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Literatur »Wie einer zum Nazi wird«

aus DER SPIEGEL 49/1994

Der Tag, an dem die Verwandlung stattfand, läßt sich datieren: Es ist der 27. Februar 1933, der Tag des Reichstagsbrandes. An diesem Tag verwandelte sich Dr. Gottfried Benn, der Arzt und Dichter, in einen Nationalsozialisten. Frei nach Kafka: Als Gottfried Benn Samsa an diesem Morgen aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.

Geht das überhaupt? »Verwandelt sich jemand, der gestern noch ein Mensch, ein Arzt, ein Künstler war, einfach über Nacht in ein faschistisches Geziefer?« fragt Klaus Theweleit, der Freiburger Literat und Benn-Liebhaber. Und muß einsehen: Es geht.

Es ging. Benn selbst bezeugt es. Wir haben es schriftlich, wir haben seinen »Verwandlungsbrief«.

An jenem 27. Februar schrieb Benn seinem Freund Egmont Seyerlen, einem ehemaligen Schriftsteller, der sich seinerseits soeben verwandelte, in einen Nazi-Kollaborateur nämlich, der sich anschickte, den neuen Machthabern als Spezialist für die Enteignung von Gewerkschaftsvermögen an die Hand zu gehen. »Die Revolution ist da, und die Geschichte spricht. Wer das nicht sieht, ist schwachsinnig«, rechtfertigte Benn seine Metamorphose. »Dies ist die neue Epoche des geschichtlichen Seins, über ihren Wert oder Unwert zu reden, ist läppisch, sie ist da.«

Ein »unheimliches Dokument« nennt Theweleit diesen Brief, der »zeigt, wie Benn zum Terroristen wird«. Keine Gegenwehr mehr, keine Distanzierung, statt dessen - »beinah zufrieden« - die totale Kapitulation vor dem totalen Staat. Bis dahin waren für den Expressionisten Benn Geist und Macht, Kunst und Macht »die allergegensätzlichsten Pole«. Jetzt fallen sie in eins, werden identisch.

»Es ist der Moment, in dem der Kunst-Pol ins Feuer fliegt«, so Theweleit. Der Moment auch, in dem sich Gottfried Benn, »Dr. Orpheus«, an den Machtpol ankoppelt und auf die Kollaboration mit dem Nazi-Staat einläßt. So, wie sich auch Knut Hamsun an den Nazi-Machtpol anschloß. So, wie sich andere mit anderen Machthabern einließen - Ezra Pound mit Mussolini, Elvis Presley mit Richard Nixon, Andy Warhol mit den Konzern-Mächten von Campbell''s bis Mercedes-Benz.

»Orpheus am Machtpol« ist der Untertitel des zweiten Teils von Klaus Theweleits »Buch der Könige«, jenem monumentalen »work in progress«, an dem der Freiburger Freelance-Germanist seit mindestens 16 Jahren arbeitet, fast seit seiner berühmten Doktorarbeit von 1977 über »Männerphantasien« (SPIEGEL 52/1977).

Gemeint sind die Kunst-Könige, namentlich die Dichterfürsten, die Herrscher im Kunst-Reich. Vor sechs Jahren, im ersten Band des »Buchs der Könige«, untersuchte Theweleit am Modell von Orpheus und Eurydike die Paar-Beziehung zwischen Künstlern und ihren Frauen und stellte die These auf, daß Kunst mit Menschenopfern, vorzugsweise mit Frauenopfern, erkauft wird. Frauen, schreibmaschinenkundige, Manuskripte erstellende Diktat- und Aufschreibengel, kurz: Recording Angels, werden dem Hades geopfert, damit Kunst, damit Literatur zustande kommt. Orpheus ist der Überlebende, Eurydike ist das Opfer; er verwandelt Schmerz in Kunst, sie schweigt und stirbt.

Ging der erste Band des »Buchs der Könige« der Frage nach, wie Orpheus, der Prototyp des Künstlers als Weltverwandler, es mit der Liebe hält, fragt jetzt der zweite Teil (der auf zwei Bände mit insgesamt 1750 Seiten angeschwollen ist), wie Orpheus es mit der Macht hält*. Der Brückenschlag zurück zu den »Männerphantasien«, in denen etwa aus der Freikorps-Literatur heraus eine neue Faschismus-Theorie entwickelt wurde, ist offensichtlich und Theweleits Absicht: »Man kann dies hier lesen als ihren genuinen dritten Band.«

Es ist ein Werk in Theweleits typischer Endlosbauweise, eine lockere Text-Bild-Montage, die ihre narrativen und illustrativen Mittel gleichwertig ein- und sich über akademische Verfahrensregeln fröhlich hinwegsetzt - weniger ein »Theorie-Epos« (wie Rüdiger Safranski das nannte) als vielmehr eine Fakten-Saga über Fiktionen, die alle Theorieansätze der germanistischen Interpretationszunft zum Werk und zum Leben von Künstlern unterläuft. Tausende Seiten umfaßt dieses work in progress inzwischen, Tausende Seiten könnte es auch noch weitergehen - ein uferloses, sich selbst entgrenzendes Projekt über Literatur und Liebe, Literatur und Frauenleiber, Literatur und Macht.

