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Wettlauf der Bulldozer

aus DER SPIEGEL 48/1989

SPIEGEL: Als Billy Wilder 1961 in Berlin seinen Film »Eins, zwei, drei« drehte, wurde er vom Bau der Mauer überrascht. Jetzt wurde die Mauer geöffnet, und Sie drehen in Berlin »Dr. M«.

CHABROL: Der arme Billy Wilder, ein schreckliches Erlebnis. Aber wenn man in Berlin dreht, muß man eben aufpassen und Dinge vorhersehen können.

SPIEGEL: Und Sie haben die Dinge vorhergesehen?

CHABROL: Ja, daß man ohne größere Hindernisse von Ost nach West gehen kann, daß die Mauer durchlässig ist, das stand von Anfang an im Drehbuch. Einige Leute haben sich darüber etwas mokiert; die glaubten, daß wir übertreiben. Aber was sie für eine Utopie hielten, ist nun Wirklichkeit. Der Film sollte ja in den neunziger Jahren spielen, und logischerweise mußte es da bessere Beziehungen zwischen Ost und West geben. Aber es ist tatsächlich überraschend, wie schnell alles gegangen ist, wie vollkommen sich alles verändert hat.

SPIEGEL: Sie haben zwei Filme über die deutsche Okkupation in Frankreich gemacht, »La ligne de demarcation« und »Le sang des autres«. Haben Sie Angst vor den Deutschen?

CHABROL: Natürlich habe ich die Deutschen 1940 gehaßt, und auch noch 1947 und 1948 habe ich sie gehaßt, bis die Narben heilten, zu jucken aufhörten. Aber danach habe ich gemerkt, daß ich die Deutschen zu Unrecht haßte. Was kann man ihnen vorwerfen? Daß sie nicht protestiert haben, daß sie sogar in Taumel geraten sind? Was wäre in Frankreich schon anders gewesen? Die Franzosen sind groß als Denunzianten. * Im Auto: Hauptdarsteller Jennifer Beals und Jan Niklas.

SPIEGEL: Fürchten Sie sich jetzt, wie so viele Franzosen, vor der Wiedervereinigung?

CHABROL: Haben die Deutschen nicht selber Angst davor?

SPIEGEL: Jedenfalls ist viel davon die Rede.

CHABROL: Die Deutschen haben 1944 eine Tracht Prügel bekommen, ordentlich eins auf die Schnauze. Ich bin kein Historiker, aber die deutsche Einheit, die deutsche Nation kam sehr spät. Und das ist so wie mit den jungen Männern, die erst spät mit einer Frau schlafen. Sie sind hitziger. Aber ich glaube, das Fieber ist inzwischen gefallen. Natürlich würde eine Wiedervereinigung ökonomische Folgen haben. Aber gefährlich ist sie nicht. Die einzigen Konflikte kommen heutzutage aus der Religion.

SPIEGEL: Sie haben Werbespots für Parfüm, Zigaretten und Autos gedreht. Könnten Sie sich einen Werbespot für die neue Regierung der DDR vorstellen?

CHABROL: Natürlich, und morgen schon könnte ich zu drehen anfangen: Von Osten nähern sich große Bulldozer, sie kommen näher und bringen die Mauer zum Einsturz. Sie müßten sich allerdings beeilen, denn wenn sie von Westen kämen, hätten die drüben verloren. Es müßten also, etwa 50 Kilometer vom Brandenburger Tor entfernt, im Osten und im Westen gleichzeitig Bulldozer starten, und wer zuerst ankommt, hat gewonnen und reißt die Mauer nieder.

SPIEGEL: In »Himmel über Berlin« gleitet Wim Wenders auf den Flügeln der Sehnsucht über die Stadt. Wie sieht das Berlin von Claude Chabrol aus?

CHABROL: Ich muß nicht so pessimistisch wie Wenders sein. Ich glaube nicht, daß man ein Engel sein muß, um in Berlin zu überleben. Berlin ist ein Land für sich. Wenn man nur Berlin wiedervereinigte, gäbe es drei deutsche Staaten.

SPIEGEL: Schon in Ihrem zweiten Film »Schrei, wenn Du kannst« erschreckt ein Student einen jüdischen Kommilitonen mit dem Ruf: »Aufstehen, Gestapo!« Sie haben einige Male in Deutschland gedreht, in München ("Das Auge des Bösen"), in Hamburg ("Champagner-Mörder"), und Sie haben Goethes »Wahlverwandtschaften« verfilmt. Gibt es etwas »Germanisches« in Ihrem Werk?

CHABROL: In den fünfziger Jahren war ich begeistert vom deutschen Film. In Deutschland haben mich deswegen alle ausgelacht, weil sie dachten, ich schwärme für ihr Kino, für das Kino dieser Zeit. Aber ich dachte natürlich an Fritz Lang, an Murnau. Außerdem war ich schon sehr früh fasziniert von der deutschen Literatur, Goethe, Schiller, Kleist, Thomas und Heinrich Mann. Sogar Kasimir Edschmid habe ich gelesen, kennen Sie den? Auch ganz üble Militaristen habe ich gelesen, ich war angezogen und zugleich abgestoßen von der deutschen Literatur. Ich habe damals auch das Buch »Goodbye to Berlin« von Christopher Isherwood gelesen, die Vorlage zu »Cabaret«. Das hat mir geholfen, die Dinge zu sehen, ohne zu urteilen. Ich will nicht urteilen.

SPIEGEL: In dem Film »Paris vu par . . .« von 1965, an dem auch Rohmer und Godard beteiligt waren, gibt es eine Episode von Ihnen, »La Muette«. Darin sticht ein Junge einem Photo von Konrad Adenauer die Augen aus.

