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»Wie Besitz zu teilen wäre, sagt die Bibel nicht«

Peter Brügge über Francis A. Schaeffer, den Philosophen von Amerikas »Moralischer Mehrheit« *
aus DER SPIEGEL 20/1983

Bedrohlich und bei fast jeder Gelegenheit pocht Präsident Reagan jetzt auf die Bibel. Sie ist ihm politisches Handbuch. So souffliert es den Mächtigen von Washington eine Stimme aus den Schweizer Bergen. Dort läuft ihr Schriftgelehrter alpenländisch verkleidet herum. Mit einem Emmentaler Original könnten wir ihn verwechseln - und ist doch ein heimlicher Hoherpriester Amerikas: Reverend Dr. Francis August Schaeffer, siebzigjähriger Presbyterianer aus St. Louis, Missouri, schürt von seinem Holzhaus in den Berner Bergen aus eine Reformation der ehemals bibelfrommen Heimat, die er vor 35 Jahren als Care-Paket-Missionar verlassen hat.

In Amerika haben Leser seiner Bücher öffentlich die Bücher anderer Autoren verbrannt. Auf ihn eingestimmte Tele-Prediger versetzen Millionen amerikanischer Wähler in puritanischen Rechtsdrall. Durch ihn gestartete Gedanken tragen bei zu Ronald Reagans furchterweckendem Glauben, Amerika habe »auf Befehl der Schrift und des Herrn Jesus mit aller Macht der Sünde und dem Bösen in der Welt entgegenzutreten«. Bei Rev. Schaeffer tankt eine an Zahl und Resolutheit zunehmende amerikanische Minderheit, die sich aggressiv als »Moralische Mehrheit« (Moral Majority) aufführt. Er ist ihre heimliche Quelle für religiösen Treibstoff.

Er macht die einflußreichen Rechten Washingtons und ihre Frauen empfänglich für die Wirkung seines Allheilmittels, das in den Schubladen ihrer Nachttische schlummerte: Alles was recht ist, entnimmt Francis Schaeffer der Bibel. In seinem Sinne hat der Herr im Weißen Haus dies Jahr zum »Jahr der Bibel« und das Schulgebet zu einem Hilfsmittel gegen Amerikas Bildungsdefizit erklärt. Aus der Schrift erfährt Schaeffer (wie Reagan), wieso ein Menschen-Ei bereits vom Augenblick seiner Befruchtung an heilig und wozu andererseits atomarer Overkill gut sein soll; wodurch ein Sozialstaat gegen das schiere Christentum verstößt, nicht aber privater Reichtum.

Mit ihr unterm Arm entschlüsselt sich Rev. Schaeffer die Künstler des Abendlandes von Michelangelo bis Antonioni. Zu ihr hin sieht er junge Aussteiger streben in ihrer verzweifelten, auch ihn bewegenden Suche nach Sinn.

Er wisse, sagt er, was ihnen fehle: der absolute Maßstab, was gut ist und was böse. Den glaubt er in der Bibel abermals entdeckt zu haben, etwas ausgebleicht von Jahrhunderten abendländischer Skepsis und Ratio. Für Francis A. Schaeffer ist die Schrift wieder Gottes Wort.

In fast 1500 auf Tonband abrufbaren Predigten und Vorlesungen, in bislang 22 Büchern, in Filmen und Fernseh-Shows, vor Mächtigen und Schmächtigen, besonders aber vor der studentischen Jugend sendet er in milder Besessenheit aus, was für ihn und Amerika und den Rest der Christenheit daraus folgt: Widerstand gegen die zentrifugale Dynamik der Aufklärung, bevor sie das letzte Quentchen biblischer Orientierung aus allem herausgeschleudert hat. »Die großen glorreichen Freiheiten«, sagt Dr. Schaeffer, »beginnen unsere Gesellschaft in Stücke zu treten.«

Es ist sein liebstes Thema, wie eine Infektion des Christenglaubens durch die Verstandeskeime der Antike das alles verursacht habe und wie früh. Seit dem Ausbruch der Renaissance werfe sich der Mensch in prometheischem Do-it-yourself zum Maß aller Dinge auf, und die Folgen davon sehe man ja.

In Florenz wurde neben Michelangelos »David« ein Gerüst aufgeschlagen, damit, auf einer Ebene mit ihm, Francis A. Schaeffer Amerika vor einer Filmkamera den hier bereits mustergültig versteinerten Übermut faustdick erklären konnte. Es ist sein Verfahren, ganze Epochen auf ein ihn bestätigendes Bild, ganze Philosophien auf das Format eines Kalenderspruchs zu reduzieren.

