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ZEITGEIST Wettlauf um das Gute

Demokratisch, locker, weltoffen - so präsentiert sich Deutschlands neue Mitte. Doch in der Normalität von Globalisierung und Spaßkultur macht sich neuer Antisemitismus breit: ein erster Härtetest für die Berliner Republik? Von Reinhard Mohr
Von Reinhard Mohr
aus DER SPIEGEL 44/2000

Wie ein erratisches Zeichen in Berlins schicker Mitte steht seit einigen Wochen ein grüner Bergepanzer des Bundesgrenzschutzes vor der goldglänzenden »Neuen Synagoge« in der Oranienburger Straße, die zu den beliebtesten Sehenswürdigkeiten der Stadt zählt. Hundert Meter Eisengitter sperren den Bürgersteig ab. Am Straßenrand stehen Polizeifahrzeuge. Polizisten mit Maschinenpistolen bewachen das Gebäude. Neu installierte Videokameras beobachten das Umfeld. Die Personenkontrolle führen israelische Sicherheitsbeamte durch. Manchmal kreist ein Hubschrauber über der Szenerie. Kriegszustand in Friedenszeiten, ein Hauch von Nahost.

Währenddessen strömen Touristen aus aller Welt durch den Nebeneingang der Synagoge, um sich die Ausstellung »Juden in Berlin 1938-1945« anzusehen. Dort erfahren die Besucher etwa, dass Berlins Juden, denen schon das Benutzen öffentlicher Verkehrsmittel und der Besuch von Gaststätten verboten, dafür das Tragen des gelben Judensterns (ab sechs Jahren) auferlegt war, per Verordnung vom 15. Mai 1942 sämtliche elektrische Geräte abliefern mussten, unter anderem »Heizöfen, Heizsonnen, Höhensonnen, Heizkissen, Kochtöpfe, Kochplatten, Staubsauger, Brotröster, Bettwärmer, Bügeleisen, Föhne, Elektrouhren, Ventilatoren, Wasserkocher, Bratöfen« - Teil jener unendlichen Abfolge von Demütigungen, Peinigungen und Entrechtungen, die schließlich in den Holocaust mündeten.

Wenn die Besucher die Synagoge verlassen, können sie wenige Meter weiter »original-israelische Falafel« bestellen, sich mit Schawarma, Blintzes und Bagel kräftigen. Es gibt koscheren Wein, eine echt jüdische »Barches Bakery« und »Barcomi Deli«. Später geht''s zum Klezmer-Abend. Die jüdische Kultur, so scheint''s, blüht und gedeiht, ja, sie wirkt cool, Teil des abgründigen Flairs der Berliner Republik, zwischen Love Parade und der Ostrebellengestik der Castorfschen »Volksbühne«.

Aber neben dieser jüdischen Normalität in Deutschland gibt es eben auch Anzeichen dafür, dass sich das kulturelle Klima subkutan verändert hat - und zwar weit jenseits der bekannten rechtsradikalen Szene. In frischer Erinnerung sind noch die erfundenen »jüdischen Vermächtnisse« an die hessische CDU: ein Skandal im Skandal. Der Antisemitismus, so scheint es derzeit, sickert wieder in den Mainstream ein (oder kommt wieder hoch) - paradoxerweise zur gleichen Zeit, da Marcel Reich-Ranickis Autobiografie »Mein Leben« Triumphe feiert und Millionen Leser findet.

Was heißt das? Bedeutet die neue Unbefangenheit der deutschen Spaßgesellschaft, in der allabendlich über alles und jeden gejuxt wird, zugleich eine neue moralische und intellektuelle Indifferenz?