CHABROL: Der Junge sticht einem Photo seines Großvaters die Augen aus, und dieser Großvater sieht aus wie Adenauer. Das war ein Scherz. Ich habe Adenauer gehaßt, allein dieser Kopf . . . Wenn die Leute nach dem Krieg noch Angst vor den Deutschen hatten, dann wegen dieses Kopfes, ein schrecklicher Kopf.

SPIEGEL: In den Filmen von Fritz Lang dräut das Schicksal. Fühlen Sie sich dem nahe?

CHABROL: Ich bin nicht vollkommen einverstanden mit Langs Ideen von Schicksal und absoluter Bestimmung, aber ich bewundere die Logik, mit der er diese Ideen entwickelt. Da muß ich wieder an die Literatur denken, an einen anderen deutschen Schriftsteller, den ich bewundere, Alfred Döblin. Ein schrecklicher, ein erschreckender, ein marxistischer Determinist, das ist das Schlimmste überhaupt. Der finsterste Pessimismus, und das bei einem Arzt. Ich halte nicht viel von Psychologie. Und die deutsche Literatur ist alles andere als psychologisch. Das gefällt mir.

SPIEGEL: Sie haben immer wieder mit deutschen Schauspielern gearbeitet, von Maria Schell bis Gert Fröbe, von Margarethe von Trotta bis Helmut Griem. In Ihrem neuesten Film spielen Hanns Zischler, Alexander Radszun und Jan Niklas wichtige Rollen.

CHABROL: Deutsche Schauspieler sind sehr professionell und sehr zögerlich. Es gibt keine Stars in Deutschland, keine Schauspieler, die glauben, sie seien Jupiters Lenden entsprungen, bloß weil sie drei Filme gemacht haben. Aber man muß die Deutschen auf die Erfindung von Szenen stoßen, und wenn man sie einmal darauf gestoßen hat, muß man sie bremsen, sonst übertreiben sie.

SPIEGEL: Was bedeutet das M in »Dr. M": »Metropolis«, »Mabuse«, »M le maudit«?

CHABROL: Sogar »Moonfleet«. Ich habe herausgefunden, daß das M eine große Rolle in den Filmen von Fritz Lang spielt. Ein Buchstabe, über den man lange nachdenken kann, der einzige, der sich auf den Kopf stellen läßt und wieder ein Buchstabe ist. Und der Titel eines der wichtigsten Lang-Filme. Wir haben unseren Film »Dr. M« genannt, weil dieser Titel in der ganzen Welt verstanden wird.

SPIEGEL: Ursprünglich sollte der Film »Der letzte Mabuse« heißen . . .

CHABROL: Das hätte zu sehr auf eine Lang-Hommage hingedeutet. Aber »Dr. M« ist keine Imitation, sondern ein ganz eigener Film. Ich begleiche offen meine Schulden, ich stehle nicht, klaue nicht hier ein bißchen und da ein bißchen.

SPIEGEL: Sie haben immer wieder von dem Geheimnis gesprochen, das Fritz Lang für Sie bedeutet. Sind Sie dem Geheimnis jetzt auf der Spur?

CHABROL: Ich habe vor sieben Jahren einen Zwölfminutenfilm gemacht, »M le maudit«, darin sind drei Minuten, auf die ich ganz stolz bin, in denen ich das »Prinzip Lang« wiedergefunden habe. Aber dieses Wissen kann ich nicht auf »Dr. M« anwenden, ich will ja keinen Lang-Film machen, sondern einen Chabrol-Film. Natürlich gibt es sehr starke visuelle Effekte in seinen Filmen. Aber er betrügt nie, er lügt nicht. In »Dr. M« gibt es Szenen, die Lang so nie gedreht hätte. Aber er hätte darüber auch nicht die Nase gerümpft und gedacht, dieser Chabrol ist ein Schuft.

SPIEGEL: »Dr. M« ist inspiriert von den Mabuse-Filmen. In Berlin kommt es zu einer geheimnisvollen Selbstmordwelle, und ein Kommissar findet heraus, daß die Selbstmörder alle in einer Beziehung zu einer jungen Frau standen, die Werbespots für einen Medientycoon macht, Marsfeld, gespielt von Alan Bates.

CHABROL: Die Hauptfigur ist von Mabuse inspiriert, Marsfeld ist ein Erbe Mabuses, per Testament dazu bestimmt, den Geist der Zerstörung zu entwickeln. Und wir arbeiten sogar in den Studios, beziehungsweise auf dem Gelände, wo Lang seinen ersten Mabuse, »Der Spieler«, und seinen letzten, »Die tausend Augen des Dr. Mabuse«, drehte.

SPIEGEL: Der Hauptdarsteller der »Tausend Augen«, Wolfgang Preiss, spielt auch in »Dr. M« . . .

CHABROL: Ja, den Polizeichef. Was beweist, daß Mabuse alles erreicht. Vielleicht sind alle Polizeichefs Mabuses . . .

SPIEGEL: Sie haben gesagt, daß Sie Döblin lieben. Rainer Werner Fassbinder, der Regisseur von »Berlin Alexanderplatz«, hat geschrieben, daß er viele Ihrer Filme hasse. Hassen Sie Fassbinder?

CHABROL: Ich hasse seine Filme nicht. Er hat meine Filme faschistisch genannt, und ich könnte ihm dieses Kompliment zurückgeben. Ich glaube, er hat das geschrieben, um mich zu provozieren. Er wollte, daß ich ihm antworte, ihn beschimpfe, ich wollte ihm ja auch antworten, aber er hat mir keine Zeit mehr dazu gelassen. f

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