Dieser David, sagt der Mann mit der Bundhose, sei nicht mehr der David der Schrift, drum sei er auch nicht mal beschnitten. Und was für Hände der habe! Welche übermenschlichen Formate in beinahe jeglicher Hinsicht!

»Hier stand der Humanismus«, lehrt Dr. Schaeffer, »in seinem ganzen Stolz.« Dies ist für ihn der herrlichste Beleg der hochfahrenden Illusion, es könne der Mensch, was er nur wolle, auch machen und sich »ganz allein aus der Natur losreißen«.

Kunst, von Leonardo bis zum Selbstgemachten, bereitet ihm Entzücken. Da _(Auf Baugerüst. )

funktioniert er anders als das Gros der stur frommen Fundamentalisten aus der »Moral Majority«, und darauf fliegen besonders Studenten.

Vom ketzerisch humanistischen Menschenbild der Renaissance zur gottlosen Freiheits-Utopie Rousseaus und der Französischen Revolution und weiter zu Marx und den Folgen sieht Schaeffer eine konsequent abschüssige Strecke der Kulturgeschichte. Zugegeben, Luther oder Zwingli hatten darauf vorübergehend gebremst. Dann verlor die Welt das Maß der Bibel. Sie wurde »eine gefallene Welt«. Die zu erlösen ist ihm jede Sprengkraft willkommen.

Reformator nennt er sich und winkt Amerika in Wort und Bild nach rückwärts voran. Verglichen mit dem Schrecknis eines Kosmos ohne Gott und Auferstehung findet er »die Atombombe nicht der Rede wert«.

Ihm scheint der Mensch bis nahe an Null heruntergekommen: Das Geschöpf und Abbild Gottes gelte nur noch für eine »determinierte Maschine«, eine »zufällige Ansammlung von Molekülen«. Schon werde jedem Schulkind Amerikas beigebracht, was in den Augen der Aufklärer »letzte Wirklichkeit« ist: »Schiere Materie, ziellose Energie« - statt des aufsichtführenden Urheber-Gottes der Schrift.

Das zwingt, klagt der Reformator, den Sinn aus allem heraus. Der Mensch kann da machen, was er will. Nützlichkeit regiert, zur Moral herausgeputzt. Vergessen, verdrängt, mißbraucht sind die in den Vorstellungen der Schaefferianer für ewige Zeiten geschaffenen Bibel-Anweisungen. Anstelle des absoluten Gottes ermächtige sich, warnt der Reverend, ein absoluter Staat.

Ein provokantes und nun auszutilgendes Wegzeichen dahin besteht für Schaeffer in dem an amerikanischen Public-Schools seit langem üblichen Betverbot. Ein fast noch schlimmeres sei, daß völlig straffrei abgetrieben werden dürfe, »in einigen amerikanischen Staaten schon bei Dreizehnjährigen«, und hinter dem Rücken von Daddy und Mommy.

So sei das mit dem Leben und der Achtung davor, sagt Francis Schaeffer, wenn es nur noch für ein Ergebnis steuerbarer Zufälle gelte und im Stundenplan kein Platz mehr bleibe für die biblischen letzten Wahrheiten. Daß die Moral Majority über fast 400 eigene Fernseh-Programme verfügt, gleicht das in seinen Augen nicht aus.

Aber Ronald Reagan, der macht vieles wett. »Er versucht«, lobt Schaeffer, »wieder Werte zu finden, Nähe zu amerikanischen Traditionen.« Im Rückspiegel des Reformators (und des Präsidenten offenbar auch) schimmert Amerikas Vergangenheit wie ein christlicher Mythos.

Jüngst hat Ronald Reagan Amerika im Einklang mit dem Vorbeter vor der »neuzeitlichen Säkularisation« gewarnt. Das Gedankengut des Humanismus und der Aufklärung, das in Europa seit Jahrhunderten zirkuliert, schlug im Land der Pilgerväter erst in den letzten fünfzig Jahren richtig an. Im Jahre von Hitlers Machtergreifung hatten aufklärerische Geister vom Schlage der Julian und Aldous Huxley angefangen, es mit einem »Humanistischen Manifest« von der Bibel-Beschränktheit fortzubewegen.

