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VERLAGE Westliche Werte

Mit einer Protestaktion wehren sich 150 Schriftsteller und die Rowohlt-Lektoren gegen Michael Naumann, der das traditionsreiche Verlagshaus von Juni an leiten soll. *
aus DER SPIEGEL 3/1985

Ein Wechsel geht zu Protest: Die Bestallung eines leitenden Angestellten durch die Konzernführung hat eine kaum noch für möglich gehaltene Solidarität unter Autoren gestiftet, die sich spätestens seit dem Krach im Schriftstellerverband spinnefeind waren.

So trafen sich vergangene Woche plötzlich Kontrahenten wie Bernt Engelmann und Wolf Biermann, wie Gerd Fuchs und Jürgen Fuchs, auf einer Unterschriftenliste wieder.

Denn der Konzern, um den es geht, heißt Holtzbrinck, nach Bertelsmann die größte deutsche Buchfabrik, und der neue Posten ist der des Verlagsleiters bei Rowohlt, dem Reinbeker Haus mit liberalem Image, leidlicher Bilanz und viel Tradition.

Rund 150 Resolutionäre, von Carl Amery bis Günter Graß, von Peter Schneider bis Dorothee Sölle (längst nicht alles Rowohlt-Autoren), sehen die »Freiheit der Kultur« tangiert, wenn der Journalist Michael Naumann, 43, gegen den Willen des Rowohlt-Lektorats die Nachfolge von Verlagschef Matthias Wegner antritt.

Auf dem Verlagsgelände, zwischen Hamburger Stadtgrenze und Bismarcks Sachsenwald, »köchelt eine Revolte« (NDR), die von der »Zeit« schon als »mittleres Erdbeben« empfunden wird. Epizentrum ist Stuttgart, der Sitz der Holtzbrinck-Gruppe, und die Richter-Skala ist nach rechts und links offen.

Gegrummel, um im Bild zu bleiben, gab es schon, als sich im Frühjahr 1983 Heinrich Maria Ledig-Rowohlt, Sohn des legendären Firmengründers Ernst Rowohlt, von der Verlagsarbeit verabschiedete und die Geschäftsanteile der Familie an den Stuttgarter Medienriesen verkauft wurden.

Durch den Erwerb der Anteile, die der amerikanische »Time«-Konzern noch am Rowohlt-Taschenbuch-Verlag gehalten hatte, wurde Holtzbrinck im August vergangenen Jahres zum alleinigen Eigentümer des Doppel-Verlags, mit dessen Namen die von Tucholsky und Musil, von Hemingway und Sartre, von Hochhuth und Rühmkorf verbunden sind. Bei mehr als einer Milliarde Mark Umsatz, den das Familienunternehmen von Holtzbrinck jährlich erwirtschaftet, ist Rowohlt mit seinen 60 Umsatz-Millionen ein eher kleiner Bilanzposten. Aber das renommierte Markenzeichen paßte gut auf den Einkaufszettel eines Konzerns, der mit konservativer Presse ("Saarbrücker Zeitung«, »Handelsblatt") Politik macht und mit Neuen Medien Geschäfte machen will.

Holtzbrincks Buchverlage S. Fischer, Wolfgang Krüger, Kindler, Droemer-Knaur, Schroedel, Rowohlt und zuletzt Wunderlich (künftig als »Label« bei Rowohlt) sind nicht nur Lizenzgeber für die konzerneigenen Buchklubs, sondern vor allem potentielle Software-Lieferanten für Kabelkanäle.

Nach der Übernahme 1983 versuchte Juniorchef Dieter von Holtzbrinck in einer Rede vor der Rowohlt-Belegschaft, jeglichen Verdacht zu zerstreuen, hier werde eine Nivellierung vorbereitet oder die Autonomie des Reinbeker Verlags auch nur angetastet.