Theweleit schreibt Künstler-Geschichten, Liebes-Geschichten, Macht-Geschichten - und er schreibt sie wie kein anderer im deutschen Sprachraum. Er schreibt in _(* Klaus Theweleit: »Buch der Könige 2 - ) _(Orpheus am Machtpol. Recording Angels'' ) _(Mysteries«. Stroemfeld-Verlag, Basel und ) _(Frankfurt am Main; 1750 Seiten; zwei ) _(Teilbände, zusammen 148 Mark. ) Exkursen, die Differenz zwischen Zitat und Kommentar scheint aufgehoben, übergeführt in eine Art Erzählstrom, in dem die Bild-Materialien schwimmen wie Inseln. Erzählt werden Geschichten darüber, wie und warum Künstler-Könige den Kunst-Pol aufgaben und auf den Weg zum Macht-Pol drifteten. In Theweleits Diktion: vom Narziß über den Narcotic zum Nazi.

Heimlich miterzählt sind naturgemäß die ideologischen Scharmützel, die der linke Querdenker Theweleit seit 1968 mit seinen Widersachern von rechts und links auszufechten hatte, wenn es darum ging, den Kunst-Pol gegen politische Kurzschlüsse und Machtpol-Anschlüsse - egal, ob rechts oder links - zu verteidigen. Gegen alles Block- und Lagerdenken schreibt er an, geradezu obsessiv. Dabei hilft ihm ein selbsterfundener Begriff, mit dem Theweleit von allem Anfang an operiert: der Begriff des Nicht-zu-Ende-Geborenen, des unfertigen, ungenügend belebten Körpers, der sich über andere (Körper oder Medien, in Theweleits Diktion: Pole) weiterzuentwickeln und zu Ende zu gebären sucht.

In den »Männerphantasien« wurden als solche Nicht-zu-Ende-Geborene die präfaschistischen Freikorps-Männer eingeführt: soldatische Männer, die ihre Körper übers Militär, durch muskulären Umbau und durch Einpassung in feste Befehlsstrukturen modellierten, sich emotional panzerten gegen die Frau, also gegen die Angstlust am Zerfließen, Entgrenzen und Auflösen, und so zu einem Gefühl von Ganzheit gelangten - durch Ausübung von Gewalt.

Auch im »Buch der Könige« ist der Nicht-zu-Ende-Geborene die Hauptfigur - diesmal als Künstler. Statt über militärischen Drill versucht der Künstler sich über Liebes-, Kunst- oder Machtbeziehungen weiterzugebären, zu wachsen und sich selbst zu vermehren (und sei''s auf Kosten der Verminderung anderer). Die Ausstrahlung des Machtpols sei so stark, daß sie alle anderen Verbindungen des Körpers auslösche; der Anschluß an die Macht koste den Künstler die Kunst, unter anderem.

Insofern sind Theweleits Künstler-Geschichten exemplarische Erzählungen eines linken Moralisten: Die Macht wird als das schlechthin Böse kategorisch dämonisiert, das Paktieren des Künstlers mit ihr wird als grundsätzlich übel dargestellt. Klaus Theweleit mißt da mit einerlei Maß.

Auch mit der beliebten These von der besonderen Faschismus-Anfälligkeit rein ästhetischer Positionen gibt sich Theweleit gar nicht erst ab. Sein Arbeitsmotto lautet: »Will man beschreiben, wie einer Nazi wird, muß man ermessen, wer er vorher war.« Nirgends folgt er dieser Losung eingehender und penibler als im Falle Gottfried Benns.

Zwanzig Jahre lang hat der dichtende Berliner Hautarzt als unbezahlter Lyriker und schlechtbezahlter Mediziner ("Underdoc") unbeirrt am Kunst-Pol festgehalten. Dann, von 1929 an, gerät Benn, eher zufällig und jedenfalls unschuldig, in einen »Rezensionskrieg zwischen verschiedenen Teilen der Linken um das ,richtige Schreiben'' im Kampf gegen den Faschismus«. Er wird zum Punchingball in einer Zeitungsfehde gemacht, die eigentlich zwischen Max Herrmann-Neisse, Egon Erwin Kisch und Johannes R. Becher tobt.

Gegen den journalistischen Rufmordversuch wehrt sich Benn mit journalistischen Mitteln - und als Journalist beginnt er nach rechts zu rutschen, bis hin zu seinen Hitler preisenden Radioreden 1933. »Der Dichter verbirgt sein Haupt in Scham; der Journalist reißt frech die Schnauze auf - und wird politischer Faschist«, so Theweleits Befund, getragen von einem massiven und das ganze Buch durchwirkenden Ressentiment gegen Journalisten.