Dagegen verfaßte Francis Schaeffer letztes Jahr sein »Christliches Manifest«. Das ist ein Bestseller geworden. Widerstand wie bei den Urchristen oder wenigstens bei den Ostblock-Christen verlangt es von den noch oder neuerdings Schriftgläubigen Amerikas. Glaubenskampf will Schaeffer von der Schweiz aus inspirieren. Mehr noch: eine amerikanische Rückwärts-Revolution.

Schule und Uterus, Sozialpolitik und Feindbild sollen wieder den Maßgaben der Schrift gerecht werden. Schaeffer meint das absolut: »Die USA wären nicht gegründet worden, hätte es für die Gründerväter nicht eine Grenzmarke gegeben, von der an Widerstand zu leisten war, und zwar aus Prinzip und nicht bloß der Nützlichkeit wegen.«

Für ihn sind humanistisches und kommunistisches Manifest Variationen der nämlichen Gottverneinung, führen beide zum Verlust der Freiheit, wie er sie versteht. Über bibelfeste Diktaturen sieht er gnädig hinweg.

Die liberalen, an Aufklärung orientierten Massenmedien der amerikanischen Ostküste haben seine Ein-Schienen-Philosophie lange vergebens wie Luft behandelt. Kein Rezensent dort, das will er nicht vergessen, habe sich seiner angenommen. Dabei hat er allein in den USA weit über drei Millionen Bücher verkauft und ist auch mit 22 Titeln in deutschen Bibliotheken präsent.

Es mangelt ihm an intellektueller Würdigung. An Jüngern fehlt es ihm nicht. Sinn-Sucher laufen ihm zu, junge vor allem. Seine Bücher-Einkünfte und die Spenden mächtiger Sympathisanten fließen verläßlich. Davon wird er mehr als satt: »Niemals ist eine Rechnung unbezahlt geblieben.« Und nur gebetet haben er und die Seinen. Um etwas betteln haben sie nie müssen.

Im Umkreis seines Chalets »Le Chardonnet« im Bergdorf Chesieres unterhält er mittlerweile zehn andere Chalets für studentische Pilger, von denen viele nicht mehr gehen. Umsonst kann jeder zehn Tage bei ihm leben. Wer länger bleibt, zahlt mit seiner Arbeit oder täglich 15 Schweizer Franken. Sieben Dutzend Glaubens-Studenten sind auf diese Weise ständig um den Meister.

Ein Herbergsvater biblischen Zuschnitts versucht Francis Schaeffer zu sein. »L''Abri« (Zuflucht) nennt der das alles im französischen Idiom des Kantons. Tochterzellen seiner »L''Abri-Fellowship« haben sich in Amerika, England, Schweden, Holland gebildet.

Schaeffer schmeichelt sich, den Drogen-Anarchisten Timothy Leary ebenso

bei sich aufgenommen zu haben wie einen Sohn des ehemaligen amerikanischen Präsidenten Gerald Ford, einflußreiche Rechtsausleger aus dem Capitol oder Amerikas wildesten Fernseh-Agitator, den Baptisten-Prediger Jerry Falwell. Der allein hat von Schaeffers »Christlichem Manifest« 62 000 Exemplare an Mitbeter verteilt und wurde jüngst, Signal an die Nation, von Ronald Reagan im Weißen Haus empfangen.

Dem »Reformator« sagt sie zu, diese Mischung aus bibelfesten Säuberlingen und Repräsentanten von Unordnung. Jedwede Rebellion gegen eine Welt ohne (biblische) Perspektiven bestätigt ihn nur. »Alles Erdenkliche war hier schon zu Gast, außer«, das empfindet er als Manko, »deutschen Terroristen.«

So reinlich, geschwisterlich und heiter wie in Chesieres die Hospitanten von »L''Abri« miteinander beten, werkeln und schmausen, muß es Rev. Schaeffer zur Genugtuung dienen. Mit patriarchalischem Behagen präsidiert er an der Tafel und im Bethaus.

Es bedient und bewacht ihn Mike, ein starker japanischer Student aus Kalifornien. Während uns der ein von ihm bereitetes Reisgericht aufträgt, berichtet er wie unter Hypnose von seiner Glücksbeziehung zur Bibel. Francis Schaeffer spornt ihn dabei an. Glaubensbekenntnisse sind für ihn wie Kerzen auf dem Tisch.