Tatsächlich schien Verlagsleiter Matthias Wegner Kontinuität zu garantieren. Von den Reinbekern nicht unbedingt geliebt und verehrt wie der »Alte«, aber doch als Ledigs Kronprinz geachtet, sollte Wegner den Verlag auch nach dem Willen der neuen Herren weiterführen. Jedenfalls vorerst.

Mit seinem neuen Vertrag aus Stuttgart hätte Wegner sehr zufrieden sein können - bis auf einen Punkt: Die Kündigungsfrist, die der Konzern seinem Rowohlt-Chef zubilligen wollte, war die einer Sekretärin, ein Vierteljahr.

Unter solchen Bedingungen ist eine vorausschauende, unabhängige Programmgestaltung kaum möglich, und Wegner sah sich bald in der Rolle eines »ferngelenkten« Verlegers. Nur für Außenstehende überraschend, hat er Anfang Dezember gekündigt (demnächst wird er als Buchklub-Chef bei Bertelsmann antreten).

Kurz darauf präsentierte das Lektorat - einstimmig und unterstützt von der Geschäftsleitung - einen Wunschkandidaten für die Vakanz: den linken SPD-Bundestagsabgeordneten Freimut Duve, 48, Herausgeber der Taschenbuch-Reihe »rororo aktuell«. Offensichtlich wollte man wirklich glauben, was Holtzbrinck der Belegschaft versprochen hatte: daß Stuttgart »auf die Führungsstruktur« von Reinbek »keinen Einfluß« nehmen wolle (Lektor Hermann Gieselbusch).

Duve wurde am 21. Dezember nach Stuttgart geholt - wo ihm allerdings keine Verhandlung angeboten, sondern die Mitteilung gemacht wurde, tags zuvor habe ein anderer zugesagt und den wolle man auch nehmen: Michael Naumann, zur Zeit noch, zusammen mit Dieter Wild, Ressortchef Ausland beim SPIEGEL.

Der düpierte Duve wies noch vom Flughafen Echterdingen aus sein Bonner Abgeordneten-Büro an, per Telefax bei Holtzbrinck zu protestieren. Und die Lektoren protestierten telegraphisch bei Naumann.

»Wir können uns nicht vorstellen«, heißt es da, »daß Sie unter diesen Voraussetzungen die literarische Leitung übernehmen wollen.«

Naumann, er habilitierte sich über das Thema »Strukturwandel des Heroismus«, konnte sich das sehr wohl vorstellen. Aber nun kam erst mal Weihnachten, die besinnliche Zeit.

Wer denn dieser »Homo novus«, ("Frankfurter Rundschau"), eigentlich sei, wieso Holtzbrinck ausgerechnet auf Naumann gekommen sei, fragten sich da Branchen-Insider. Mit der Bücherbranche hatte er bisher nur als Autor (zum Beispiel als Verfasser des im Rowohlt-Verlag veröffentlichten SPIEGEL-Buchs »Amerika liegt in Kalifornien") zu tun.

Den ersten Kontakt zu Holtzbrinck bekam Naumann, als er einen Verleger für die von ihm wiederbelebte Zeitschrift

»Der Monat« suchte. Das »linksliberale« (Naumann) Kulturblatt blieb auch nach der Neugründung 1978 mit der Hypothek belastet, in den fünfziger Jahren von der CIA unterstützt worden zu sein.

Nach seiner Promotion über Karl Kraus hatte der Politologe als Redakteur für die »Zeit« gearbeitet, war deren US-Korrespondent (aus seiner Amerika-Leidenschaft hat er nie ein Hehl gemacht) und entwickelte den »Dossier«-Teil der Wochenzeitung. Sein damaliger Verleger Diether Stolze, später für kurze Zeit Pressesprecher der Regierung Kohl und heute Holtzbrinck-Berater, hat ihn jetzt für die kommende Aufgabe empfohlen.

Die Richter-Skala der Urteile über den neuen Mann, der mit Ledig-Rowohlt noch nie gesprochen hat, reicht von »'freischwebender' Linker« ("Die Welt") über »ein Protege-Typ« (Konkurrent Duve) bis »professorale Arroganz, was westliche Werte betrifft«, wie es in der »Hamburger Rundschau« heißt.

