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MUSIK »Wie eine Frau, wenn sie gebiert«

Er besingt Sonne, Mond und Sterne in gigantischem Klangschwulst und feiert sich selbst als den »wohl erfolgreichsten klassischen Komponisten unserer Zeit«. Aber keiner kennt ihn. Peter Hübner, ein selbsternanntes »Rätsel« der Tonkunst, hat jetzt auf einen Schlag 144 CDs mit eigenen Werken veröffentlicht. Von Klaus Umbach
Von Klaus Umbach
aus DER SPIEGEL 43/1997

Groß und geheimnisvoll ist der Zauber der Musik. Andächtig bestaunt der Erdkreis die Werke der Klassik, mit wohligen Schauern strömt das Publikum an die heiligen Stätten der Erbauung: nach Bayreuth, in die Scala, an die Met und demnächst - die Zeichen mehren sich - auch nach 34295 Edermünde 1. Dort, unweit von Kassel, enthüllt jetzt der Komponist Peter Hübner, 57, seinen Gral.

Noch ist Hübner ein No-Name. Seine Musik? Nie gehört. Seine CDs? Nicht am Lager. Kein Lexikon, keine Enzyklopädie, kein Katalog nimmt bislang Notiz von ihm. Den Mann, der sich als den »wohl erfolgreichsten klassischen Komponisten unserer Zeit« besingen läßt, kennt in der Branche niemand.

Ist dieser Hübner ein Spinner, ein Scharlatan, Strohmann, Münchhausen der Musik, vielleicht ein Alien aus dem Universum, gar ein Phantom oder eine Reinkarnation?

In jedem Falle, so streut der Geheimnisträger aus, sei er ein »in der Musikgeschichte einmaliger Fall«, dessen »Rätsel« bis heute nicht »gelöst oder geklärt werden konnte«.

Dabei gibt es ihn leibhaftig. Als sich die Tonangeber des Musikbetriebs jüngst in der Hamburg Messe zur Klassik Komm.97 trafen, nahm die Erscheinung in Halle 4 Stand 4012 Gestalt an: ein leicht untersetzter Vegetarier mit Brille, rosig im Teint, beige gewandet, gestrichen voll Selbstbewußtsein und überbordendem Schaffensdrang.

Als »Tonschöpfer« lasse er »nur raus, was in mir gewachsen ist«, kommentiert er seinen unglaublichen Output, »genau wie eine Frau, wenn sie gebiert«. Er lege »Eier wie eine Bienenkönigin«; da er mit drei bis fünf Stunden Schlaf auskommt, kreißt er die restliche Nacht und den lieben langen Tag im tönenden Kosmos und entbindet sich pausenlos von Eingebungen, die »an natürlicher Harmonie und musikalischer Tiefe ihresgleichen suchen«. Dabei sei er immer »der Elefant« und die Musik »nur die Mücke«, die er »beiseite schiebt«. Kurzum: Der Mann ist Musik.

Um dem bislang ahnungslosen Publikum endlich Augen und Ohren zu öffnen, war für Hübners Auftritt in Hamburg eigens eine Art Akropolis aus Pappe und Sperrholz errichtet worden, an deren Friesen, Säulen, Pilastern und Stelen nur von ihm die Rede war: Hübner, Hübner, nichts als Hübner.

Ein (betagtes) Porträtfoto des Unbekannten, dutzendweise plakatiert, belegte, daß es ihn gibt. Vollmundige Ergebenheitsadressen dokumentierten ein Feedback selbst aus entlegenen Winkeln der Welt: Hübner, lobte da ein Professor Rubin Abdullin aus dem russischen Tatarstan, schaffe »höchste Qualität in der Tradition der großen klassischen Komponisten«.