In Bibelstunden, thronend auf einem Kachelofen, überträgt Rev. Schaeffer seinen nach Vereinfachung lechzenden Studenten die sedierende Zuversicht, schöpferisches Geschöpf und Ebenbild eines ihnen zumindest entfernt verwandten Schöpfers zu sein - wie es im Buche steht. Der Existenz des Bibelgottes, beruhigt er sie, sei er noch gewisser als der »Existenz von Edith«. Immerhin ist Edith seine Frau, die ihm »L''Abri« und sein Leben schöpferisch organisiert und darüber ihrerseits schon sieben Bücher geschrieben hat.

Sie und er begrüßen es, wenn aus dem Reisebündel seiner mittlerweile auch aus deutschen Universitätsstädten antrampenden Pilgerschaft Säuglinge schreien. Die Szene im Dorf erinnert an Friedens-Demos und Kernkraft-Gegnerschaft. Wer aber auf Rev. Schaeffer hört, der ist nicht auf dem Weg zu solchen Zielen. In der Bibel werden die nicht anvisiert.

Abtreibung, das ist der Horror, der zählt. »Wenn wir die bei uns in den Staaten abgetriebenen Kinder zusammennehmen«, das reden strahlend-junge Yankee-Boys dem Patriarchen nach, »kommen wir leicht auf die Zahl der von Hitler getöteten Juden - und wo ist da der Unterschied?« Derart verschieben sich die Eichmaße, wo sie sich einzig auf die Bibel stützen.

Schaeffer weiß: Sie paßte eher zu einer archaischen Agrargesellschaft als zu dieser, die an Computern hängt. Aber worauf es ankomme, das stehe drin. Nur auf sie bezogen gebe es verläßlich Gut und Böse. Mit ihrer Hilfe unterscheidet er das so zweifelsfrei wie Weiß und Schwarz auf dem Schachbrett oder im Wildwestfilm. Immer und überall hat für ihn die Bibel das letzte Wort, alles und jeden bringt sie, meint er, ins Lot.

Braucht einer nur noch den Glauben daran. Unsere Frage an Rev. Schaeffer: »Nimmt man den einfach an, der Perspektive wegen?« Nein, so nicht, wehrt sich der Patriarch. Ihm selber sei diese absolute Gewißheit beim inständigen, regelmäßigen Lesen der Schrift in seinem zuvor skeptischen Kopf irgendwann wie ein Licht aufgegangen. Auf einmal sah er da Antworten auf »all die offenen Fragen der abendländischen Philosophie«.

Erzogen dazu war er nicht. Sein Vater, ein deutschstämmiger Maschinist aus Philadelphia, und dessen Vater, ein Berliner

Auswanderer mit dem Eisernen Kreuz von 1871, hatten ihm geradezu vorgezweifelt.

Mit Fischen hatte er anfangs hausiert, in Farmen und Fabriken gearbeitet, bevor er mit der Philosophie und dem Predigen begann und Seelsorger wurde in St. Louis, Missouri. Von dort hat ihn die »Unabhängige Presbyterianische Mission« 1947 in die Schweiz geschickt, sich um den Versand von Liebesgaben und den Gottverstand junger Leute im kaputten Europa zu kümmern.

An seinen Wochenendgästen und den Schulfreunden seiner Kinder zeigte sich alsbald, daß seine Fähigkeit zu beharrlicher Vereinfachung und seine den Kopf besänftigende Zuversicht ansteckend waren und wie in einem Schneeballsystem Nachfrage erzeugten. Es war, als habe ihm der Guide Michelin für seinen Bibelglauben drei Sterne verliehen. Manchmal entspricht er dem selber im Stil eines werbenden Wirtes.

Letzten Sommer beim Familientreffen bauten Edith, seine Kinder, Schwieger- und Enkelkinder sich in bedruckten Trikots um ihn auf. Wahrzeichen auf ihrer Brust war nicht das Kreuz, sondern die Uhr. Alle Zeiger wiesen auf kurz vor zwölf. Schaeffer findet, es sei schon lange so spät. Er hat Krebs, und um die Welt ist es in seinen Augen wohl ähnlich bestellt.

Nach regelmäßigen Besuchen in der Mayo-Klinik widmet er sich mit dosierter Kraft der moralischen Aufrüstung Amerikas.

Im Mayfair-Hotel von Washington hat er vorigen Sommer einem Saal voller einflußreicher Freunde christliche Aspekte amerikanischer Kriegsbereitschaft ins Bewußtsein gerückt, die ihnen keine katholische Bischofskonferenz mehr liefern könnte. Wegen der Forderung Christi, einem Zuschlagenden auch noch die andere Backe hinzuhalten, brauchten sie sich danach außenpolitisch keine Gedanken mehr zu machen. »Auf Staaten übertragen«, sagt nämlich Rev. Schaeffer, dürfe man das keinesfalls. Was für ein Staat wäre das denn, »der seine Bürger nicht schützen kann«?

