Zur Ausgabe
Artikel 66 / 93
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

FILM Western und Wahrheit

»Salvador«. Spielfilm von Oliver Stone. USA 1985. Farbe; 123 Minuten. *
aus DER SPIEGEL 26/1987

Oliver Stone hat seinen »Salvador«-Film vor seinem Vietnam-Film »Platoon« gedreht: Wenn er jetzt, nach »Platoon«, in die deutschen Kinos kommt, so hängt das sicherlich mit dem Oscar-Segen zusammen, der zwischenzeitlich über Stone herniederprasselte. Man traut sich, so abgesichert, auch an »Salvador« ran.

Denn »Salvador« ist der politisch unbequemere der beiden Stone-Filme, weil er unbehaglich nah an die Mittelamerika-Politik der Reagan-Regierung heranführt. »Platoon« erinnerte die amerikanischen Zuschauer daran, was in Vietnam geschehen war, »Salvador« dagegen versucht zu zeigen, was sich heute noch, Tag für Tag, in Mittelamerika abspielt - auch wegen und vor allem dank der massiven amerikanischen Unterstützung und Einmischung.

Stone hat die Erlebnisse des amerikanischen Photojournalisten Richard Boyle verfilmt. Der erlebte Folter und Terror der rechten Militärs, die Mitwirkung der amerikanischen »Berater«, die, je näher Reagans Wahlsieg über Carter zu rücken schien, immer offener die marode Militärdiktatur unterstützten.

Vor allem erlebt Boyle im Film die Ermordung des Erzbischofs Romero während einer Messe in der Kathedrale von San Salvador 1980. Ein aufgeputschter Ultra hatte ihn während der Kommunion abgeknallt, weil er gegen die Aktionen der Todesschwadronen gepredigt hatte.

Wo Stones Film korrupte Militärs bei ihren billigen Gelagen, bei dem sich in Folter und Vergewaltigung austobenden kranken Machismo zeigt, wo er Massaker schildert, Leichenberge auf Müllhalden photographiert, gewinnt er eine schier dokumentarische Authentizität.

Auch die verlegenen Feste auf der US-Botschaft, die einen hilflos liberalen Botschafter vorführen, der von hart entschlossenen Beratern umgeben ist, wirken authentisch, sie zeigen, wie man in den Würgegriff derer gerät, die man aus blinder Kommunistenfurcht um jeden Preis unterstützen muß.

El Salvador im Film (wie in der Wirklichkeit) ist ein Land, das in Blut und Verzweiflung ertrinkt. Auch bei den Guerrilleros neigt Stones Film nicht zur blanken Heroisierung, deren Terror wird nicht unterschlagen: beim Rückzug erschießt eine Partisanenführerin, darin von den Militärs nicht unterschieden, alle Gefangenen durch Genickschuß.

Das Dilemma des »Salvador«-Films ergibt sich daraus, daß Stone den mittelamerikanischen Bürgerkrieg und seine unglaubliche Bestialität aus dem Blickwinkel eines journalistischen Haudegens betrachtet. Als Augenzeugenbericht hatte das den Vorteil des Authentischen. Der Film, der diesen Photo-Desperado dauernd in Aktion bewundernd ablichtet, verliert genau dadurch seine Glaubwürdigkeit an Wildwestspielereien.

Zwar war Richard Boyle (den James Woods unrasiert und fern der Heimat darstellt) gerade kein Bilderbuch-Reporter, sondern einer, der total abgewrackt war und mit seinen Bildern und Berichten aus El Salvador seine letzte Chance suchte, nachdem er zu Hause beruflich gescheitert war, ihm seine Frau samt seinen Jungen weglief und er auch noch aus der Wohnung geworfen wurde. Kein Watergate-Investigator also, sondern einer, der sich in Kneipen und Hurenhäusern herumtreibt.

Trotzdem: Wenn er auf Pressekonferenzen der Militärs als einziger die Stimme der Wahrheit erhebt, dann scheppert das Western-Pathos, sosehr diese Stimme auch mit Alkohol geölt ist.

Im Krieg entflammt seine Liebe zu einer schönen, pittoresk in einer Hängematte am weißen Strand lebenden Mittelamerikanerin. Schier unerträglich wirken diese melodramatischen Privaterlebnisse, die in den Frontbericht eingeklinkt sind: Boyle, der auf dem Weg zu den Guerrilleros noch einen Zwischenhalt bei seiner Freundin macht, um sie in der Matte und im Gegenlicht zu lieben. Boyle, der kurz vor der Ermordung des Erzbischofs in der Kathedrale mit listigem Schmunzeln beichtet: Ob er nicht doch noch wenigstens ein bißchen saufen, Marihuana rauchen und herumhuren dürfe, ohne daß Gott...?

Neben solchen verfehlten Schwank-Einlagen sind es besonders die Kriegsreporter-Szenen, die zur süßlichen Heldenverehrung ausarten. Boyle und sein blonder Kollege John Cassady (den John Savage als Jung-Siegfried im Dschungel spielt) stapfen da photographierend durch Stahlgewitter, als wäre der Bürgerkrieg eine einzige Wagner-Oper mit Feuerzauber. Natürlich schlägt sich in solchen Heroen-Szenen ein blinder Glaube an die Kraft von authentischen Photos nieder, den Stones Film verständlicherweise hegt, der ihn aber ausgerechnet zu seinen unglaubwürdigsten Momenten verleitet. Hellmuth Karasek

Hellmuth Karasek
Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 66 / 93
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.