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FREIZEIT Wie a Brezn

Ein schwäbischer Steilmacher baut Amerikas verrückteste Achterbahnen.
aus DER SPIEGEL 52/1977

Die Rutschpartie dauert 36 Sekunden und bietet 28 Insassen alle Schrecken einer Reise zum Mond -- im offenen Waggon.

Sie beginnt mit einem Katapultstart (Beschleunigung von Null auf 88 km/h in 4,2 Sekunden), dann durchrast der Zug ein 25 Meter hohes Looping-Gerüst, die Passagiere werden dabei mit dem Druck sechsfacher Erdanziehung in die Bänke gepreßt -- mehr als der Belastung, der sich US-Astronauten beim Ritt auf der Saturn ausgesetzt sehen. An einem Steilhang, in 37 Meter Höhe und einer Schräglage von 70 Grad, kommt das Ding jäh zum Stehen.

Dann fällt der Zug wie ein Stein zurUck -- dreht den Looping rückwärts, rast mit 80 km/h weiter rückwärts einen zweiten stählernen Steilhang empor und bleibt -- diesmal schweben die Insassen in Bauchlage -- in 28 Meter Höhe stehen. Der sich anschließende freie Fall endet mit einer Gewaltbremsung von 75 km/h auf Null auf einer Strecke von 20 Metern.

Die Menschenschleuder mit der Gattungsbezeichnung »Shuttle Loop« ist die neueste Attraktion in amerikanischen Amüsier-Parks. Der Andrang -- die Besucher warten zwei bis drei Stunden auf ihren Schuß -- ermutigt die Veranstalter: Die Rummelplätze rüsten aufs Raketenzeitalter um.

Von Japan bis Mexiko werden Achterbahnen immer höher, immer länger, immer schneller. In Amerika wurde neben dem »Shuttle Loop« auch ein »Looping Racer« installiert eine kilometerlange Achterbahn, gleichfalls mit eingebautem Überkopfkurs. In knapp anderthalb Jahren beförderte sie mehr als fünf Millionen Passagiere und stahl in dem Sensationsfilm »Achterbahn« ("Rollercoaster") den Stars George Segal, Richard Widmark und Henry Fonda die Schau.

Die hypermodernen Höllenmaschinen, deren Skyline an den Weltraumbahnhof von Cape Kennedy denken läßt und die von ihren Besitzern auf so wohlklingende Namen wie »Tidal wave« (Flutwelle), »The Great American Revolution« und »The Great American Scream Machine« getauft wurden, sind weder in Amerika entworfen noch dort gebaut. Erdacht und geliefert hat sie der schwäbische Stellmacher Anton Schwarzkopf, 53.

Der findige Konstrukteur hat seinen Heimatort Münsterhausen (1500 Einwohner) zwischen Ulm und Augsburg innerhalb weniger Jahre zum Peenemünde der Lunapark-Branche gemacht. Sein Know-how rühmen auch die Russen: Schwarzkopfs schnelle Schlitten der Marken »Bayernkurve« und »Jetstar« laufen in Moskau und Kiew wie an 30 anderen Plätzen in aller Welt.

Doch kein zweites Land ist derzeit so begierig auf atemverschlagendes, magenumdrehendes, schweißtreibendes Amüsement wie Amerika. Drei Dutzend große Freizeitparks kassieren mehr als der gesamte Profisport: nahezu eine Milliarde Dollar von 80 Millionen Besuchern im Jahr.

Die elefantenhaften Achterbahnen üben dabei die größte Anziehungskraft aus: Zweigleisige wie »Rebel Yell« in Virginia, liegende Spiralbahnen wie »Corkscrew« in Kalifornien -- oder spukhafte, in simulierter Weltraumschwärze, wie »Space Mountain« in Disney World in Florida, wo selbst der Mondpilot James Irwin weiche Knie bekam und urteilte: »Härter als eine Saturn V.«

Alle Rekorde soll die Berg-und-Tal-Bahn »Colossus« brechen, die derzeit in der Nähe von Hollywood entsteht: fast drei Kilometer Strecke, 100 km/h Spitze, Steilabfahrten mit 30 Meter Höhenunterschied -- und alles auf zwei parallel verlaufenden Schienensträngen.

