenfalls häufig, ein gewaltsames Ende.

Für die Deutschen ist klar: Carl Benz und Gottlieb Daimler sind's gewesen. So etwa sehen es auch die Briten, nur möchten sie genauer sein: Obwohl Carl Benz für seinen Motorwagen sein »Deutsches Reichs-Patent 37435« am 29. Januar 1886 erhalten habe, müsse 1885 als Jubiläumsjahr gelten - denn schon damals hätten Benz (mit seiner dreirädrigen Kraftdroschke) und Daimler (auf seinem hölzernen Motorrad mit seitlichen Stützrädern) erste Testfahrten gemacht.

Dagegen versuchen die Franzosen - die Russen haben überraschend noch keine Ansprüche angemeldet - aus der »verläßlichen Geschichtsschreibung« die Luft abzulassen.

Durch den Fund eines Packens von vergilbten Dokumenten glaubt ein gewisser Georges Ageon beweisen zu können, sein französischer Landsmann Edouard Delamare-Deboutteville sei der wahre Auto-Erfinder. Schon 1883, mithin mindestens zwei Jahre vor den Deutschen, habe Delamare-Deboutteville mit einer Benzinmotorkutsche Probefahrten unternommen.

»Ha«, mokierte sich ein Mercedes-Manager, »die feiern einen Wagen, der kaum drei Meter gerollt und dann explodiert ist.« Ganz so schlimm war es wohl nicht. Die Geschichte der Technik berichtet, der Wagenrahmen sei unter dem Gewicht eines vom damals üblichen Leuchtgasbetrieb auf »Petroleumgas« umgebauten Motor-Schwergewichts zusammengebrochen. Der Erfinder verlor die Lust.

Obwohl sich kein stichhaltiger Beweis für erfolgreiche Probefahrten fand, griff der »Automobile Club de France« Ageons Fund auf. Da kein Auto des Erfinders existierte, gab der Verein - nach den vorgelegten alten Zeichnungen

und Patentunterlagen - einen Nachbau in Auftrag. Seine Probefahrt ist für Mai vorgesehen, danach sollen bis Silvester »100 Jahre französisches Auto« gefeiert werden.

Sogar Franzosen war der Dreh peinlich. »Sie haben mich nicht davon überzeugt«, las Daniel Georges, Herausgeber der Oldtimer-Wochenzeitschrift »La Vie de l'Auto«, dem Club öffentlich die Leviten, »daß es notwendig war, die achtbaren, aber erfolglosen Bemühungen von Delamare-Deboutteville hochzuspielen.«

Delamare-Deboutteville war, wie vor ihm der Belgier Jean Joseph Etienne Lenoir und viele andere, an dem gleichen Handikap gescheitert, das auch den Dampfwagen, mit dessen Urtyp der französische Erfinder Nicolas Cugnot schon 1770 durch den Bois de Boulogne gequalmt war, auf Dauer von den Straßen fernhielt: Ihre Triebwerke, eng verwandt den Stationärmotoren, waren zu schwer, ungefüge und temperamentlos, um ein Fahrzeug wirklich mobil zu machen. »Es kam«, schrieb der deutsche Kraftfahrthistoriker Max Rauck, »allein auf den leichten, leistungsstarken und kompakt gebauten Verbrennungsmotor für flüssigen Kraftstoff an.«

Aber wer war denn nun der Auto-Erfinder? »Wenn man eine Wahl zu treffen hat«, merkte der britische Automobilkritiker Lord Montagu of Beaulieu an, »dann muß der Benz-Wagen aus Mannheim der Gewinner sein.«

»Das Automobil Nr. 1«, wie ein blaues Schild mit Jugendstilschnörkel aussagt, ist im Deutschen Museum in München im Original zu betrachten - laut Ausstellungstext »das neuartige Vorbild für ein 'Straßenfahrzeug ohne Pferde'«, bei dem »Fahrgestell und Antriebsmaschine zu einem organischen Ganzen vereinigt« seien. Das »geschichtlich wohl

wertvollste Kraftfahrzeug«, dessen erste öffentliche Fahrt am 3. Juli 1886 in Mannheim stattfand, war dem Museum im Jahre 1906 von Carl Benz gestiftet worden. Henry Ford I hatte später vergebens darum gebettelt, es ihm zu verkaufen.

Und Gottlieb Daimler? Nach der Wertung des Münchner Museums schuf er, zusammen mit Wilhelm Maybach, »das erste Motorrad«, als Nachbau (das Original ging bei einem Feuer verloren) dort ebenfalls ausgestellt. Nach heutiger Lesart der Daimler-Benz AG war das hölzerne Motorrad aber gar kein Motorrad. Die Stuttgarter haben es schamhaft in einen »Reitwagen«, wohl wegen seines sattelartigen Sitzes, umbenannt.

Daß dann im Jahre 1886 nach Benz auch Daimler eine sogar vierrädrige »Droschke ohne Pferd und Deichsel« mit einem Schnelläufer-Motor auf die Straße brachte, war für die Stuttgarter Automanager aus heutiger Sicht eine wundersame »Duplizität der Ereignisse«. Sie beschlossen, in Stuttgart, »Stätte des langjährigen Wirkens von Gottlieb Daimler«, zu feiern, »und zwar an jenem Tag, an dem vor 100 Jahren Carl Benz das Patent für seinen Motor-Wagen erhielt«. So werde »beiden Urvätern des Autos die verdiente Ehre zuteil«.

Aller Ärger, dazu Zivilisationsschäden infolge Bewegungsmangels und Umwelt-Übels aus Auspuffrohren wären vermieden worden, hätte sich der Mensch überhaupt nicht motorisieren lassen. Warum bloß waren die Leute nicht helle genug, etwa an den fabelhaften »Muskelkraftwagen« mit Tretbrettern festzuhalten? Das waren sie doch, die echten Alternativautos, schon vor über 200 Jahren. Ein Exemplar, Baujahr 1765, ist im Deutschen Museum in München zu besichtigen.

Ahnungsvoll schrieb »Mercure de France« schon Anfang des 18. Jahrhunderts über diese »Wagen und Stühle mit verdeckten Mechanismen«, sie ließen an »eine Erfindung des Teufels glauben«, seien aber wohl doch »eine wunderbare Sache«.

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