Aus den Kopfhörern, die für neugierige Messegäste bereitbaumelten, rauschte nichts als Stücke von Hübner; auf den Verkaufsständen stapelten sich lauter CDs von Hübner; aber erst ein überdimensionales Faltblatt aus Kunstdruckpapier enthüllte das ganze Ausmaß von Hübners tonschöpferischer Massenproduktion. So was hat die Welt noch nicht gesehen, geschweige gehört:

Klavierkonzerte, Cellokonzerte, Violinkonzerte, Glockenkonzerte. »Hübner plays Hübner« auf der Gitarre und dem Pianoforte, Folgen I, II, III. Sonnen-, Mond-, Sternensinfonie. Hymnen der Sonne, des Mondes, der Winde - sämtlich länger als Beethovens Neunte.

Acht Hymnen der Planeten, acht Sinfonien der Planeten, »Hymnen der Dome« und eine allein über 16 CDs gelängte »Stimme der Dome«, 16mal »Metamorphosen für Holzbläser und großes Streichorchester«, alle »Adagio« untertitelt, alle zum Heulen langsam, gaaanz langsam.

Höhepunkt der orgiastischen Tonschwemme aber ist »Die Kunst des Weiblichen«, aufgedröselt in »7 Pfade der Zuneigung« und »7 Pfade der Harmonie«, jeder Pfad wiederum geteilt in 16 numerierte Varianten von »Besinnung«. Macht allein 32 Tonträger mit rund 30 Stunden säuselnder Pfadfinderei durch das Mysterium Frauenzimmer.

Bei all dem spielt kein Orchester auf, keine Klaviertaste wird gedrückt, keine Gitarrensaite angezupft - den ganzen Everest aus Tongut bewältigt Peter Hübner allein. Als Solist am Synthesizer ist er und nur er sein Interpret - ein wahrhaft kostensenkender Alleingang.

Mit einem Schlag 144 preßfrische Silberlinge, zum horrenden Stückpreis von 38 Mark, auf den kränkelnden Klassikmarkt zu werfen bedeutet Weltrekord - Beethoven ist ein Fuzzi dagegen. Denn mit seiner CD-Lawine schlägt Hübner den toten, tauben Kollegen aus Bonn, dessen Gesamtwerk die Grammo gerade in ihrer »Complete Beethoven Edition« auf 87 CDs ausbreitet, um Längen.

Was für ein schöpferischer Gigant! Mal müde vom ewigen Quell innerer Inspiration? Mal ausgelaugt oder abgeschlafft? Nicht die Bohne. »Was ich leiste, ist nichts Besonderes«, sagt Hübner: »Komponieren kann jeder«, das sei »wie Atmen«, »das Natürlichste von der Welt«.

Vergleichbares wie in Edermünde 1 dürfte sich, wenn überhaupt je, zuletzt vor mehr als 200 Jahren zugetragen haben. Da bedachte ein Bub aus Salzburg die Musikwelt mit so viel Kostbarkeiten, daß ihn sein späterer Biograph Wolfgang Hildesheimer »ein unverdientes Geschenk an die Menschheit« nannte. Mit Mozart, schwärmte der Dichter, habe »die Natur ein einmaliges, wahrscheinlich unwiederholbares Kunstwerk hervorgebracht«.

Bis vor kurzem war da was dran: Ein ähnliches Geschenk des Himmels ließ auf sich warten, ein zweiter Amadeus war weit und breit nicht in Sicht. Niemand ahnte, daß mitten in Deutschland der Sohn eines thüringischen Schuhfabrikanten zum Mirakel des Jahrhunderts reifte.

Daheim, in Erfurt, hatte Klein-Peter noch nicht viel mit Musik am Hut, »ein bißchen Mundharmonika, ein wenig Schifferklavier«, »das war schon alles«. Eines Tages - die Familie war inzwischen nach Hessen verzogen und der Laienspieler »so um die 16« - hörte er zufällig »etwas Klassisches«. Das gefiel ihm, er besorgte sich ein paar Partituren, »Wagner, Beethoven und so«, die konnte er, o Wunder, auf Anhieb lesen und, Wunder über Wunder, er vermochte selbst welche zu schreiben.

»Das Wissen war plötzlich da«, beschreiben Hübners »Biographische Daten« den ungeheuerlichen Vorgang, »er war über Nacht Komponist«. Hatte Vater Leopold Mozart seinem Filius den rechten Tonsatz noch einbleuen und manch kindlichen Fehltritt austreiben müssen, so schien der junge Hübner gleich fix und fertig.

