Zur Ausgabe
Artikel 92 / 102
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

THEATER Wie Orgasmus, nur schlimmer

Mit zwei Romanen hat sich die 24-jährige Polin Dorota Maslowska einen wilden Ruf erworben. Nun wird ihr erstes Theaterstück in Wien gespielt: ein gewitzter Knüller. Von Wolfgang Höbel
aus DER SPIEGEL 24/2008

Es müssen recht seltsame Drogen sein, mit der die jungen Menschen dort drüben in unserem östlichen Nachbarland versuchen, ihren Alltag zu verschönern. In »Schneeweiß und Russenrot«, Dorota Maslowskas Debütroman aus dem Jahr 2002, verfallen der Held und sein Kumpan zum Beispiel unter Speed-Einfluss auf die Idee, einander brutal zu verprügeln, »aber nicht mit Taktik, Technik und Profiboxen, sondern mit Augen-Ausstechen und Hodensack-Ausreißen durch die Kehle«.

In »Die Reiherkönigin« (2005), einem auch in Deutschland hochgelobten Roman in Rap-Diktion über die polnische Musikszene, entschließt sich der einst als Sänger erfolgreiche und allzeit tablettenschluckende Protagonist, seinen Manager abzumurksen, zerschneidet seinem Konkurrenten die Gitarrensaiten und flucht fortwährend auf Zote komm raus, »Penis, Titten und Vagina noch mal«.

In »Zwei arme Polnisch sprechende Rumänen«, dem ersten Theaterstück der 24-jährigen Erfolgsautorin Maslowska, treten nun in Wien (und demnächst in Braunschweig und Berlin) eine junge Schwangere und ihr Gefährte auf, die ein Wundermittel genommen haben: Sie sind so schrecklich gut gelaunt, dass sie ohne rechte Absicht eine Schneise der Verwüstung durch die polnische Pampa ziehen.

Maslowska selbst sagt, ihr Stück handle von »Fieber und Amok« und sei »lustig und furchtbar«; das nämlich ergebe »immer eine wirkungsvolle Kombination«.

Tatsächlich ist »Zwei arme Polnisch sprechende Rumänen« ein außergewöhnliches, flirrendes, berührendes, manchmal auch poetisch schwerst überladenes Schockerstück aus dem Geist von Hollywood-Filmen wie »Wild at Heart« und »Natural Born Killers« - und ein großer Spaß. So jedenfalls hat Armin Petras, Intendant des Berliner Maxim Gorki Theaters, das Stück am vergangenen Wochenende bei den Wiener Festwochen in der deutschsprachigen Erstaufführung herausgebracht.

Man sieht einem jungen Heldenpaar, gespielt von Hilke Altefrohne und Andreas Pietschmann, dabei zu, wie es sich erst in schauderhaft bunte Billigklamotten hüllt und dann ein Auto kapert: Die beiden steigen einfach an einer Tankstelle bei einem Wildfremden auf Beifahrersitz (sie) und Rückbank (er) und zwingen den biederen Fahrzeugbesitzer, sie mitzunehmen. Und lange Zeit bleibt unklar, ob das angeblich aus Rumänien stammende, aber perfekt die polnische Landessprache beherrschende Paar nun eine tödliche Bedrohung darstellt oder sich nur einen Jux erlaubt.

Sowohl die Täter dieser Carnapping-Aktion als auch ihr Opfer reden höchst amüsantes Zeug. Dass es zum Beispiel in Rumänien eine »Schutzheilige der betrunkenen Frauen« gebe und man dort »Disteln, Unkraut und Felsen« verspeise; dass so ein im Auto baumelnder Wunderbaum eine feine Sache sei; dass man die Bewohner gewisser osteuropäischer Länder immer noch am besten an den »vergammelten Zahnstümpfen« in ihrem Mund erkenne. Es ist ein böses Spiel mit Dünkeln und Klischees, das die Autorin hier betreibt. Virtuos hält sie den Ton des Wortgefechts in der Schwebe zwischen Komik und Horror. Die Pointe des Stücks aber ist, dass am Ende nicht der überfallene Autofahrer sein Leben ausröchelt, sondern eine der Figuren aus dem Angreiferduo.

In Wien, so viel lässt sich nach Besichtigung der Generalprobe am vergangenen Donnerstag sagen, gelingt dem Regisseur Petras mit seiner Inszenierung ein schöner Knüller über die Verrohung, die innere Not und den herben Humor einer postsozialistischen Menschenblase.

Zwei frühere Aufführungen von »Zwei arme Polnisch sprechende Rumänen« in London und Warschau erschienen Maslowska zu textgläubig, »sie waren in Ordnung, aber ich mochte sie nicht besonders«, sagt sie diplomatisch. Ihre Poetik nämlich ist ausgeklügelt und paradox: »Im Theater müssen alle Figuren stets das Gegenteil von dem sagen, was sie wirklich denken.«

Der Sensationsrummel, den die beiden Romane auslösten, blieb ihr mit dem Drama versagt. Was kein Schaden war, ihrer Meinung nach: Für ihre Bucherfolge himmelten vor allem männliche Journalisten und Leser aus nah und fern die Autorin ziemlich hysterisch an. »Eine Zeitlang war sogar ein Stalker hinter mir her«, berichtet sie, seither habe sie den Aufruhr um ihre Person endgültig satt, äußere sich nicht mehr im Fernsehen und geize auch sonst mit Interviews und öffentlichen Auftritten.