Aber nicht politische Vorbehalte nähren die Fronde der linken Reinbeker gegen Naumann, sondern der Vorwurf, er verstehe zuwenig vom Geschäft, womit durchaus auch die Zahlen gemeint sind. Da gibt es also Marxisten, die ihrem designierten Arbeitgeber vorhalten, nicht kapitalistisch genug zu denken. Die mangelnde Geschäftserfahrung, so hieß es, schwäche Naumanns Position gegenüber dem Konzern und damit Rowohlts Eigenständigkeit insgesamt.

Dennoch gibt es, zum Beispiel bei Lektor Hermann Gieselbusch, den »Verdacht« eines Kurswechsels nach rechts, »wenn man sich vor Augen hält, auf welche Weise Herr Naumann berufen worden ist«.

Was da, laut Michael Naumann, nur »unglücklich gelaufen« ist, provoziert bei seinen künftigen Mitarbeitern die »kalte Wut«. So Angela Praesent, die bisherige Leiterin des belletristischen Lektorats.

Sie hat (allerdings nicht wegen des neuen Chefs) Ende Dezember gekündigt und will künftig nur noch frei als Herausgeberin der Reihe »Neue Frau« weiterarbeiten.

Freimut Duve erklärt, es sei »weiß Gott keine Schande, von Holtzbrinck nicht genommen zu werden«, und mag sich über eine Fortsetzung seiner Arbeit nicht äußern.

Allerdings: »Das Vertrauen ist weg.« Besonders aufgebracht hat ihn der Versuch der Geschäftsleitung, »die Lektoren zu einer Ergebenheitsadresse zu zwingen«. Sogar arbeitsrechtliche Konsequenzen wurden zunächst angedroht, falls sich die Rowohlt-Mitarbeiter nicht von der Resolution der 150 distanzieren wollten. Duve: »Wir sollten uns von der Solidarität unserer eigenen Autoren distanzieren.« Mittlerweile wurden diese Drohungen zurückgezogen.

Duves Lektorats-Kollegen scheinen sich mit der Situation abgefunden zu haben: Wir sind Profis, sagen sie (mit Betonung auf wir), und wir arbeiten professionell. Soll heißen: Wir erfüllen unseren Arbeitsvertrag.

Vielleicht ist mehr - zumindest in Stuttgart - auch gar nicht gefragt. Phantasie, meint Naumann, habe er selber.

Vor allem die Literatur aus dem englischen Sprachraum will er pflegen, eine Reihe mit »Rowohlt-Klassikern« einrichten, eine andere mit großen historischen Biographien. Er will sich um »moderne Mythographie« kümmern und um Militärpolitisches aus Amerika und denkt auch an »Coffeetable-Books«, »zum Beispiel über die russische Oktoberrevolution«.

Und die deutsche Literatur? »Wen gibt es denn da noch?« fragt er mit Blick auf die Protest-Liste der Autoren zurück. Sicher, um einige der großen Namen tue es ihm »unendlich leid«. Aber auf »sozialistische Herrenreiter, die sich in den Weinkellern der Hamburger Elbvororte besser auskennen als in der liberalen Tradition des Rowohlt-Verlages«, wolle er gern verzichten.

Naumann hält die ganze Aufregung für einen »klassischen Fall von hysterischer Reaktion« und bleibt entschlossen: »Ich trete an.«

Heinrich Böll übrigens, ebenfalls zum Protest aufgefordert, hält zu ihm: »Man muß Ihnen doch eine Chance geben.« Spätestens Anfang Juni will Michael Naumann an seinem Reinbeker Schreibtisch sitzen.

»Das wird ein kurzer Auftritt«, meint ein Lektor. Mag sein. Denn auch der neue Chef hat nur einen Zwei-Jahres-Vertrag.

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