Plötzlich jedenfalls tauchen im Berliner Opernstreit, von wem und wie bösartig auch immer kolportiert, antisemitische, auf den Künstlerischen Leiter der Staatsoper, Daniel Barenboim, gemünzte Sprüche wie »Schluss mit der Juderei ...« auf. Barenboims eher zurückhaltender Kommentar: »Das heißt für mich, leider, dass dieses Problem von vielen Menschen in Deutschland nicht wirklich verarbeitet wurde.«

Ein jüdischer Ladenbesitzer in Wilmersdorf berichtet, er würde, anders als es früher seine Gewohnheit war, in der Öffentlichkeit lieber nicht mehr die Kipa tragen. Wenn es nicht Angst ist, dann zumindest Vorsicht - eine neue Vorsicht.

Schon längere Zeit werden Schmähbriefe an jüdische Prominente nicht mehr anonym, sondern mit komplettem Absender samt Doktortitel verschickt. Inzwischen erscheinen antisemitische Leserbriefe auch in der »FAZ« - so am 12. Oktober 2000. Da erläutert der katholische Menschenbruder Lothar Groppe, SJ, aus Bad Pyrmont seinen eigenen Brief an Paul Spiegel und weist den Vorwurf »antisemitischer Klischees« entrüstet zurück:

Ich hatte ... meine Besorgnis mitgeteilt, dass sich ''die offiziellen Repräsentanten der Juden in Deutschland seit der Amtsübernahme Heinz Galinskis berufen glauben, dem deutschen Volk Belehrungen zu erteilen, wie es sich zu verhalten habe''. Ich wies darauf hin, dass es sicher nicht zur Steigerung der Beliebtheit der Juden beitrage, wenn bei jedem Staatsakt und jeder Feierlichkeit, bei der der Bundespräsident auftritt, jeweils auch der Zentralratsvorsitzende in der ersten Reihe Platz nimmt.

Hier möchte man nicht einmal mehr hoffen, der Mann wisse nicht, was er sagt.

Spiegels Stellvertreter Michel Friedman jedenfalls hat seine einschlägige Beliebtheit vor Monaten hautnah erlebt, als er am hellen Tage, mitten im Touristentrubel rund um die Synagoge, von zwei Männern, die aus einer Kneipe namens »Piepmatz« stürmten, mit den Worten angefallen wurde: »Das ist doch der Friedman, das Judenschwein!«

Friedman ist auch einer der Hauptadressaten seitenlanger antisemitischer Hetztiraden von Horst Mahler, der seinen Weg vom Wirtschaftsanwalt in den sechziger Jahren über SDS, RAF, JVA (Moabit) und KPD bis in die Volksgemeinschaft der NPD konsequent gegangen ist.

Gern tritt Mahler auch bei Christoph Schlingensiefs Spaßkultur-Projekten auf, etwa beim »Kameradschaftsabend« vor einem Jahr in der »Volksbühne«, wo jener Meir Mendelssohn, der Ignatz Bubis'' Grab in Israel besudelt hat, das Publikum aufforderte, ganz befreit »Judensau« zu rufen.

In einem der letzten Machwerke vom 16. Oktober 2000 fordert ein von Mahler vertretenes »Deutsches Kolleg«, dessen Führung auch der Ex-SDSler Reinhold Oberlercher angehört, »das Verbot der jüdischen Gemeinden in Deutschland«, proklamiert den »Judaismus« als »tödliche Gefahr für die Völker« und stellt fest: »Der Krieg der jüdischen Organisationen gegen das Deutsche Volk dauert an.«

Auf gespenstische Weise trifft hier die »Dauerpräsentation unserer Schande« (Martin Walser) auf ihre neue Gegenwärtigkeit: Rund um die Uhr müssen Mahnmale der Nazi-Verbrechen und jüdische Gedenkstätten, aber auch jüdische Schulen und Kindergärten vor einem Teil jener deutschen Nation geschützt werden, die den Völkermord zu verantworten hat - eine stumme Schande Tag für Tag.

Haben vierzig Jahre politischer wie intellektueller »Vergangenheitsbewältigung« es nicht vermocht, ein Mindestmaß von Toleranz zu etablieren? Traf Ignatz Bubis'' bittere Resignation kurz vor seinem Tod 1999 also eher die Wahrheit als sein langjähriger Optimismus?