Der gebannte, scheinbar kalt registrierende Blick auf die Menschen macht die Kunst von Dorota Maslowska aus. »Manchmal ist mir alles so zuwider, / dann will ich im Traum die Augen schließen / und habe plötzlich keine Lider«, heißt es in »Die Reiherkönigin«. Die Autorin zuckt nicht mit der Wimper, wenn sie auf die Obsessionen der neokapitalistischen osteuropäischen Gesellschaften starrt (in denen wir natürlich auch unsere erkennen), auf Porno und Konsumwahn, Drogengier und Sinnsuche bei »Escada, Yoga und Pilates«, wie es im Stück heißt.

Generell ist osteuropäische Dramatik bei deutschen Theatermachern wegen ihrer strengen Analyse der (bei uns bestehenden, im Osten neuen) Verhältnisse derzeit

schwer gefragt. So eröffnet an diesem Donnerstag ein gleichfalls imponierend krasses Stück der in London lebenden Kroatin Tena Stivicic das Wiesbadener Festival »Neue Stücke aus Europa«. Titel des Stivicic-Werks: »Funkenflug«.

Auch in Dschina und Parcha, den Hauptfiguren von Maslowskas »Rumänen«-Stück, brutzelt Gefährliches. Der Hass auf die kleinbürgerlichen polnischen »Wurstmenschen« treibt sie zur rassistischen Travestie: Sie treten auf als angeblich fremdländische Superproleten, reden ausgiebig vom Furzen und vom Urinieren; und wenn sie den ganzen Ekel der Welt benennen wollen, dann sagen sie: »So was wie Orgasmus, nur schlimmer.«

Die Kunst des Regisseurs Petras besteht darin, dass er die spielerische Kraft Maslowskas hervorhebt und dem Text seine Rätsel belässt. Sind die blutigen Abenteuer von Dschina und Parcha nur Drogenhalluzinationen? Und arbeitet der plötzlich brutal ernüchterte Held Parcha ("Ich bin ein beschissener Pole, der runterkommt") wirklich als Seriendarsteller beim Warschauer Fernsehen, wo er darunter leidet, dass jede junge Frau mit ihm ins Bett will? Diese Macho-Klage ist naturgemäß ein Eins-a-Auftritt für den Parcha-Darsteller Andreas Pietschmann, den coolsten aller deutschen Theaterschauspieler, der wegen seiner Rolle in der Sat.1-Action-Serie »GSG 9« gleichfalls von vielen jungen Frauen verehrt wird.

So landet Dorota Maslowska auch diesmal beim elenden Glanz, ein Popstar zu sein: eines der heiter wiederkehrenden Motive in ihrem Werk, ähnlich wie der stets bunte Sprachbilder heraufbeschwörende Drogenverzehr. Im realen Leben widmet sich die (wie sie oft betont) keineswegs ein Star-Leben führende Autorin in allererster Linie der Erziehung ihrer bald vierjährigen Tochter; vom Theater halte sie sich bewusst fern, sagt sie, und schere sich nicht um Technik und Dramaturgie: »Ich will gar nicht in Versuchung kommen, irgendwen zu kopieren, sondern einfach frei drauflosschreiben.«

Immerhin hat sie den Auftrag der Berliner Schaubühne angenommen, sich an einem weiteren Theaterstück zu versuchen. Die eher schlichte Vorgabe, so berichtet die Schriftstellerin: Es soll um das Ende aller Ideologien gehen.

Im Übrigen ist Dorota Maslowska gerade dabei, auch im polnischen Film Furore zu machen. Seit Anfang Mai wird in Warschau ihr Roman »Schneeweiß und Russenrot« verfilmt; fast jeden Tag ist sie am Set zugegen. Sie behauptet, sie sei »meistens nur Beobachterin: Ich mische mich nicht ein«. Der Regisseur, Xawery Zulawski, Sohn des bei uns noch bekannteren Filmemachers Andrzej Zulawski, erzähle die Geschichte des jungen, von seiner Freundin verlassenen Helden, den alle in seiner Clique »den Starken« nennen, aber ohnehin auf eine Art, die »sehr nah an meinem Buch ist«, so Maslowska. Also mit aller Härte, Gewalt und Leidenschaft, die ihr Debüt berühmt und berüchtigt machten.

Die Autorin Dorota Maslowska sieht nicht nur zu, sie spielt auch selbst mit im »Schneeweiß und Russenrot«-Film. Das ist durchaus logisch, denn auch im Roman gibt es eine Figur namens Dorota Maslowska. Sie protokolliert im Polizeirevier die Untaten des Helden - und wird von dem Kerl heftig angegiftet. »Haben sie dir vielleicht die Zunge herausgerissen?«, herrscht er sie an, »wie guckst du aus der Wäsche?« Sie solle bloß keine Grimassen ziehen, als wäre das große Spiel um Leben und Tod »ein ausgequetschter Teebeutel«.

Als sie das schrieb, war Maslowska 18 und machte gerade Abitur. In »Zwei arme Polnisch sprechende Rumänen«, das sie mit 22 verfasste, heißt es nun, nicht Gestank und Gewalt und »ein kleiner Rausch zum Feierabend« seien die übelsten Lebensplagen, nein: »Das Schlimmste ist, dass die Welt aus dir einen grauen Lappen machen will.«

Das Lustige und das Furchtbare ergeben bei ihr eben immer eine prachtvolle Kombination.

* Mit Andreas Leupold, Andreas Pietschmann, Hilke Altefrohne, Cristin König am Schauspielhaus Wien.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 92 / 102
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.