Margarete Stokowski

Astrologie Religionen sind auch nicht rationaler

Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Unwahrscheinlich, dass die Konstellation im Weltall in der Minute, in der man geboren wurde, einen Einfluss auf die Persönlichkeit hat. Und doch: Schlimmer als der neue Astrologie-Trend ist die Kritik daran.
Abbildung aller Sternzeichen

Abbildung aller Sternzeichen

Foto: Sarayut Thaneerat / Getty Images

Frohes neues Jahr! Sind Sie auch so froh, dass dieses eklige 2020 endlich vorbei ist? Ich auch, muss aber sagen: Wie bescheuert ist das denn? Dass man denkt, irgendwas wird besser, weil sich das Datum ändert, oder anders gesagt, weil jetzt eben die Erde noch mal um die Sonne rum ist, aber ehrlich gesagt auf derselben Bahn weiterläuft wie zuvor. Womit wir auch schon beim Thema wären: dem Blick in die Sterne. Seit ein paar Jahren gibt es unter Leuten, die ungefähr meiner Generation angehören und oft auch Feministinnen und/oder queer sind , einen Trend, der hin zur Beschäftigung mit Astrologie geht. Modelabels drucken Kleidung mit Horoskop-Motiven, Astro-Apps werden befragt , Instagramfilter mit Löwe- oder Waagesymbol übers Selfie gelegt, in Dating-Apps suchen manche Leute nur nach bestimmten Sternzeichen, man kann das so einstellen. 

Um es gleich zu sagen: Ich glaube nicht an Horoskope. Ich halte es für extrem unwahrscheinlich im Sinne von ausgeschlossen, dass irgendeine Konstellation im Weltall in der Minute, die in der Geburtsurkunde vermerkt wird, einen Einfluss auf die Persönlichkeit haben soll. Trotzdem finde ich die meiste Kritik am Astrologie-Trend ähnlich albern wie Astrologie selbst oder manchmal auch deutlich schlimmer. Ich glaube nicht (das wird jetzt manche überraschen), dass Leute, die Astrologie für Teufelszeug erklären, prinzipiell sexistisch oder rassistisch sind. Es gibt diese Ansicht, weil Astrologie eben traditionell eher von Frauen  und oft von nicht weißen Menschen betrieben wird – was aber nicht immer so war: In den Anfängen der Naturwissenschaften waren Astrologie und Astronomie noch nicht so getrennt wie heute, es gab lange Zeit Hofastrologen im Dienste ganz unterschiedlicher Herrscher, und Ronald Reagan verschob öfter mal Termine, wenn es astrologisch nicht passte.

Freitag, der 13., ist auch Zahlenmagie

Jedenfalls: Leute, die Astrologie für dusselig und gefährlich erklären, müssen nicht unbedingt sexistisch oder rassistisch sein, sie machen es sich oft allerdings zu einfach. Denn erstens glauben sehr viele Leute an irgendeine milde Art von Zahlenmagie, siehe »Freitag, der 13.« oder siehe oben die Freude, dass 2020 vorbei ist, und sie schaden damit niemandem. Zweitens sind sich Leute, die ihr Horoskop zurate ziehen, oft vollständig bewusst, dass es sich nicht um eine wissenschaftlich abgesicherte Faktenlage handelt. Die sternengläubigen Leute, die ich kenne, gehen ihrem Glauben meist mit einer Mischung aus Interesse, Ironie und Selbstfürsorge nach, und ich kann es ihnen nicht übel nehmen, zumal sie mit ihrem Hobby nicht Gefahr laufen, sich selbst für überdurchschnittlich rational und ideologiefrei zu halten: Sie wissen üblicherweise, dass nichts die Glaubwürdigkeit von Horoskopen belegt.

Und drittens: Bei Leuten, die sich hobbymäßig mit Astrologie beschäftigen, ist es eher unwahrscheinlich, dass sie gleichzeitig religiöse FundamentalistInnen sind – obwohl es natürlich Verbindungen zwischen Religionen und Astrologie gibt, und auch zwischen Esoterik und Faschismus, aber eher nicht bezüglich der Frage, wie viel ein Leben abhängig vom Sternzeichen wert ist. Es gibt auch Ingenieure, die Mörder werden, aber nicht, weil das irgendwie im Ingenieurtum schon drinstecken würde. Viertens, aber das nur kurz: Die oft als Gegenpol zu Astrologie herangezogene Naturwissenschaft ist auch nicht frei von Ideologie.

Es gibt gefährliche Esoterik, z.B. Impfgegnerschaft, und es gibt Überschneidungen zwischen Astrologie und Verschwörungstheorien, aber es gibt auch Überschneidungen zwischen Bio-Ernährung und Verschwörungstheorien und Bio ist dadurch nicht schlechter. Ein besonders lustiges Beispiel für politisch unsympathische Astrologie habe ich in einem Podcast gefunden  (ca. 21:05), der sich mit der Coronakrise beschäftigte: »Merkur regiert unsere Kommunikation und die Medien und während er sich mit Neptun verbindet, ist uns klar, dass man uns nicht die Wahrheit sagt. (...) Seien Sie sich also bewusst, dass die Fakten nicht die Fakten sind, wenn sie von den Medien kommen!« Was aber, wenn ein astrologisches Medium das sagt?