Er »setzte sich an den Schreibtisch« und »schrieb dort ohne Instrument Sinfonien und Konzerte«, sogar »ganze Opern - im Stil von Richard Strauss«, also nicht von Pappe, sondern richtige Schinken. Dabei hat er selbst bis heute »außer ,Aida', ,Parsifal' und noch einem Stück« im Musiktheater nichts erlebt. Ein phantastisches Naturereignis muß sich damals im Kasseler Raum abgespielt haben - so wie es in dem Roman, Film und Bühnenstück »Schlafes Bruder« den orgelnden Bauernjungen Elias überkommen hat, der auf einmal vor lauter Klanggebraus nicht mehr wußte, wo ihm der Kopf stand. Nur: Elias knallte durch, Peter strebte höher, ins Akademische.

An der Kasseler Musikakademie indes konnte ihm »keiner mehr was beibringen": »Ich wußte ja alles.« Daraufhin wechselte er an die Kölner Musikhochschule, wo er angeblich, »obwohl immatrikuliert«, »als die ganz große Ausnahme von allem Unterricht befreit« war.

Genau das bestreitet das Institut heute: »Ein Studium von Herrn Peter Hübner« sei »nicht nachweisbar«; er sei »aufgrund seiner nicht eindeutig nachgewiesenen Begabung probeweise für das Wintersemester 1965/66 aufgenommen« worden, habe vergebens »einen Antrag auf finanzielle Unterstützung« gestellt und dann einen zweisemestrigen Urlaub haben wollen; »danach verliert sich seine Spur«.

Immerhin baute sich der ominöse Student in seiner Kölner Bude im Stadtteil Nippes ein eigenes Tonstudio, will auch von dem bedeutenden Neutöner Bernd Alois Zimmermann ("Die Soldaten") gefördert worden sein und wurde von dem rheinischen Elektronik-Guru und Stockhausen-Mitstreiter Herbert Eimert als »spezielle Begabung« klassifiziert.

Unter seinen vier Opern, behauptet Hübner, sei das Stück »Fluch oder Segen: doch«, in dem der Teufel als Schöpfer der Welt auftritt, sogar von Oscar Fritz Schuh, dem Intendanten in Köln und früher am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, »mit größtem Interesse begutachtet worden«.

Nachweisbar ist nur eine echte Hübner-Premiere: 1968 wurde sein Opus »Energie 1« bei der Berliner »Woche der experimentellen Musik« uraufgeführt - ohne nachhaltige Resonanz.

Verwirrt von der Neutöner-Szene, suchte Hübner das Weite. Er durchstreifte die Kontinente, erforschte die »großen Musiktraditionen der Welt« und ließ sich im Frühjahr 1968 von der »Bundesregierung über das Auswärtige Amt unter Willy Brandt« seine Ausbildung in Indien »zum Lehrer für Transzendentale Meditation (TM) bezahlen«.

Als Jünger der inzwischen weltweit verbreiteten Sekte pilgerte er sogar in Richtung Himalaja, zum Sitz des Gurus Maharishi Mahesh Yogi. Was immer ihm in der Höhenluft auch widerfahren sein mochte - den Eingeweihten überkam »in aller Stille« ein radikaler Sinneswandel.

»Rhythmisch strukturierte Musik«, in der abendländischen Tradition die Norm, empfand er auf einmal als »schädlich für den Organismus«; das Schaffen der Avantgarde kam ihm nun als »Entartung« und »Hokuspokus« vor. »Dissonant«, urteilte Hübner nach seiner Wende, sei einfach »alles, was der einfache Bürger auf der Wiese nicht hören will«.

Deshalb sei es auch notwendig, »alle Musikhochschulen aufzulösen«. Die etablierten Orchester sollten ihren Nachwuchs lieber »mit Musikern aus einer Dorfkapelle« bestreiten. In den Jurys der Musikwettbewerbe säßen »nur inkompetente alte Leute, die nichts hören und nichts verstehen«.

