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»Wie sind die Leute im Osten?«

Die Regisseurin Vanessa Jopp über ihren Debütfilm »Vergiss Amerika«, die Angst vorm Scheitern und Skinheads am Drehort
Von Christine Koischwitz
aus DER SPIEGEL 45/2000

SPIEGEL: Frau Jopp, in »Vergiss Amerika« träumen die Hauptfiguren Anna, Benno und David davon, Schauspielerin, Autoverkäufer und Fotograf zu werden. Aber sie alle scheitern. Kennen Sie das Gefühl?

Jopp: Das ist mir sogar sehr vertraut. »Vergiss Amerika« ist ja mein Abschlussfilm an der Filmhochschule. Davor habe ich drei volle Jahre versucht, Filme zu drehen, die aber nicht finanziert wurden. Da dachte ich zwischendurch wirklich, mein Gott, aus mir wird nichts mehr.

SPIEGEL: »Vergiss Amerika« kommt jetzt in die Kinos. Sind Sie nun eine richtige Regisseurin?

Jopp: Irgendwie ja. Wenn mich jetzt jemand fragt, was ich von Beruf bin, traue ich mich zu sagen: Regisseurin. Am Anfang der Dreharbeiten habe ich das nicht gewagt. Inzwischen aber drehe ich meinen zweiten Film und merke: Nach dem Debüt hat man nicht plötzlich die Gewissheit, alles zu können, aber wenigstens ein paar Erfahrungen, auf die man zurückgreifen kann.

SPIEGEL: Warum haben Sie sich als Westlerin einen Ost-Stoff ausgesucht?

Jopp: Meine Drehbuchautorin Maggie Peren und ich hatten uns schon seit längerem dafür interessiert, wie die Leute im Osten eigentlich sind. Bei einer Reise durch die neuen Bundesländer bin ich dann auf ganz irre Landschaften gestoßen - und auf ein anderes Gefühl von Deutschland. Für mich als westdeutsche Filmemacherin ist dieses Gefühl sehr spannend und neu.

SPIEGEL: Wie war es, im Osten zu drehen?

Jopp: Gemischt. Wir sind auf ganz herzliche und offene Menschen gestoßen, aber auch auf solche, die uns die Tür vor der Nase zugeknallt haben. Ich weiß nicht, ob das wegen des Drehs geschah oder weil wir Wessis waren. So ein Filmteam ist ja anstrengend. Das kommt morgens um vier Uhr in eine Bar, alle sind ganz aufgekratzt und wollen noch Bier trinken. Ich glaube, die Crew des Hotels, in dem wir zehn Wochen gewohnt haben, war heilfroh, als wir endlich abreisten.

SPIEGEL: Der Film erzählt unter anderem vom Abdriften ins rechte Milieu. Sind Sie während der Dreharbeiten rechtsextremen Jugendlichen begegnet?

Jopp: In einer Tankstellen-Szene spielten Skinheads mit, leider ist sie aus dem Film geschnitten worden.

SPIEGEL: Waren das echte Skins?

Jopp: Ja, einer war echt, aber das wusste ich vorher nicht. Auf jeden Fall kamen dann ein Dutzend Skinheads zur Tankstelle. Sie haben gedroht, hundert Kumpel anzurufen und uns in den Arsch zu treten, weil der Film ihnen angeblich ein schlechtes Image aufdrücken wollte. Ihre Kritik haben sie aber nicht näher begründet, wohl weil sie betrunken waren. Wir haben dann die Polizei gerufen. Sobald die auftauchte, waren die Skins verschwunden.

SPIEGEL: Rechtsextremismus, Arbeitslosigkeit - das Leben der Jugendlichen in »Vergiss Amerika« erscheint sehr düster. Wird Ihr nächster Film fröhlicher?

Jopp: Ich finde gar nicht, dass das Leben im Film so traurig wirkt. Aber prinzipiell glaube ich, dass ich von Erfolg, Glück und Hoffnung nur dann erzählen kann, wenn ich auch vom Scheitern erzähle. Ich mag Filme, in denen es um Freundschaft und Liebe, Ängste und Wünsche geht. Schließlich ist das der Stoff, aus dem Menschen sind.

INTERVIEW: CHRISTINE KOISCHWITZ

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