Religionen sind nicht rationaler als Astrologie

Wer Astrologie angreift, muss mindestens genauso hart Religion angreifen, denn Religionen sind nicht rationaler als Astrologie und haben – Stand: heute – bisher wesentlich mehr Unheil angerichtet. Meines Wissens hat nie eine Diktatur auf Sternzeichen basiert oder auch nur irgendjemand wegen seines Sternzeichens nicht im Bus sitzen dürfen. Wohingegen allerdings schon oft genug Menschen mit vermeintlich magischen Fähigkeiten ermordet wurden, Stichwort »Hexen«. Es gibt definitiv Auswirkungen von Astrologie, die kritisch zu betrachten sind: Eine Frau erzählte mir mal von ihrer Mutter, die ihren Enkel ablehnt, weil sie ihm ein Horoskop gefertigt hatte und das Baby dann aber früher geboren wurde und für sie damit irgendwie »falsch« war. Oder, noch schlimmer: wenn aufgrund der Annahme, ein Kind würde in einem laut chinesischem Horoskop unheilvollen Jahr geboren werden, Säuglinge getötet werden .

Darum geht es bei der Kritik an Astrologie aber üblicherweise nicht. Einerseits sollte man natürlich bei jedem System skeptisch sein, das Leuten angeborene unveränderliche Charaktereigenschaften zuschreibt, aber ich persönlich würde da bei der patriarchalen Männer- und Frauen-Einteilung anfangen und nicht bei Leuten, die hobbymäßig Horoskope lesen. Über queere, nicht weiße Menschen, die Astrologie betreiben, schrieb Hengameh Yaghoobifarah mal : »Weiße Typen können vieles zerstören, nicht aber die Heilung, die Femmes of Color in Spiritualität finden.«

Manchmal geht es bei der Astrologiekritik um den kapitalistischen Aspekt, denn es stimmt natürlich, dass Menschen im Kapitalismus sich nicht scheuen, irgendein wirres Gemisch aus Einzelaspekten verschiedener, gern marginalisierter Kulturen auf den Markt zu werfen, Stichwort »Gypsy Look«. Auch mit Astrologie wird so Geld gemacht, aber dafür sollte man im Zweifel diejenigen angreifen, die die Bedürftigkeit von Menschen ausnutzen und nicht die, die versuchen, sich in den Sternen Hilfe bei Liebeskummer zu holen. Denn meistens ist es ungefähr auf diesem Level, was Leute suchen, die heute beim Astrologie-Trend mitmachen: Sie gehen einem Wunsch nach Einfachheit, Halt, Erklärungen nach – was man niemandem vorwerfen kann. Im Gegenteil, diese Leute reflektieren ihre Stärken und Schwächen. Wenn sie dabei dann sagen, sie würden nie einen Widder daten – geschenkt, andere Leute daten keine Hertha-Fans oder Sachsen. In einem Land, in dem es ein irrsinniger Aufwand sein kann, einen Platz für eine Psychotherapie oder -analyse zu bekommen, darf man sich nicht wundern, wenn Leute sich Horoskop-Apps installieren. Und wenn die dann Geld kosten, ja nun: Kirchensteuer ist auch Geld.

Nicht mehr als durchschnittliche psychologische Beobachtungen

Ich habe mir mal ein persönliches Horoskop erstellen lassen, weil eine Freundin so von der Analyse einer speziellen Astrologin begeistert war. Man musste nicht nur das Geburtsdatum und den -ort angeben, sondern auch das Geschlecht, und dann stand in meinem, ich würde in Konflikten oft mehr auf die Bedürfnisse der anderen achten als auf meine. Alles klar, aber: Das gilt für extrem viele Frauen, man muss für diese Einschätzung nicht bis zum Uranus laufen. Ähnliches gilt für Analysen wie: Die Anerkennung Ihrer Eltern ist Ihnen vielleicht wichtiger, als Sie denken. Ja, natürlich »vielleicht«. Vieles in Horoskopen sind einfach nur ziemlich durchschnittliche psychologische Beobachtungen, die für viele Leute zutreffen. Wenn in einem Horoskop steht, dass die Liebe der Mutter bedingungslos war und die des Vaters erarbeitet werden musste, dann stimmt das für viele Leute, steht aber ehrlich gesagt besser ausgearbeitet auch bei Erich Fromm ("Die Kunst des Liebens").

Aus Wut über meine Kolumne, in der ich Homöopathie kritisierte, hat mir mal ein Leser ein knappes Horoskop erstellt. Es war leider handwerklich nicht gut gemacht, weil er nicht meine kompletten Daten hatte . Was er aber fand, war, »dass Sie eine Mond/Lilith/Chiron Konjunktion im Zeichen Zwillinge haben, und zwar in Opposition zu Saturn und Uranus rückläufig im Zeichen Schütze, und das im Quadrat zu Ihrem Fische-Jupiter«. Ich hätte eine »eine sehr problematische Beziehung zu Wissen/Weisheit« und eine begründete »Angst vor dem Wahnsinn«, wie man an meinen »realitätsfernen Artikel« sehen könne. Ich habe das mit großem Interesse gelesen, kann aber – wie so oft beim Thema Astrologie – sagen, dass man auf diese Analyse auch wesentlich einfacher hätte kommen können. Einfach normal die Ablehnung rauslassen. Wenn er dazu aber erst die Sterne befragen muss, nur zu! Wir müssen alle unseren eigenen Weg gehen und wenn jemand sich selbst zu helfen weiß: umso besser.

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