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RADRENNEN Wie weh das tut

In der Tour de France - sprichwörtlich »Tour der Leiden« - konkurrieren nach farblosen Jahren erstmals wieder drei Männer, die den alten Mythos beleben.
aus DER SPIEGEL 29/1989

Wie ein Pennäler am ersten Schultag strahlt Greg LeMond, 29, aus signalblauen Augen in die Kameras. Statt einer Zuckertüte hält der Radrennfahrer einen Blumenstrauß im Zellophanüberzug, das Maskottchen einer Sponsorenfirma drückt er fest an sich, so als fürchte er, den Schutz des Stofflöwen zu verlieren. Der Amerikaner hat bei der Tour de France etappenlang das Gelbe Trikot des Siegers behauptet - mit einer Unzahl von Schrotkugeln im Rücken. Nach einem Jagdunfall vor zwei Jahren war LeMond so gut wie tot.

Als Laurent Fignon, 28, nach 259 Radkilometern vor der bizarren Kulisse von Futuroscope die Gummischalen von seinen Füßen klappt, sind die Zehen lila-blau angelaufen und zu einem Fleischklumpen zusammengepreßt. Den Franzosen kümmert das wenig. Er hat Schlimmeres hinter sich.

Nachdem der Nobody sich mit Anfang Zwanzig zum zweimaligen Tour-Sieger hochgestrampelt hatte - ein Boris Becker des Radrennsports -, kam außer Verletzungen nicht mehr viel. Vier Jahre dauerte sein Martyrium von einem Operationstisch zum anderen; die Rennszene hatte ihn abgeschrieben.

Das war ein Fehler. Vom unberechenbaren Rekonvaleszenten quälte sich der 66-Kilo-Mann erneut zum Tourfavoriten empor. Das Gelbe Trikot hat er schon in der vergangenen Woche erradelt, sein Glaube an sich ist ungebrochen: »Man soll die Champions nicht begraben, bevor sie nicht selber gehen.«

Der Wahlspruch könnte allemal von seinem Kollegen Pedro Delgado, 29, stammen. 1983 nahm der zierliche Spanier die Jagd nach der Tour-Trophäe, dem Heiligenschein aller rasenden Radler, auf. Im vergangenen Jahr kam der zähe Pedalist endlich als Erster nach Paris, doch bei der Dopingkontrolle blieben Zweifel an seiner Sportlermoral.

Was immer ihm da vorzuwerfen war oder nicht - die ersehnte Unsterblichkeit hat der kleine Perico, wie ihn seine Landsleute zärtlich nennen, mit der ihm eigenen Genialität nun endgültig herausgefahren. Um volle zwei Minuten und 40 Sekunden verpennte der »Hansguck-in-die-Luft« (Delgado über Delgado) den Start zur 76. Frankreich-Rundfahrt. Als auf der Place de Paris in Luxemburg das Abfahrtsignal zum Einzelzeitfahren ertönte, hatte er einige Meter weiter gemütlich ein paar Übungsrunden gedreht.

Der Titel schien verloren - doch der Spanier, der so am ersten Tag als 198. und letzter sein Etappenziel erreichte, astete sich inzwischen durch peitschenden Regen in der Bretagne, Hitze und Nebel in den Pyrenäen Sekunde um Sekunde an die Spitze zurück. »Delgados Attacken«, kommentierte die französische Sportzeitung »L'Equipe« verblüfft, als sich der Spanier auf Rang vier geschoben hatte, »haben die Tour total auf den Kopf gestellt.«

LeMond, Fignon, Delgado: Ein Triumvirat ehemaliger Tour-Stars beherrscht das weltgrößte Radsportereignis. Athleten in den besten Radlerjahren feiern da ihr Comeback, die Fachleute schon auf die Liste der Frührentner gesetzt hatten. Ein vierter Mann von diesem Kaliber, der Ire Stephen Roche, 29, Sieger von 1987, schied wegen einer Knieverletzung vorzeitig aus.

Nie zuvor in der 86jährigen Geschichte der strapaziösen Prüfung von Muskeln und Nerven lagen gleich drei Favoriten Lenker an Lenker, rangen Helden aus drei Nationen um die Führung in der Radlerherde, stritten drei ganz unterschiedliche Typen verbissen um Ruhm und Popularität.

Gerechnet hatte kaum einer mit diesem Kräftemessen. Greg LeMonds Chancen vermochte niemand, nicht einmal er selbst, einzuschätzen. 60 Schrotgeschosse trafen den Hobbyjäger im Frühjahr 1987, weil ihn der Schütze für einen Truthahn hielt. Zwei Millimeter unter dem Herzen blieben zwei lebensgefährliche Kugeln stecken.

Als der Sportprofi Monate später erstmals wieder in die Pedale trat, zog ein Freizeitradler locker an ihm vorbei. Le-Mond: »Ich hatte vergessen, wie weh Radfahren tut.«

Weil er das Gefühl der Selbstmarter, das zum Rennradeln gehört wie der K.o. zum Boxkampf, unbedingt wieder spüren wollte, trainierte sich der Überlebenskünstler durch körperliche und seelische Tiefs, litt an Depressionen und Muskelkrämpfen, wollte mal für immer vom Fahrrad ab- und dann wieder in die Weltspitze aufsteigen.

Hart wie John Wayne und tapfer wie Huckleberry Finn arbeitete sich der Vater von demnächst drei Kindern schließlich vom Rollstuhlkandidaten zu den Topathleten der Zweirad-Elite zurück. Als LeMond sich jetzt nach 73 beinharten Kilometern gegen die Uhr im bretonischen Rennes wieder ins gelbe Hemd zwängte, war das »der schönste Tag« in seinem Leben.

