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RAUMFAHRT Wie Seide

Die Raumfähre Challenger ist zu ihrem ersten Nachtstart gerüstet. Zum erstenmal fliegt ein Farbiger mit. *
aus DER SPIEGEL 35/1983

Für Dienstag nacht dieser Woche hat Dennis Kolsch, Manager des Nachtlokals »Mousetrap« in Cocoa Beach, Florida, eine Riesenparty angesagt. Es gibt Hühnerkeulen und heiße Cocktailwürstchen gratis. Anlaß der Party: Zum erstenmal seit knapp elf Jahren, seit dem letzten Mondlandeunternehmen »Apollo 17«, hat die amerikanische Raumfahrtbehörde Nasa wieder einen bemannten Nachtstart angesetzt.

Mit fünf Mann Besatzung an Bord soll die Space Shuttle »Challenger« am Dienstagmorgen um 2.15 Uhr zum achten Raumfährenflug (Nasa-Kürzel: »STS-8") abheben und sieben Tage später - ebenfalls zur Nachtzeit - auf der kalifornischen Wüstenpiste der Edwards Air Force Base landen.

Beim Start wird der Feuerschweif aus den Triebwerken der Shuttle-Kombination doppelt so hell strahlen und nahezu zweimal so weit zu sehen sein wie seinerzeit der Flammenstoß aus den fünf Düsen der Saturn-V-Rakete, mit der die Apollo-17-Astronauten zum Mond flogen. So werden sich wieder die Raumfahrt-Fans an der Spacecoast einfinden, die »Mousetrap«, nur 100 Meter vom Strand gelegen, wird, wie ihr Besitzer hofft, »gerammelt voll« sein.

Diesmal soll, in Gestalt von Guion S. Bluford jr., 40, zum erstenmal ein farbiger Astronaut in der Raumfähre mitfliegen. Bluford ist einer von vier Schwarzen im Astronautencorps. Gemeinsam mit Dale A. Gardner von der U.S. Navy soll Air-Force-Offizier Bluford (144 Kampfeinsätze in Vietnam) vor allem für das korrekte Aussetzen des dreieinhalb Tonnen schweren Wetter- und Kommunikationssatelliten Insat 1B sorgen, der im Auftrag der indischen Regierung bei Ford gebaut und schon in der Ladeluke der »Challenger« verstaut wurde.

Testen sollen die beiden »Missionsspezialisten« Bluford und Gardner auch die Fähigkeit des 15 Meter langen Shuttle-Robotarms, Schwerlasten zu manövrieren. Geprüft werden soll, welchen Einfluß er auf die Fluglage des 80 Tonnen schweren Mutterschiffes hat; ein über drei Tonnen wiegender, bleibeschwerter Ballastkörper geht für diesen Test mit auf die Reise.

Ende Juni erst war die Raumfähre Challenger von ihrer letzten Raum-Mission (STS-7) zurückgekehrt. Die Fähre zu warten und wieder startklar zu machen nimmt inzwischen immer weniger Zeit in Anspruch und verläuft nahezu reibungslos.

Bei der »Challenger« beispielsweise mußten nur 75 der (anfangs so problematischen) hitzefesten Kacheln ersetzt, ein mutmaßlich durch Meteoritensplitter angekratztes Cockpitfenster ausgewechselt und das (am Boden beschädigte) Bugfahrwerk repariert werden. »Alles lief glatt wie Seide«, kommentierte Nasa-Sprecher Jim Kukowski die STS-8-Startvorbereitungen.

Dennoch sehen sich die Shuttle-Manager in einer unvorhergesehenen Zeitklemme, die sie nur bedingt zu verantworten haben. Hauptursache ist die

Funktionsstörung des TDRS-Satelliten, den die Besatzung des sechsten Shuttle-Fluges gestartet hatte und der wegen bestimmter Steuerfehler zunächst auf falschem Kurs durchs All getaumelt war.

Um die TDRS-Relaisstation auf die geplante Umlaufbahn zu bringen, waren komplizierte Manöver durch Zündung der Satelliten-Steuerdüsen nötig. Sie zogen sich über Wochen hin und verhinderten bislang eine genaue Überprüfung des Satelliten. Die Funktionstests gehören nun zu den wichtigsten Aufgaben der STS-8-Besatzung.

Angewiesen auf die fehlerfreie Einsatzmöglichkeit des TDRS-Relais ist vor allem das europäische Raumlabor »Spacelab«, das vor zwei Wochen in den Frachtraum der Space Shuttle »Columbia« gehoben wurde, des Schwesterschiffs der »Challenger«. Der Start der »Columbia« ist für Ende Oktober vorgesehen, vier Wochen später als geplant.

Zwar waren die Nasa-Techniker »absolut baff«, so der bei der Nasa für das Spacelab zuständige Manager Michael Sander, wie haarfein die europäische Nutzlast in das Frachtabteil der »Columbia« paßte. Doch die transatlantische Präzisionsarbeit kommt nur zur Entfaltung, wenn der TDRS-Satellit zur Übermittlung von Daten eingesetzt werden kann und der Spacelab-Start nicht nochmals verschoben werden muß.

Die astronomischen Experimente, die der westdeutsche Astronaut Ulf Merbold von der Plattform des Raumlabors aus durchführen soll, müssen bei Neumond ablaufen. Und die Spacelab-Vermessungskamera, die auf Zielgebiete auch in Europa gerichtet werden soll, ist auf eine weitgehend wolkenfreie Europa-Sicht angewiesen, die sich erfahrungsgemäß von Oktober an verschlechtert.

Erst zum Neumond im Februar ''84, so die Meteorologen der europäischen Raumfahrtbehörde Esa, wird die Wettersituation wieder so stabil sein, daß sich der Einsatz des Spacelab wissenschaftlich lohnen wird - falls der Oktober-Start für das Spacelab nicht zustande kommt. _(Beim Training für ein medizinisches ) _(Experiment. )

Beim Training für ein medizinisches Experiment.

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