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ERDBEBEN Wie Hefekuchen

Über einer der unruhigsten Bruchzonen der Welt, dem kalifornischen San-Andreas-Graben, heult sich die Erdkruste aus. Ein großes Beben warnen Forscher, könnte dort 12 000 Menschen das Leben kosten.
aus DER SPIEGEL 19/1976

Im Ort rührt sich nur was, wenn die Teenager ihre Autos heulend starten. Die windige, sandige Umgebung beleben allenfalls Kojoten, Eselhasen und Klapperschlangen.

Doch nun ist Palmdale in Kalifornien, 50 Kilometer nordöstlich von Los Angeles am Rande der Mojave-Wüste, aus seiner Provinzverschlafenheit buchstäblich aufgetaucht: Das Nest von 13 500 Seelen liegt genau im Zentrum eines Areals, in dem sich die Erde ausbeult.

Um einen Viertelmeter, so erkannten Wissenschaftler vom amerikanischen Geologischen Bundesamt bei neuen Vermessungen, muß sich Palmdale Anfang der sechziger Jahre unbemerkt gehoben haben. Die gesamte Hebungszone aber erstreckt sich über 12 000 Quadratkilometer beidseits eines der unruhigsten Erdbebengürtel, des San-Andreas-Grabens.

An dieser rund 1000 Kilometer langen Spalte stoßen zwei gewaltige Blöcke der Erdkruste derart zusammen, daß sie sich sichtbar gegeneinander verschieben. Die nordamerikanische Kontinentalplatte schwimmt dabei auf dem plastisch-heißen Erdmantel mählich nach Südosten, die pazifische Platte mitsamt der südkalifornischen Küste dagegen nach Nordwesten (siehe Graphik).

Hielte die Bewegung gleichmäßig an, würde Los Angeles in zehn Millionen Jahren direkt westlich von San Francisco liegen; heute sind die Städte noch nahezu 600 Kilometer entfernt. Erschütterungen in diesem Bereich verzeichnen Seismologen deshalb beinahe täglich. Sie entstehen dadurch, daß sich die Platten wohl durch Wallungen im Untergrund aneinander schürfend weiter verwerfen. Katastrophale Stöße und Schwingungen sind jedoch immer erst zu gewärtigen, wenn der Druck im Erdinnern durch Reibung der Gesteinsschichten gestaut wird und sich nur mit einem Ruck entladen kann -- so wie 1906 bei dem Erdbeben von San Francisco.

Noch sind sich die US-Geologen nicht schlüssig, ob die Beule von Palmdale als harmlose geophysikalische Kuriosität oder als böses Omen zu werten sei. Immerhin erinnern sie nun an ähnliche Fälle:

* Chinesische Forscher haben vor dem Erdbeben in der Mandschurei im Februar 1975 Aufwürfe der Erdoberfläche in der Provinz Liaoning entdeckt.

* Eine Hebung, wenngleich nur geringfügig, ging auch dem letzten großen Beben an der San-Andreas-Spalte voraus, bei dem 1971 im San-Fernando-Tal 64 Menschen ums Leben kamen.

* Schon 1964 war im japanischen Niigata eine weitraumige Hebung um fünf Zentimeter beobachtet worden, kurz bevor bei einem Beben 24 Einwohner unter den Trümmern der Stadt starben.

Daß die Erdkruste wie ein Hefekuchen aufgeht, hängt wahrscheinlich mit anderen Phänomenen, die mittlerweile als seismologische Warnzeichen gedeutet werden, zusammen.

-Vor einem Erdbeben, so erkannten die Forscher, verändert sich beispielsweise die Geschwindigkeit, mit der bestimmte Erschütterungswellen ausgelöst etwa durch entfernte Beben, Sprengungen in Bergwerken oder unterirdische Atomexplosionen -- durch den Felsgrund schwingen. Ebenso verändert sich die elektrische. Leitfähigkeit der Gesteinsschichten und, wohl wiederum dadurch, das lokale magnetische Feld. Überdies steigen aus der Tiefe verstärkt Gase auf -- meßbar am Gehalt von Radon, einem radioaktiven Edelgas, in tiefen Brunnen.

Alle diese Erscheinungen sind womöglich damit zu erklären, daß übermäßiger Spannungsstreß die Erdkruste knackt. Durch mächtige Lagen, erläuterte Geologe William Brace vom Massachusetts Institute of Technology, ziehen sich dann Myriaden mikroskopisch feiner Risse.

Das sonst im Gestein gefangene Radon kann so entweichen. Die in die Haarspalten eindringende Luft erhöht den elektrischen Widerstand und verzögert die Erschütterungswellen.

Zwar muß das Aufschwellen des Felsgrundes allein nicht ein Beben zur Folge haben. Südlich von Palmdale etwa hob sich um die Jahrhundertwende der Boden ohne spätere zerstörerische Erschütterungen.

Bei der neuen Beule aber, erklärte Robert 0. Castle, dessen Team vom Geologischen Bundesamt die Hebung entdeckte, seien weitere Gefahrenmerkmale zu finden: Die Aufwölbung entstand in kurzer Zeit, und sie erstreckt sich über ein Gebiet, das verdächtig lange ruhig war; das letzte große Beben wurde im damals kaum besiedelten Südkalifornien 1857 registriert.

Anderwärts haben sich die Ränder des San-Andreas-Grabens um bis zu neun Meter gegeneinander verschoben. In der Palmdale-Region jedoch scheint ein Stück Erdkruste über dem Bruchsystem seither blockiert zu sein.

Für das kommende Jahr sind den Geologen des US-Bundesamtes denn auch zwei Millionen Dollar zusätzlich bewilligt worden, um die Blase von Palmdale genauer zu untersuchen. Die kalifornische Kommission für seismische Sicherheit warnte gar, ein heftiges Erdbeben im Umfeld von Los Angeles könnte 12 000 Menschen das Leben und zwölf Milliarden Dollar Sachschaden kosten.

Die an Bebengefahren gewöhnten Kalifornier freilich reagierten gelassen. So verhandelt derzeit die Stadtverwaltung von Los Angeles über den Kauf von 80 Quadratkilometer Land bei Palmdale für einen neuen Flughafen.

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