Reichen die ungezählten Dokumentationen des Massenmediums Fernsehen über den Nationalsozialismus - gerade läuft im ZDF die sechsteilige Reihe »Holokaust« - nicht aus, um auch bei Nicht-Lesern ein Minimum an Geschichtsbewusstsein und moralischem Respekt gegenüber dem, was geschehen ist, zu schaffen?

Werden die Deutschen also doch, wie der Psychoanalytiker Zvi Rex sagte, »den Juden Auschwitz nie verzeihen«?

Fast könnte man den Eindruck gewinnen, die jahrelangen Debatten über das Berliner Holocaust-Mahnmal und die stets wiederkehrenden Auseinandersetzungen um deutsche Schuld und Verantwortung hätten nichts dazu beigetragen, eine Souveränität zu entwickeln, die im westeuropäischen Sinne »normal« ist - und gerade deshalb in der Lage sein sollte, sich den vergangenen Schandtaten zu stellen.

»Selbstverständlich, ja doch«, hätte fast jeder eben noch gesagt, wie im Halbschlaf.

»Offenbar aber doch nicht«, lautet die Gegenstimme, wenn führende Vertreter der jüdischen Gemeinden in Deutschland, wie der Zentralratsvorsitzende Paul Spiegel, öffentlich daran zweifeln, ob in der Bundesrepublik »die richtigen Lehren aus der Vergangenheit wirklich gezogen wurden«, und auf Zeichen der Solidarität warten, ja auf demonstratives Mitgefühl und die Verteidigung der bedrohten Bürger.

Hier und da ist gar schon wieder von »Kofferpacken« die Rede, wenn es denn noch schlimmer kommen sollte. Andere halten dies für Unsinn - darauf, so sagen sie, warteten die Rechtsradikalen ja bloß. Das wäre ihr symbolischer Sieg.

Angesichts all dessen fühlen sich auch viele nichtjüdische Deutsche hin- und hergerissen zwischen spontaner Gefühlsaufwallung und demokratischer Gelassenheit, zwischen Dramatisierung und Relativierung der aktuellen Ereignisse.

Dabei trägt die Sache selbst durchaus geisterhafte, absurde, ja wiedergängerische Züge. Helfen da nur Klarheit und Wahrheit - die Unbeirrbarkeit der Demokraten?

»Keine Gefahr für diesen Staat«, urteilt der Alt-68er Thomas Schmid, einst führender Kopf der militanten Frankfurter Spontigruppe »Revolutionärer Kampf«. Nun entdeckt er in einem staatsmännischen Leitartikel für die »FAZ« »Züge des Rituellen«, ja, einen »Wettlauf um das Gute« in der Debatte um ein Verbot der NPD.

Sein Argument, das allerdings auch schon vor zwanzig Jahren hätte vorgebracht werden können: Von der »Erfolgsgeschichte« der Bundesrepublik gehe eine »große zähmende, belehrende, auf die zi-

vile Bahn lenkende Kraft aus«. Wer also »zuvörderst mit der Verbotsidee« hantiere, so Schmid, »dementiert den Erfolg der Republik«. Und wer wollte das schon? Dass es vor allem um die Freiheit und körperliche Unversehrtheit von Menschen geht, vergisst der Leitartikler.

»Freiheit für die Feinde der Freiheit« fordert im gleichen Zusammenhang der Alt-Linke Arno Widmann in der »Berliner Zeitung«. In bester liberaler Tradition vertraut er auf die zwanglos erotische Attraktivität des Guten: »Freiheit hat nämlich etwas Gewinnendes. Ihren Reizen werden auch ihre Gegner erliegen.«

Dass genau dies für eine Minderheit eben nicht zutrifft, ist gerade das Problem. Nicht zuletzt die zuweilen beklagenswerte Reizlosigkeit des Guten ließ auch den Bundeskanzler, sonst ein Ausbund der neuen deutschen Normalität ("Hol mir mal ''ne Flasche Bier ..."), zum kämpferischen Wort vom »Aufstand der Anständigen« greifen - das selbst schwer zu greifen ist.

