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Wie man Hexen flambiert

SPIEGEL-Redakteur Hellmuth Karasek über Robert van Ackerens Meisterfilm »Die flambierte Frau« *
aus DER SPIEGEL 24/1983

Am Anfang macht der Ehemann der Ehefrau Vorhaltungen. Sie hat vergessen, Wein für die Party heute abend einzukaufen; sie hat die Gläser auf die falsche Seite gestellt. Und überhaupt.

Die Frau antwortet: Sie habe sowieso immer alles falsch gemacht, sei immer durch die Fahrprüfung gefallen, könne nicht kochen, schon in der Schule habe sie nicht rechnen können. Nichts mache sie dem Mann recht. Und überhaupt.

Dann klingelt es, und die ersten Gäste kommen. Während der Mann die Ankommenden begrüßt, hat die Frau kurzentschlossen gepackt, ihm einen Zettel geschrieben, daß sie ihn, Kuß Eva, nicht mehr liebe, und verläßt jetzt heimlich das kerzendurchschimmerte, von Partygeplauder erfüllte Haus.

Eine Ehe geht zu Ende, Robert van Ackerens Film »Die flambierte Frau« fängt an: als kühl inszeniertes Melodram in einer bürgerlichen Traumwelt, die die eindimensionale Schönheit von Werbespots hätte - wären da nicht die verstörten und unendlich traurig verzerrten Gesichter der Betroffenen, die sich leise sagen, daß sie sich nichts mehr zu sagen haben, anstatt damit anzugeben, daß in ihrem Haus alles schmecken müsse oder daß die Frau schon so Kaffee koche wie einst ihre Schwiegermama ...

Robert van Ackeren benutzt diese Scheinwelt, in der sich Werbefilm und Melodram kreuzen, um ein Märchen von Freiheit und Liebe zu erzählen.

Die Frau, die aus ihrer Ehe schreitet, landet bald auf dem Strich, weil sie nun mal Geld braucht. Aber keine Angst, sie ist da keine Gefallene, sondern eine, die sich bald allen Luxus leisten kann. Sogar den, eklige Männer abzuweisen. Und auch den, sich zu verlieben.

Und in was für einen Traummann! Wo andere Männer grob und ungeschlacht sind, zwischen Arroganz und Unterwerfung nie die Mitte finden, ist er zart und riecht gut und versteht sich zu kleiden, man kann mit ihm reden, und studiert hat er auch noch.

Aber während sie über ihre abgebrochene Doktorarbeit parliert und er den verlorenen Semestern Betriebswirtschaft nachseufzt, während sie Cocktails schlürfen und fast zu müde und zu sanft für ihre Lust sind, stellt der Regisseur die Romanze unversehens auf den Kopf:

Der gepflegte junge Mann, dem sich die ersten Kummerfalten werbewirksam ins Gesicht schreiben, ist ein Gigolo, vulgärer: ein in die Jahre gekommener Stricher, der es Männern und einsamen Frauen gegen Geld ebenso besorgt wie seine entflammte Freundin es mit Männern tut, die zu Hause ihre wahren Wünsche nicht offenbaren möchten.

Die beiden tun sich (zweite Wendung) geschäftlich zusammen, was läge näher? In zwei Stockwerken gehen sie ihren so ähnlichen Berufen nach; er führt, dazu hat er schließlich Betriebswirtschaft studiert, die Bücher.

Hier spätestens wird deutlich, daß van Ackerens in Cannes zunächst an die Seite gedrängter und dann ganz außerplanmäßig als eigentlicher Festival-Hit bejubelter Film eine Nähe zu Chabrols ätzenden Bürgerporträts und Spießersatiren sucht und findet. Moral und Anschein gehen ein kupplerisches Verhältnis ein, bei dem die kühlen Umgangsformen sich wie Kompressen über die verquer erhitzten Gefühle legen.

Chabrol ist ein Alchimist der bürgerlichen Empfindungswelt, der so lange falsche Gefühle miteinander legiert, bis sie _(Oben: Gudrun Landgrebe; unten: Carriere. )

in hitzigen perversen Verbrechen zur Aufrichtigkeit explodieren. Er hat - und das kennzeichnete seine Melodramen - das Verbrechen als die eigentliche Heimstatt der bürgerlichen Empfindungswelt aufgespürt.

Robert van Ackeren folgt ihm darin - um den Meister in einer sarkastischen Volte zu überbieten.

Denn die beiden, die Hure und der »Mann für gewisse Stunden«, die als hygienisch einwandfreie Ventile im bürgerlichen Betrieb der unterdrückten Wünsche funktionieren, leisten sich auf einmal Gefühle, und das wird ihnen zum Verhängnis.