Statt, wie früher, elektronische Experimente voll raffinierter Disharmonien und unerhörter Klangreibereien zu notieren, verschrieb sich Hübner nach seiner Rückkehr ins mitteleuropäische Flachland ganz der »natürlichen Verbindung von Individuum, Gesellschaft und Ökologie« und feierte diese Dreifaltigkeit mit lauter Wohlklang in Aspik - Stücke so klitschig wie Gummibärchen und wabbelig wie Götterspeise.

Ob »Hymnen« oder »Metamorphosen«, ob von den Gestirnen inspiriert oder den weiblichen Künsten befruchtet - in Hübners gigantischem Xuvre verlustiert sich fast immer eine primitive Oberstimme, die gefühlsduselig durch simple Dreiklänge und alterierte Akkorde geistert.

Es zirpt mal hier, es braust mal da; harmlose Kaskaden rauschen in Terzen und Quinten nieder, und in Terzen und Quinten rauscht das Ganze wieder aufwärts in ein Elysium tönender Öde. Musik ohne Biß, Klänge ohne Rückgrat, ein pseudo-philharmonisches Schaumbad, lau und quälend langweilig.

Genau das Richtige, muß es Hübner gedämmert haben, um den gestreßten Normalo der Leistungsgesellschaft in Klangschwaden zu hüllen und mit viel reinem Dur ins esoterische High zu verschaukeln.

Jedenfalls bündelte der Heilsbringer sein Selbstgemachtes alsbald unter dem Titel »Medizinische Resonanz Therapie Musik«, gab sie (unter Berufung auf Pythagoras) als numerierte »Präparate« (etwa »RRR 781") aus und fand mit den digitalen Schlafmitteln - heute hat er 56 verschiedene CD-Pharmaka im Angebot - sogar Einlaß ins Sortiment von Apotheken.

In Edermünde 1, beteuern Hübner und seine Entourage, gehe alles mit rechten Dingen zu. Was immer an ominösen Einrichtungen unter der dortigen Anschrift »Rainsborn 1« firmiert: »Aar Edition«, »United Productions«, »Enjoy Records«, »Micro Music Laboratories« - es steckten »keine Sekte«, »nichts von Scientology« und »keine weltanschauliche Kommune« dahinter. Und mit den in Deutschland inzwischen übel beleumundeten TM-Organisationen sei Hübner »seit 1987 nicht mehr assoziiert": Er widme sich »wieder ausschließlich freischaffend der Kunst«.

In der auf wundersame Weise wohlhabenden Atmosphäre der hessischen Geisteskolonie herrscht offenbar ein erfreulicher Gemeinsinn: »Hier sorgt jeder für jeden«, »bei uns gehört alles allen«. Peter Hübner, sagt ein Vertrauter, sei »das geistige Zentrum einer Lebensform, die nur mit dem früheren Bauhaus verglichen werden« könne.

Im säuseligen Singsang seiner Synthesizer-Klänge träumt Hübner seit langem von einem futuristischen Wolkenkuckucksheim, wo alle seine Machwerke endlich so erklingen sollen, wie er sie in seinem Kopf vernimmt - »wunderbar«.

»Schon bald« dürfte »in einer deutschen Großstadt« - »das steht bereits fest« - der Grundstein für seine »Philharmonie des nächsten Jahrtausends« gelegt werden, entworfen in der vielkantigen Form eines geschliffenen Brillanten und deshalb »Diamanthalle« geheißen.

In diesem hochkarätigen Bollwerk modernster Akustik und Wiedergabetechnik werde allerdings nicht nur Hübners unüberschaubares Gesamtwerk eine angemessene Beschallung erfahren; hier soll »auch eine Beethoven-Sinfonie endlich so zu Gehör gebracht werden, wie der Komponist sie in seinem Innern vernommen hat«.

Etwaige Mängel in der Inspiration des Kollegen wird Hübner ausbügeln. Da die Oldies in seiner Diamanthalle »womöglich ein bißchen dünn klingen könnten«, wird er die Partituren ausbessern und aufpeppen. Noch ein Wunder - aus der »Eroica« wird so endlich ein brauchbares Stück.

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