Denn die zivile Gesellschaft zeichnet sich ja gerade dadurch aus, dass sie in ihrem eher unspektakulären, hedonistischen Alltag ohne Militanz, ohne pathetische Appelle und Demonstrationen für jenes Gute auskommt, das ihre »verfahrensethische«, institutionelle, moralische Grundlage - also selbstverständlich ist.

Warum soll man also für das Anständige aufstehen, wenn man es Tag für Tag eigentlich auch im Sitzen erledigen kann?

Gleichwohl: Mitten in der deutschen Spaßgesellschaft, die sich über »Big Brother« erregt, über Christoph Daums Kokainsucht und Jenny Elvers'' »Playboy«-Schwangerschaft, wachsen Inseln rassistischer und antisemitischer Einstellungen.

Dabei laviert die Spaßkultur, die schon von Berufs wegen mit unzähligen Ressentiments und Zitaten spielt, zwischen Souveränität und Verantwortungslosigkeit. Einerseits ist sie Ausdruck eines gewachsenen demokratischen Selbstbewusstseins der Gesellschaft, die praktisch keine Tabus mehr kennt, aber auch keine ideologische Feindschaft - andererseits höhlt sie tendenziell Werte und Orientierungen aus, ja, sie beschleunigt geradezu soziale und intellektuelle Auflösungsprozesse, aus denen sie dann wieder ihre humoristischen Funken schlagen kann.

Harald Schmidts süffisanter Zynismus bedient sich jeden Abend aus diesem Berg bunter Bruchstücke zwischen Wahnsinn und Vernunft. Kurz: Die Spaßgesellschaft untergräbt teilweise selbst das schöne Fundament, auf dem sie ihre Pirouetten dreht.

Die flächendeckende Ironisierung, das ganze mediale Patchwork aus Infotainment, Comedy-Ulk und fernsehgerechter Katastrophendramaturgie funktioniert mehr und mehr als selbstreferentielles System objektiver Gleichgültigkeit. Wer da noch nach Moral fragt - siehe »Big Brother« -, der macht sich nur noch lächerlich.

Doch wäre der Katzenjammer groß, wenn Ethik und Lebenssinn nach jahrelanger Ironie-Demontage plötzlich wieder dringend gebraucht würden, wenn es doch mal wieder »ernst« würde: Was tun, wenn all die im medialen Dauerrauschen sozialisierten, frei flottierenden Elementarteilchen à la Houellebecq plötzlich ganz tabulos - und total real - um sich schlagen?

In seinen großartigen, nachgelassenen Erinnerungen »Geschichte eines Deutschen« beschreibt der 1999 gestorbene Publizist Sebastian Haffner jenen »Horror vacui«, den seelischen Stumpfsinn derer, die mit ihrem eigenen Leben nichts wirklich anzufangen wissen und deshalb nach Erlösung dürsten: »Erlösung durch Alkohol, durch Aberglauben oder, am besten, durch einen großen, alles überschwemmenden, billigen Massenrausch.«

So gesehen, bestünde womöglich der erste Härtetest der Berliner Republik im alltäglichen Plebiszit für die Kostbarkeit der zivilen Gesellschaft - des kleinen großen Lebens und seiner kleinen und großen Freiheiten. Einem Plebiszit, das durchaus in symbolträchtigen Formen, und sei es bei einer Demonstration wie am kommenden 9. November in Berlin, seinen Ausdruck finden kann: Die Selbstvergewisserung der Spaßgesellschaft über ihre Geschäftsbedingungen. So viel Leitkultur muss sein.

* Am 6. Oktober in der Berliner Synagoge Pestalozzistraße mitAndreas Nachama, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde, KerstinMüller, Guido Westerwelle, Ruprecht Polenz, Claudia Roth, JoschkaFischer.

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