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ERFINDER / WANKEL-AUTOBOOT Wie die Fische

aus DER SPIEGEL 4/1970

Ehrendoktor Felix Wankel, 62, erblickt die Zukunft des Menschen, wo einst auch Kaiser Wilhelm II. sie für die Deutschen sah: auf dem Wasser.

Der Erfinder des Wankel-Kreiskolbenmotors, dem die weitere Entwicklung des Triebwerks nach seinen eigenen Worten von der Industrie »weitgehend aus den Pfoten genommen« wurde, will jedermann die Freiheit der Meere erschließen. Dafür ersann er einen neuen Motorboottyp, den er »das Autoboot« nennt.

Wankels Autoboot, offenbar eine Art VW-Idee zu Wasser verkörpernd. soll den Menschen nach den Vorstellungen des Erfinders als Transportmittel so geläufig werden wie zu Lande das Automobil und dazu noch preiswert, narrensicher, komfortabel und witterungsunabhängig sein.

In großen Serien gefertigt, soll das Wankelboot zum Preis eines Mittelklassewagens (etwa 12 000 Mark) verkauft werden. Es werde, laut Wankel, nicht nur weniger kosten, sondern aufgrund seiner besonderen Bauart auch mehr bieten als Motorboote bisheriger Bauart.

Das Wankelboot hat die extrem strömungsgünstige Form eines Projektils und birgt seine Insassen unter einer geschlossenen, verglasten Kanzel, Seine Konstruktion, so Wankel, macht das Boot im Gegensatz zu herkömmlichen Motorbooten vergleichbarer Größe »völlig hochsee- und. winterfest« -- und überdies außergewöhnlich schnell: Wankeis Autoboot soll, je nach Seegang, mit Geschwindigkeiten bis zu 100 km/h durch die Wogen schneiden.

Rein rechnerisch würde dies einem Autoboot-Kapitän ermöglichen, samt Familie und Gepäck in fünf Stunden über das Mittelmeer und in zweieinhalb Tagen über den Atlantik nach Amerika zu preschen -- etwa dem Marschtempo eines VW 1300. Tatsächlich hat Felix Wankel bereits ein Schema skizziert, das die Benutzung von Autobooten durchaus nicht auf Flüsse, Seen und küstennahe Gewässer beschränkt, sondern auch ihren Massenverkehr auf transozeanischen Strecken regeln könnte.

Wankels Autoboote würden nach diesem Konzept auf breiten »Autobahnen des Meeres«, navigatorisch von Funkleitstrahl und Radar ständig geleitet und überwacht, einer Kette schwimmender Raststätten und Tankstellen folgen, die aus kreisenden Tankschiffen oder künstlichen Inseln gebildet werden könnte.

Rund 40 Jahre hatte der Erfinder über Abdichtung und Kinematik einer Rotationskolbenmaschine nachgedacht, doch fast ebenso lange grübelte er über Wasserfahrzeuge und ihre günstigste Form. Es ging ihm dabei um »eine logische Weiterentwicklung des Gedankens von Gottlieb Daimler: Jedem sein Motorfahrzeug -- zu Lande, zu Wasser und in der Luft«.

Das Auto hatte sich in kurzer Zeit -- wenn auch nicht so rasch wie das Flugzeug -- vom wetterabhängigen. offenen Gefährt zur geschlossenen Form entwickelt. Demgegenüber blieb das Boot, trotz Kajütenaufbauten, im Prinzip offen wie vor tausend Jahren. Wankel: »Es sind eben nur Nullschalen, ausgehöhlte Baumstämme.«

Ständig in Gefahr, durch überkommendes Wasser vollzuschlagen, kam das Boot im Grunde nicht über das Stadium eines Sport- und Vergnügungsgefährts hinaus. Überdies erwies sich bisher kein dem Automobil in Preis und Größe vergleichbares Motorboot als hochseefähig und winterfest. Wankel beschloß: »Die Zeit des winterscheuen Cabriolets zu Wasser muß zu Ende gehen.«

Wie sich Wankel das vorstellt, zeigt Wankeis Versuchsboot »Tigerhai«, das der Erfinder in seinem Forschungsinstitut in Lindau am Bodensee aus einem britischen Motorboot des Typs Avenger entwickelte. Das Boot ist oben völlig geschlossen, hat einen flachen, strömungsgünstigen Aufbau und eine keilartige Form, mit der es Wellenwände durchstechen soll, statt sie -- wie herkömmliche Boote -- zu überklettern. »Die Außenhaut muß überall völlig glatt sein«, erläuterte Wankel. »Auf den Fischen steht ja außen auch nichts herum.«

Ein hochseesicheres Autoboot allerdings müßte nach Wankeis Testresultaten etwa die Form eines Delphins haben, kurzzeitig tauchfähig und daher nach Art eines U-Bootes konstruiert sein. Dieses Boot, gleichsam ein Überwasser-Tauchboot, hat Wankel bereits als 1,20 Meter langes Modell gebaut und zu Testzwecken mit einem 0,6 PS starken Zweitaktmotor ausgerüstet.

Um stets eine optimal ruhige Wasserlage zu gewährleisten. aber auch hohe Geschwindigkeiten zu ermöglichen, versah Wankel seinen metallenen Fisch am Kopf und am Schwanz mit Gleitflächen, die an die Tiefenruder eines U-Boots erinnern. Es handelt sich jedoch nicht um ein Tragflügelboot (dessen Geschwindigkeit aus technischen Gründen begrenzt ist). Vielmehr konstruierte Wankel »eine Kombination von sicherem Verdrängerrumpf und freistehenden Gleitflächen«, wie der Erfinder im schiffsbautechnischen Vokabular erläuterte. Das Boot, unsinkbar ohnehin, werde sich, so versicherte Wankel, auch aus extremen Lagen von selbst wieder aufrichten.

Auch alle übrigen technischen Probleme eines Autoboots glaubt Wankel gelöst zu haben. Positionslampen und Signalhorn beispielsweise verlegte er aus Sicherheitsgründen schon beim Testboot »Tigerhai« nach innen.

Ebenso erprobte er bereits ein zuverlässig funktionierendes Luftzuführungssystem, das Passagiere und Motor durch zwei nüsternartige Öffnungen in der Frontscheibe mit Luft versorgt. Ein Fühlgerät, das gegen Vereisung gesichert ist, schließt die Nüstern, sobald selbst nur Spritzwasser in die beheizte Kabine einzudringen droht. Überdies müssen Motor, Batterie, Vergaser und Anlasser -- wie im Kunstflugzeug -- auch bei Rückenlage funktionieren.

Freilich, wer sich dem selbstverständlich von einem Wankelmotor gequirlten Autoboot Felix Wankels bei auch nur halbwegs rauher See anvertraut, muß fraglos über alle Maßen seefest sein.

Und wie die Schiffsbau-Experten auf seine Pläne reagieren werden, glaubt der Erfinder auch schon zu wissen: »95 Prozent von ihnen werden lächeln.«

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