Solange »Benn ackert und schuftet, im Spannungsfeld der auf die zwei Hufeisenpole ,links'' und ,rechts'' schrumpfenden Welt einen dritten Pol unter Spannung zu halten, den Pol Kunst«, so lange gehört ihm Theweleits differenzierungsbereite Sympathie. Kaum aber läßt er sich mit den Journalisten-Schuften ein, gibt auch sein Erzähler Theweleit das Ackern am Pol Differenzierung auf und rutscht in eben jene Haudrauf-Argumentation, zu deren Widerlegung das »Buch der Könige« doch erklärtermaßen geschrieben wurde.

Es unterläuft ihm, als vorwurfsvolle Frage an Benn formuliert, der Satz: »Muß man sich gleich mit Hitler einlassen, nur weil man sich über ein paar Kerle schwarz ärgert - Kerle wie Becher, Kisch, Kracauer, Ihering?« Benn ist mit Kisch und Becher in den Clinch gegangen. Daß Theweleit hier auch die gar nicht betroffenen Kritiker Siegfried Kracauer und Herbert Ihering hineinzieht, desavouiert ihn selbst: Da verrät sich ein Furor, der gegen »Kerle« loswettert, nur weil sie links sind.

Im ersten Band des »Buchs der Könige« führte Theweleit Gottfried Benn, den Büchnerpreisträger von 1951, als eine Art Frauenmörder vor: Er habe seine Ehefrau und Sekretärin Herta 1945 sterben lassen - »eine Art Mord« -, um dann ihren Tod im Gedicht ("Orpheus'' Tod") zu besingen und damit seine bereits vertrocknete lyrische Produktion neu sprießen zu lassen. Im zweiten Band erzählt Theweleit nicht nur, wie und warum Benn zum Nazi wurde, sondern auch, wie lange er es blieb und wie er seine fatale Ankoppelung an den Machtpol von Hitler & Goebbels selbst wieder löste.

1933 hielt er seine berüchtigten Rundfunkreden mit ihrem Kotau vor Hitler ("Der neue Staat und die Intellektuellen") und ihrem Gefasel von der Züchtung des neuen faschistischen Menschen. Aber nach nur 20 Monaten NS-Delirium hat sich Benn, »der schäbige Meinungsjournalist, der elende politische Faschist«, selber entnazifiziert. Er ließ Berlin hinter sich und ging als Sanitätsarzt der Reichswehr nach Hannover. »Raus aus allem; und die Reichswehr ist die aristokratische Form der Emigrierung!« lautet am 18. November 1934 sein knappes Aviso an den Brieffreund Oelze. Und am 7. April 1935 resümiert Benn, der Ex-Nazi, gleichfalls Oelze gegenüber: »Um zu neuen Resultaten zu kommen, muß ich mich und will ich mich erst wirklich umbauen lassen, völlig renovieren am Gehirn, Blick, Milieu, Lebenshaltung ( . . .), und wenn das keine neue Häutung ergibt, will ich keine Schlange sein.«

Zum Glück des Buches findet Theweleit aus all den Nazi-Krämpfen wieder heraus und wendet sich einem Gott seiner Jugend zu - Elvis Presley, seinem »Orpheus in Gold«, einem erholsamen Gegenstück zu den verbiesterten Faschisten Benn, Pound, Hamsun oder Celine, wiewohl auch dieser Orpheus mit der Macht gemauschelt hat.

Auf aberwitzig skurrile Weise: 1970 sprach King Elvis bei Präsident Nixon im Weißen Haus vor, um sich einen Spezialausweis als Drogenfahnder vom »Federal Bureau of Narcotics and Dangerous Drugs« zu verschaffen. Was auch gelang: Nixon lancierte eben, als Ablenkung vom Vietnamkrieg, eine Anti-Drogen-Kampagne, da kam ihm der Mega-Rocker Elvis als Kampagnereiter zupaß. Was Tricky Dick nicht wußte: Narziß Presley war selber ein schwerer Narcotic und wünschte sich das magische Emblem eines »Federal Narc« einzig, weil ihm die Plakette das Recht verlieh, jede verbotene oder verschreibungspflichtige Droge bei sich zu führen.

So zeigt die Konstellation des Orpheus am Machtpol, soweit Klaus Theweleits Auge reicht, nur katastrophische Beispiele. Bis auf dies: »Nur bei einem Ausnahme-Mann ging es ohne Katastrophe - Nähe zum Machtpol bei vollem Erhalt des poetischen Schreibens plus Abneigung gegen Diktatoren: Thomas Mann.« Na bitte. Y

»Der Anschluß an die Macht kostet den Künstler die Kunst«
*VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:

Klaus Theweleit *

gilt seit seinem Traktat über »Männerphantasien« (1977) als Fachmann für Psychohistorie. Mit dem »Buch der Könige« beschreibt der Freiburger Germanist nun die Kehrseite des Dichtens. Im ersten Band stellt Theweleit, 52, die Poeten als skrupellose Unterdrücker ihrer Frauen dar. Im zweiten prangert er ihre naive Identifikation mit den Machthabern an.

* Klaus Theweleit: »Buch der Könige 2 - Orpheus am Machtpol.Recording Angels'' Mysteries«. Stroemfeld-Verlag, Basel und Frankfurtam Main; 1750 Seiten; zwei Teilbände, zusammen 148 Mark.

Sigrid Löffler
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