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POPMUSIK Wie hingehaucht

Mit einer beruhigenden Mischung aus Jazz und Soul und dem beunruhigenden Look eines Photomodells ist die englische Sängerin Sade Adu erfolgreich. *
aus DER SPIEGEL 32/1984

Als er die Stimme im Rundfunk hörte, kam es einem englischen Kritiker vor, »als ob sich das Radio zu mir rüberlehnte und mir was Nettes ins Ohr flüsterte«.

Der Mann war angetan von einer verführerisch schmeichelnden Frauenstimme, deren Klang gegenwärtig sehr viele Briten antörnt. Die neue Pop-Lady hört auf den Namen Sade Adu. Und so etwa sieht sie auch aus: samtig, weich, exotisch - dunkler Teint, sinnliche Lippen,

eine Erscheinung wie hingehaucht. Bis vor wenigen Wochen noch war Sade Adu kaum außerhalb der Londoner Musik- und Nachtklub-Szene bekannt. Als jetzt ihr erstes Album, Titel: »Diamond Life«, herauskam, war sie mit einem Schlag nicht mehr nur der Geheimtip versnobter Insider. Auf Anhieb kletterte die Platte auf Platz zwei der englischen Hitliste.

Auch in der Bundesrepublik findet der unaufgeregte, leicht angejazzte Soulgesang Sade Adus inzwischen offene Ohren. Nach einem Gastspiel in »Dr. Mambos Musikjournal« sollen demnächst noch weitere Fernsehauftritte den Dienst am Auge des Betrachters nachliefern. Im Oktober schließlich werden Sade und ihre Band erste Konzerte in der Bundesrepublik geben. Schon jetzt erwartet die Plattenfirma CBS einen ziemlichen Medien-Wirbel. Simpler Grund: »Die sieht ja traumhaft aus.«

Als »eine geborene Diva« hatte das Londoner Musikblatt »Melody Maker« die Sängerin auf der Popszene begrüßt; wie ein überirdisches Wesen schien Sade auf der britischen Insel gelandet zu sein. Allerdings fiel sie da auch gleich in den Schmalztopf: von einer »strahlenden Schönheit, die nur im Himmel entstanden sein kann«, sülzte der »Melody Maker«.

Die derart angehimmelte Sade (der Name wird »Schadee« ausgesprochen) ist vor rund 23 Jahren auf sehr irdische Weise in der nigerianischen Stadt Ibadan auf die Welt gekommen. Ihr Vater ist ein Nigerianer, der ihre Mutter, eine englische Krankenschwester, während seiner Studienzeit an der Londoner School of Economics kennenlernte.

In Afrika ging die heikle Ehe zwischen Schwarz und Weiß bald zu Bruch. Die Mutter, Sade (sie war vier Jahre alt) und ein Bruder mußten buchstäblich aus Nigeria fliehen, denn dort, so erinnert sich die Sängerin, »dominieren die Männer, und die Kinder sind der Besitz des Vaters«.

Auf der Schule in der englischen Provinz bekam Sade den ganz normalen Alltags-Rassismus zu spüren. Sie wurde als »Nigger« beschimpft und ist heute »glücklich, nicht einer bestimmten Rasse anzugehören«. Das erspart ihr die üblichen Vorurteile, »denn du siehst sofort, wie lächerlich alle Barrieren zwischen Menschen verschiedener Kulturen und Rassen sind«.

Unter solchen Problemen hatte sie dann in London auch weniger zu leiden, wo der hübsche Teenager mit 17 die dreijährige Ausbildung an einer Modeschule begann und nebenher als Photomodell gefragt war. Ihr geheimnisvoll exotischer Look paßte hervorragend ins Hochglanz-Chichi der Modejournale.

Aber diesen Job als extravagantes Modell hatte sie nur (alle Biographien brauchen einen edlen Zweck) als gut honorierte Möglichkeit betrachtet, dumpferen Tätigkeiten zu entgehen und sich statt dessen »kreativeren Dingen zu widmen«.

Was Wunder, daß sie dabei vor allem auf die Musik verfiel. Sade verehrte die Gesangskunst von Jazz- und Soul-Originalen wie Billie Holiday, Nina Simone, Ray Charles oder Bill Withers. Erst spät fing sie selbst an zu singen, und als Stammgast im Soho-Klub »Le Beat Route« wurde sie ein Tupfer der in vielen Farben und Exzentrizitäten schillernden Londoner Musikszene.

Bevor Sade mit ihrer jetzigen Band ihren Durchbruch schaffte, tingelte sie kurzfristig in den Soul- und Funk-Combos »Ariva« und »Pride« und konnte dabei ihren Stil entwickeln. Ohne verwegene Phrasierung, immer dezent und unaggressiv und meist im mittleren Tempo verströmt ihre leicht angerauhte Stimme gepflegten Wohlklang. Sie serviert Barmusik mit Niveau, singt schwarz, aber nicht zu inbrünstig, Soul, aber nicht zu heiß, Jazz, aber nicht zu grell, Latin Music, aber nicht zu hektisch - eine Stimme, die niemanden verletzt, zu jeder Stimmung, in jeden Rahmen paßt.

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