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Provokation Wie die Nase eines Mannes

aus DER SPIEGEL 22/1996

Gesichter voll süßlicher Leere, die Haare artig gescheitelt, die Schuhe auf Hochglanz poliert: Wohlgefällig-sterile Körper stehen im Londoner Institute of Contemporary Art herum - wären nicht die vielen Vaginen und Penisse, die wie Blutegel auf den Plastikpuppen kleben. »Wir machen das, weil wir es gern angucken«, sagen die Künstler Jake und Dinos Chapman, die sich seit 1993 als Gen-Ingenieure an Schaufensterschönheiten betätigen. Kinderpuppen verschmelzen bei den Brüdern, die einst Assistenten der Körperkünstler Gilbert und George waren, zu siamesischen Zwillingen - erstarrt in autoerotischer Akrobatik. Eine andere Puppe reitet auf einem Kentaur und klammert sich an dessen Hörner: zwei stramme Penisse. Warnen wollen die Chapmans mit ihren Geschlechtsnomaden vor dem Perfektionswahn allmachtsbesessener Genforscher: Geschundene Schaufensterpuppen protestieren gegen genormte Schönheitskörper und die erotische Langeweile einer mit Geschlechtsteilen durchsetzten Welt. Sigmund Freud kommt auch zu seinem Recht: In der Ausstellung »Chapmanworld« (bis zum 14. Juli) hat ein »Daddy Chapman« sein Zuhause. »Als gute, ödipale Söhne haben wir ihm den Kopf abgehackt«, berichtet Jake - und ihn so zugleich kastriert, denn Papi trägt einen erigierten Nasenpenis im Gesicht. »Jetzt«, meint Dinos, »kommen wir viel besser mit ihm zurecht.«

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