Für viele Passagiere ist der kurze Höhenrausch offenbar schon zur Sucht geworden. So stellten im Sommer vergangenen Jahres zwei Jünglinge aus South Carolina einen Weltrekord im Dauerfahren auf: 72 Stunden. In diesem Sommer ließen sich eine Linda und ein David von einem Pfarrer Walke auf dem »Looping Racer« trauen. Ein Teenager in einer Warteschlange in New Jersey erklärte sein Ausharren: »Es ist wie Sex. Man wartet Stunden und Stunden auf diese eine wunderbare Minute.«

Der amerikanische Rummelplatz-Historiker Gary Kyriazi urteilt: »Mehr denn je brauchen die Leute eine Gelegenheit zum Urschrei.« Gleich ihm haben Psychologen Erklärungen für den rätselhaften Opfermut an Achterbahnen gesucht. Die einen deuteten sie als »Auflehnung gegen Bemutterung« und »Befreiung von der Kindheit', andere wollten darin gar »latenten Todeswunsch« sehen oder »den Trieb, verborgene Ängste zu überwinden«.

»Werden Sie das durchstehen?« wirbt denn auch ein Aufsteller des »Shuttle Loop« in Kalifornien und feiert alle Passagiere nach der Fahrt als »Überlebende«. Doch die Bauaufsichtsbehörde' die alle Bahnen vierteljährlich überprüft, versichert: »Die Überlebenschancen sind 100 Prozent.«

Tatsächlich liegen die Versicherungsprämien für Achterbahnen niedriger als etwa für Kettenkarussells, und bei Verlusten geht es überwiegend um Perücken, Büstenhalter und Zahnprothesen. Ein Twengirl' das die Bahn im papiernen Wegwerfkleid bestieg, beendete die Fahrt nackt.

Kurzfristig an Luft- und Seekrankheit leiden freilich alle Passagiere. Fürsorglich hat Schwarzkopf darum den Ausstieg zu ebener Erde angelegt: »Nach dem Schuß kann keiner Stufen hinabsteigen -- sauschlecht geht's dene Leut'.«

Bedenklicher ist die Situation in der Bundesrepublik, wo Fehlkonstruktionen zu Beginn der fünfziger Jahre zu Rückgratverletzungen führten und wo seither die Technischen Überwachungsvereine (TÜV) den Fahrgeschäften auf den Volksfestplätzen besonders strenge Auflagen erteilen.

Zusätzliche Probleme schafft die Notwendigkeit, dem überwiegend ambulanten deutschen Markt transportable Bahnen liefern zu müssen. Stationäre Einrichtungen -- in USA längst die Regel -- sind hierzulande noch immer Ausnahmen, wie etwa im Freizeitpark »Phantasialand« Brühl bei Köln.

So verrechnete sich der Luft- und Raumfahrtkonzern Messerschmitt-Bölkow-Blohm hoffnungslos bei der Produktion der Superachterbahn »Alpenflug«. Das Multimillionengerät erwies sich als gigantischer Blindgänger -- unrentabel und auch nicht wetterfest -- und wurde nach einmaligem Betrieb auf dem Münchner Oktoberfest mit dem Schneidbrenner abgebaut: Endstation Schrottplatz.

»Man muß natürlich wissen, wie man die Schienen biegt«, sagt Anton Schwarzkopf. Der schnauzbärtige Selfmademan weiß es -- und einiges mehr.

Er übernahm die väterliche Wagnerei, die bis dahin Zigeunerkarren, Wehrmachtsschlitten und Wohnanhänger hergestellt hatte, und stieg während der sechziger Jahre zum führenden Karussellbauer der Republik auf. Heute beschäftigt er 200 Arbeiter und Angestellte und Zulieferfirmen mit 150 weiteren Kräften.

Die Überseefracht wird in Deutschlands größter Traglufthalle montiert und containergerecht zugeschnitten. In vier Jahren errichtete der Schwabe mehrere Dutzend Anlagen in der Neuen Welt.

Der unfallfreie Dauerbetrieb seiner US-Attraktion beeindruckte auch den westdeutschen TÜV. Schwarzkopfs Schienen sind millimetergenau (also stoßfrei) gefügt, jede Wagenachse hat vier Lauf- und vier Sicherheitsrollen; zudem greift die Achsverkleidung sicherheitshalber um das Schienenrohr. Die Passagiere sind durch Sitzbügel gesichert, die nur vom Personal wieder gelöst werden können.

So wird Schwarzkopf nächstes Jahr nicht nur das größte Riesenrad der Welt fabrizieren (100 Meter Durchmesser, sechsmal schneller als das Wahrzeichen im Wiener Prater) und in »Phantasialand« einen 70 Meter hohen Turm mit fünf »Hubschraubern« für jeweils 40 Insassen aufstellen.

Im kommenden Sommer wird auch auf Deutschlands Wies'n und Wasen, Dult und Dom der »Looping« stehen -- als mobile Anlage; die Genehmigung liegt vor.

Für Amerika ist der Schwabe freilich schon wieder einen Schritt weiter: Letzte Woche montierte er für den Amüsier-Park »Six Flags over Texas« einen 36 Meter hohen Doppellooping.

Der Mann hat Gemüt: »Schaugt aus wie a Brezn.«

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