Ihm, Schaeffer, sage die Bibel: »Gott haßt alle Tyrannei.« Also sage er, Schaeffer: »Ich hasse den Krieg von ganzem Herzen, besonders Atomkrieg, aber es gibt in einer gefallenen Welt Situationen, wo es einen anderen Weg nicht gibt.«

Zu Moses habe Gott gesagt, man solle nicht töten, »und er empfahl doch Krieg (commended war), falls nötig«. Francis August Schaeffer ist ein Ajatollah der Heiligen Schrift. Von einem Heiligen Krieg rät er zumindest nicht ab.

Jerry Falwell hilft. In einem Bibelführer mit dem Titel »Atomic War and the Second Coming of Jesus Christ« garantiert er, das Weltende werde zumindest in den nächsten tausend Jahren nicht kommen.

Friedensbewegung - das widerspricht solchem Bibelsinn. »Die meisten dieser Leute«, sagt Schaeffer, »verstehen die Geschichte nicht.« Der Protestant Eppler, die Katholiken Rahner oder Küng gehören für seinen Geschmack unter die Geister des »säkularisierten Humanismus«, vor denen Ronald Reagan so warnt. Dieser Humanismus gilt dem kranken Schriftgelehrten als Vorstufe zur materialistischen Totalen unter dem Roten Stern.

Und das ist die Richtung, in die er sich im Namen der Schrift zu hassen erlaubt. Völlig eins mit ihm nannte Reagan das sowjetische System »das Zentrum des Bösen in der heutigen Welt«. Doch er liefert den Kerlen in Moskau Weizen, und da macht Schaeffer nicht mit. »Wir sind Narren, ihnen ihre wirtschaftlichen Probleme zu erleichtern, während sie eine Militärmaschinerie aufbauen.«

Andererseits baut er fest auf diesen Präsidenten und dessen Sinn für Säuberung: »Er weiß, es gab eine Zeit christlicher Orientierung, da war alles besser.«

Anhand der Schrift bejaht er klaglos Reagans Wirtschaftskurs: befriedigend christlich scheint ihm der. Wie ein Vater, der »seinen Kindern auf Pump nette Sachen kauft«, hätten, sagt er unisono mit dem Rückwärtsreformer im Weißen Haus, die früheren Regierungen »fünfzig Jahre lang« sozial gesündigt. Jetzt sei es leider so, daß die Kleinen dafür bezahlten. »Aber«, auch das ist für ihn absolut klar, »wir müssen leider realistisch sein. Die Bibel ist so ein realistisches Buch.«

Reiche spenden ihm. Er selbst ist eine Art Reicher, der spendet. Die biblische Gastfreiheit von »L''Abri« kostet alles in allem ihre 800 000 Dollar im Jahr. Für derlei tue wohltätiger Reichtum not.

Er hat die Schrift befragt. »Es gibt Reiche in der Bibel, und wie Besitz zu teilen wäre, sagt sie nicht.« Wohltaten von Wohlhabenden, das sei die gottgewollte Richtung, nicht Umverteilung, nicht Wohlfahrtsstaat. »Die Leute im Neuen Testament halfen einander immerzu, materiell und geistig.« Er schwört, er werde niemals predigen: »Ihr dürft 5000 Dollar auf der Bank haben, aber nicht 6000.«

Ähnlich frei betrachte man als Bibelfreund Natur. Der Mensch, der ihr zusetzt, sei immerhin Gottes Geschöpf. Zumindest im Garten des Chalets »Le Chardonnet« ist sie überdies noch völlig in Ordnung. »Wir müssen die Natur mit Würde behandeln«, sagt der Hausherr, »aber wir brauchen Energie, da wäre es Unsinn, die Energie-Erzeuger fertigzumachen.«

Dem Naturschutz ist er natürlich gewogen. Seine Meinung dazu kleidet er, wie vieles, in einen Vergleich: »Ameisen sind eine Kreatur Gottes, also sehe ich mich vor, damit ich auf keine trete. Aber in meiner Küche trete ich sie tot.«

Fast das Schlichteste an Rev. Schaeffer sind seine Gleichnisse. Auch darin ist er ein unheimlicher Heiliger.

Auf Baugerüst.

Peter Brügge
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