Sibylle Berg

Diffamierungen im Netz Die Vulgarisierung des öffentlichen Raums

Sibylle Berg
Eine Kolumne von Sibylle Berg
Erwachsene Männer arbeiten sich online an jungen Frauen ab - unter ihren Klarnamen. Warum wird der Hass wieder gesellschaftsfähig?
Der Mob tobt im Internet - aber auch auf der Straße

Der Mob tobt im Internet - aber auch auf der Straße

Foto: Lukas Schulze/ picture alliance/dpa

Wenig hat mich in den letzten Wochen mehr geekelt als eine Gruppe erwachsener Männer, die sich unter ihren Namen (so viel zum Thema Klarnamenpflicht im Netz) phantasievollen Ideen über die Benutzung von Viagra hingeben, mit dessen Hilfe, so muss vermutet werden, sie einer jungen Frau  sexuelle Gewalt zufügen wollen, die ihre Enkelin sein könnte.

Gewaltfantasien sind es, weil außer Frage steht, dass sie die Herren im öffentlichen Raum nicht einmal wahrnehmen würde. Unter den Kommentatoren: ein Politiker. Doch das nur am Rande. Das ist nur ein Beispiel von Tausenden als Meinung getarnten Entfesselungen unter Artikeln, in Fernsehsendungen, im Netz, auf der Straße.

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Der Mob, die Herrschaft der Wütenden

Das ist die brutale Vulgarisierung des öffentlichen Raumes, die heute keine Ächtung zur Folge hat, weil die Schranken der Selbstkontrolle, die in einer zivilisierten Gesellschaft geschlossen bleiben, geöffnet wurden - um die Wut der Masse zu füttern, um sie zu manipulieren, um einen Mob zu stärken.

Der Mob, die Herrschaft der Wütenden, die es überall gibt. Und die etwa in Kambodscha dazu führte, dass eine sogenannte Elite getötet wurde - und auch alle, die dem einfachen Menschen durch Andersartigkeit ein Unbehagen bereiteten: Künstler*innen, Gelehrte, Intellektuelle, Brillenträger*innen und Langhaarige. Die politisch Andersdenkenden wurden erschlagen, gefoltert, erschossen.

In Deutschland tobte die Masse ihre Unterlegenheitsgefühle, ihren Hass auf alles vermutlich Überlegene und Andersartige erst zaghaft mit dem Beschmieren von Fensterscheiben aus, dann mit dem Verbrennen von Büchern, der Schließung von Theatern, der Denunziation von Nachbarn und schließlich mit der stillschweigenden Duldung von Vernichtungslagern.

Der Mob, der johlend öffentlichen Hinrichtungen applaudiert; die grölende Masse, die jubelt, wenn jüdische Mitmenschen aus dem Fenster geworfen werden; der Pulk, der Lynchjustiz vollstreckt - wir sind scheinbar nicht mehr weit davon entfernt. Ist es das, was Menschen meinen, wenn sie sich nach der guten alten Zeit sehnen? Die Abschaffung aller zivilisatorischen Errungenschaften wie Respekt vor dem menschlichen Leben?

Entfesselte Masse sich selbst befeuernder Dumpfheit

Noch vor wenigen Jahren wäre vieles, was heute im unfassbaren Hass auf das eigene Leben herauskrakeelt wird, mit dem unweigerlichen Ausschluss aus der Gemeinschaft bestraft worden. Und Politiker wären nach Ausfällen stillschweigend von ihren Ämtern zurückgetreten.

Heute hat man sich daran gewöhnt - an bewusst eingesetzte Diffamierung, ans Lächerlichmachen, an Falschaussagen, Lügen, Hetze und an alles, was man nur als Schluckauf der menschlichen Boshaftigkeit bezeichnen kann. Es ist nicht so weit entfernt von einer entfesselten Masse  sich selbst befeuernder Dumpfheit.

Angst herrscht bei Intellektuellen und Künstler*innen, bei Politiker*innen und Oppositionellen. Was mit einer Gesellschaft passiert, die entfesselt ist, ohne Regeln und Anstand, was übrig bleibt, nachdem Denkende und Kultur vertrieben, erschlagen und unterdrückt wurden, kann man aus der nahen Vergangenheit lernen. Ein Albtraum der zerstörten Zivilisation. Die Banalität des Bösen.

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