Während der Film sehr schön zeigt, wie die männlichen Kunden ihre linkisch eingeübten Verhaltensweisen mit dem Jackett ablegen, um endlich mal winselnd schwach sein zu können, während er vorführt, wie Frauen mit ratloser Traurigkeit Geld dafür hinblättern, es ihren Männern im Fremdgehen gleichzutun, erwachen in den Liebesdienstleistenden unpassende Gefühle.

Vor allem der Mann empfindet für die von seiner Frau routiniert mit sadistischem Service bedienten Geschlechtsgenossen Solidarität, wird eifersüchtig und verfällt schließlich einer Torschlußpanik.

Da er schon mal seinen Kundinnen nicht mit der nötigen Standfestigkeit dienen kann, fürchtet er um seine Zukunft - und träumt den Traum aller Stricher und Huren: den von der bürgerlichen Zukunft. Da er kochen kann, will er sich ein Lokal kaufen, in dem kinetische Kunst von den Wänden glitzert und jeder Gast weiß, wie man Artischocken ißt.

Sie verachtet ihn für diesen gehobenen Spießertraum. Ihre unbedingteren Gefühle schreibt sie lieber in ein Tagebuch, wo sie es den Männern heimzahlt und ihrer Seele schauernd rätselhafte Abgründe zuschreibt.

Klar, daß eine derartige Konstellation auf die Katastrophe zutreibt. Sie droht, ihn zu verlassen, enttäuscht darüber, daß auch er nur ein Mann mit gierigen Besitzerphantasien ist. Er will sie noch einmal zum Essen nötigen, schlägt sie schließlich nieder und entzündet sie, so als läge sie wie ein Cognac-übergossenes Steak in der Pfanne: die flambierte Frau.

Robert van Ackeren hat eine Talmiwelt der Gefühle aufgebaut, in der sich die Sexualität darin ausdrückt, daß Menschen sie sich anschließend zwanghaft abwaschen oder mit Flacons Gerüche wegsprühen.

Schmutz und Körperpflege, Brutalität und eine luxuriös leise Zurückhaltung sind in dem Film eine perfekte Verbindung eingegangen. Van Ackeren zeigt die Schmuddelecken eines neuen Puritanismus, der eigentlich nur noch aus Berührungsängsten vor dem Dreck besteht. Moral hat er längst abgelegt.

Die Herren, die sich in Hotelhallen eine Dame mieten, die sie auf dem Zimmer sofort anherrschen, sie solle sich erst mal gründlich saubermachen, der Ehemann in seiner Plastikgemütlichkeit, der, wenn seine Mutti verreist ist, ein Callgirl kommen läßt, um ihr die Küchenschürze umzubinden und sie zu schikanieren, daß sie die Gläser zweimal waschen müsse; der Masochist, der die Kette abnimmt und die Krawatte wieder umlegt, wobei er damit eigentlich noch gequälter und strangulierter aussieht - in solchen kühl genauen Bildern findet van Ackeren das Milieu für seine Liebesgeschichte, bei der am Ende nicht die Leidenschaften brennen, weil statt dessen die Gefühle flambiert werden.

Der Regisseur (dem Drehbuch wie dem Film merkt man die engagierte Mitarbeit von Catharina Zwerenz an, die offenbar für männliches Verhalten eine gnadenlos genaue Beobachtungsgabe mitbrachte) hat für seine Liebesgeschichte ein Traumpaar gefunden. Den Gigolo spielt Mathieu Carriere, der wirklich so aussieht, als wäre Dressman ein besonders qualifizierter Beruf mit Hochschulabschluß. Da Trauer und Blasiertheit fast die gleichen Runen in sein Gesicht zeichnen, weiß man nicht, worunter er schließlich mehr leidet. Daß noch die Brutalität dieses Softies im Michelin mit drei Sternen ausgezeichnet wäre, spielt Carriere jedenfalls sehr überzeugend.

Gudrun Landgrebe, die wie die deutsche Version eines Hollywood-Stars aussieht, ist eine wirkliche Entdeckung: mondän, elegant, schön und kühl, hält sie dem verqueren Anspruch des Melodrams jederzeit stand: Das hat sich ja in der sogenannten rätselhaften, frostigen Frau, dem eiskalten Vamp, eine männliche Angst- und Wunschvorstellung, ein gültiges Kinobild geschaffen.

Robert van Ackerens bis zum Sarkasmus eleganter Film zeigt, daß man dergleichen immer noch am liebsten als Hexe verbrennen würde. Nur daß das heutige Savoir-vivre statt Verbrennen eben Flambieren vorschreibt.

Oben: Gudrun Landgrebe; unten: Carriere.

Hellmuth Karasek
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