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WERNHER VON BRAUN

aus DER SPIEGEL 39/1965

Wernher von Braun ist schon zu Lebzeiten zu legendärem Ruhm gelangt. Sein Photo prangt auf Titelseiten von Illustrierten; sein Gesicht kennen mehr Menschen als das des Präsidenten der Vereinigten Staaten. Hollywood verfilmte schon vor fünf Jahren (mit Curd Jürgens in der Hauptrolle) sein Leben. Titel des Films: »Mein Griff noch den Sternen«. Der blauäugige Teutone aus Westpreußen, heute 53 und Chefkonstrukteur des amerikanischen Mondraketen-Programms, verkörpert die Hoffnung der US-Nation, gegen die Sowjets das Wettrennen um die Vorherrschaft im Weltraum zu gewinnen. Sein Name steht synonym für Amerikas Aufbruch ins All.

Von Braun, seit 1959 Direktor des größten amerikanischen Raketen-Entwicklungszentrums, des »Marshall Space Flight Center« in Huntsville (US-Staat Alabama), empfindet seinen Job als »unerhört faszinierend«. Die Faszination des Raketenantriebs suchte ihn schon als 12jährigen Gymnasiasten in Berlin heim; damals schreckte er Passanten mit kleinen Märklin-Autos, die er vermittels Feuerwerksraketen über den Gehsteig jagte. Zum Griff nach den Sternen wurde er durch seine Mutter inspiriert, die - selber begabte und begeisterte Amateur-Astronomin - ihm zur Konfirmation ein Fernrohr schenkte.

Mit 18 Jahren startete der Gutsbesitzerssohn, der wegen schlechter Mathematik-Zensuren in der Schule einmal sitzengeblieben war, zusammen mit dem Raketenpionier Rudolf Nebel und seinem Bruder Sigismund, dem späteren Protokollchef der Bonner Bundesregierung, erste mannshohe Raketen - auf einem Schießplatz in Berlin-Reinickendorf, den die Raketen-Enthusiasten für 10 Mark im Jahr gepachtet und großspurig »Raketenflugplatz Berlin« getauft hatten.

Mit 20 Millionen Reichsmark NS-staatlichem Startkapital errichtete von Braun von 1936 an eine Raketenversuchsstation in Peenemünde an der pommerschen Küste - ein Platz, den seine Mutter sich hatte einfallen lassen ("Da habt ihr doch die ganze Ostsee vor euch!"). Bereits 1938 entwickelte er dort das Modell der späteren »V 2«-Rakete mit automatischer Steuerung und einem Aktionsradius von rund 18 Kilometer.

Im Juli 1943 hielt der Peenemünde-Chef von Braun Vortrag bei Hitler. Er erreichte, daß der »V 2«-Entwicklung die höchste Dringlichkeitsstufe zugestanden wurde. Und auch eine Intrige der SS - 1944 verhafteten Gestapo-Beamte von Braun unter der Beschuldigung, er wolle gar keine Waffen bauen, sondern die Millionen des Reiches für utopische Raumfahrtpläne vergeuden - wurde noch wenigen Tagen vereitelt. Am 8. September 1944 startete die erste Peenemünder Fernrakete - nach der Atombombe die größte technologische Leistung des Zweiten Weltkrieges - mit einer Tonne Sprengstoff von Den Haag aus nach London.

»Operation Paperclip« ("Aktion Büroklammer") war der Deckname für die geheime US-Aktion, in deren Verlauf von Braun zusammen mit anderen deutschen Waffentechnikern und einem großen Teil seines Peenemünder Stabes bei Kriegsende in die Vereinigten Staaten gebracht wurde.

Seit 1950 ist von Braun - noch immer umgeben von rund hundert seiner einstigen Peenemünder Schießkameraden - auf dem »Sauerkraut-Hügel« in Huntsville ansässig. Nachdem er 1947 (unter amerikanischer Geheimdienstbewachung) in Deutschland seine Kusine Maria geehelicht hatte, war er - zwei Jahre danach - noch einmal offiziell, wie es die US-Einwanderungsbestimmungen forderten, in die Vereinigten Staaten eingewandert: mit einer Straßenbahn von mexikanischem Gebiet aus.

Er war bereits prominenter US-Bürger, als er im Februar 1958 dem US-Weltraumstreben erstmals zum Erfolg verhalf: Wenige Monate noch dem spektakulären »Sputnik I«-Schuß der Sowjets startete Amerikas erster Satellit »Explorer I« auf einer Rakete des Typs Jupiter C«, die Wernher von Braun für die US-Armee konstruiert hatte.

Der Mann, der jahrelang wegen seiner utopisch scheinenden, in mehreren Büchern ausgemalten Raumfahrtvisionen als »Träumer« und »Phantast« verlacht worden war, bewies nun, daß er diese kühnen Träume in flugtüchtige, stählerne Weltraum-Projektile umzusetzen vermochte. Der Amerikaner aus Preußen wurde selber zu einer Art Motor für das amerikanische Raumfahrtprogramm.

Unermüdlich und mit Oberzeugungskraft verfocht er seine Weltraum-Ideen vor dem amerikanischen Senat und vor der Öffentlichkeit. Er scheute sich nicht, in Fernsehprogrammen für Kinder aufzutreten und Walt Disney bei der Herstellung utopischer Weltraum-Filme zu beraten.

Er blieb der geniale Konstrukteur. Während der letzten fünf Jahre verblüffte er seine oft minder glücklichen Raumfahrt -Kollegen in Amerika und Rußland mit einer beispiellosen Folge untadeliger Lehrbuch-Starts: Alle zehn Probeabschüsse seiner 500 Tonnen schweren Super-Rakete »Saturn I« verliefen fehlerfrei.

Von Braun, inzwischen überhäuft mit Orden und Ehrenzeichen (er ließ eigens einen Museumsraum für Ehrungen einrichten), 1961 zum sympathischsten Chef des Jahres« gekürt ("Er schimpft selten ... benutzt nie derbe Ausdrücke"), kommandiert in Huntsville rund 7500 Techniker und Ingenieure. Hauptaufgabe dieses Teams, das sich von der Doppelbegabung seines Chefs als Ingenieur und Manager inspiriert fühlt, sind Bau und Erprobung jenes gigantischen Vehikels, das schon in wenigen Jahren die ersten US-Astronauten auf den Mond (von Braun: »Noch 1969 - unter Garantie") befördern soll.

111 Meter hoch wird Wernher von Brauns Mondrakete »Saturn V« auf Cape Kennedys Startblock 39 in den Himmel ragen. Doch selbst das fünfzigfach verkleinerte Modell sprengt noch herkömmlich-irdische Raummaße. Für das bisher letzte in der Reihe der Erfolgsmodelle auf dem Regal hinter von Brauns Schreibtisch in Huntsville war nicht genügend Platz unter der Bürodecke. Ausweg des Ingenieurs: Er ließ ein Loch in die Decke stemmen.

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