Wenn der Amerikaner in Paris dieses Jahr noch nicht wieder siegen kann, wird er das strahlend verschmerzen. Er sieht seine Teilnahme an der Tour '89 »vor allem als Selbsterfahrung« - eine Gelassenheit, die seine Konkurrenten zunehmend in Rage bringt.

Anders als LeMond, der nach Unfall und Formtief aus seiner starken Mannschaft flog, kann sich der Rivale Fignon trotz Verletzungspausen darauf verlassen, daß ihn Hintermänner vom Range eines Pascal Simon beim Tempomachen ablösen. Dennoch schien lange ungewiß, ob der Star nach Achillessehnenoperationen und Knochenbrüchen im Favoritenfeld würde mithalten können.

Von sich reden machte der Sieger von 1983 und '84 in den letzten Jahren weniger durch einen starken Antritt als durch die Art, in der er sich zuweilen etwa mit der Presse anlegt. »Denken Sie sich interessantere Fragen aus, das ist schließlich Ihr Geschäft«, fährt der sprachgewandte Abiturient Reporter an, die zum x-ten Mal von ihm wissen wollen, wie er seine Form und Chancen einschätzt.

Auch die Fans hält Fignon lieber auf Distanz. Seit klar ist, daß er ganz vorne mitfährt, stehen die rund 15 Millionen, die alljährlich die Landstraßen zum Stadion machen, zwar voll hinter dem Pariser; nach dem fünften Erfolg von Bernard Hinault vor vier Jahren soll zum Geburtstag der Revolution endlich wieder ein Landsmann ins gelbe Hemd. Doch zum Volkshelden taugt der eigensinnige Hauptstädter nicht.

Schon äußerlich fällt es den Romanen schwer, sich mit den gängigen Vorstellungen davon zu identifizieren. Hellblond und hellblauäugig, die wenigen Haare im Nacken zum Schwänzchen gebunden, entspricht Fignon keineswegs dem Typ, den Franzosen zu ihrem Idol küren könnten. Er ist eben nicht ein Kerl, so französisch wie ein Croissant, den sich der Sportsfreund in der Provence auch als Nachbar vorstellen kann, mit Barett auf dem Kopf und Gauloise im Mundwinkel.

Obendrein haben ihn Medienleute zum Intellektuellen gestempelt, was er wohl hauptsächlich seiner türkisfarbenen Blüm-Brille und zwei Semestern Studium an einer mathematisch-technischen Universität zu verdanken hat. Stallgeruch jedenfalls vermittelt ein derart abgehobenes Image nicht. Eher ließe sich der Sting-Typ unter den Straßenfahrern als Popidol der Jugend, vor allem der weiblichen, verkaufen, die ihm fähnchenschwingend zujubelt.

Auch Pedro Delgado hat Abitur, doch die Spanier nehmen ihm das nicht übel. Solange ihr Perico unermüdlich seinen Titel zu verteidigen trachtet, wird er - gedopt oder nicht - der »Held von Spanien« bleiben. Seit seinem Tourgewinn im vergangenen Jahr trägt die Straße, in der er geboren wurde, seinen Namen und der Sportler die goldene Medaille seiner Heimatstadt Segovia.

Delgado, der erst mit 15 aufs Rennrad stieg, schätzt den Kult um seine Person nicht sehr. Statt dessen beharrt er darauf, »eine eher kühle Natur« zu sein - »innerlich erstarre ich zu Marmor, wenn um mich herum der Rummel losgeht«.

Doch damit - natürlich - kommt er bei seinen temperamentvollen Landsleuten nicht durch. Die wollen, daß er es all jenen, die ihm den ersten Sieg madig machten, bei dieser Tour nochmal zeigt. Das hat der Champion (Jahresgrundgehalt rund 1,25 Millionen Mark, Gage bei kleineren Rennen zwischen 10 000 und 20 000 Mark pro Start) auch vor, und nach seiner Aufholjagd in der vergangenen Woche stehen die Chancen keineswegs schlecht. Er fahre nur mit, sagt der ehrgeizige Profi, weil er einen echten Triumph anstrebe: »Wer einmal gewonnen hat, den kann nur dieses Gefühl glücklich machen.«

Das Glück liegt jetzt in den Alpen. Der Spanier, wegen seiner Kletterqualitäten zur »Bergziege« ernannt, dürfte in den vier Hochgebirgsetappen dieser Woche seine Stärke voll ausspielen. Fast vier Minuten hat er dem Konkurrenten Fignon in den Pyrenäen abgejagt, obwohl auch der Franzose am Steilhang »das Reservoir eines Champions« ("L'Equipe") mobilisieren kann.

Greg LeMond, der seinen Toursieg 1986 mit einem Angriff auf dem Pyrenäenanstieg nach Superbagneres einleitete, strampelte sich dort vergangene Woche erstmals an seine Grenzen. Beim Versuch, den Ausreißer Delgado einzuholen, sank der Amerikaner ausgepumpt auf seinem Velo zusammen und schleppte sich mühsam als Neunter ins Ziel. Aus dem Rennen ist er deshalb noch nicht. Durch seine defensive Fahrweise im Schatten der Schrittmacher schont LeMond seine Kräfte für den Endspurt.

Einerlei, wer am kommenden Sonntag auf den Champs-Elysees das enge Gelbe des Gesamtsiegers überstreift: Schon jetzt steht fest, daß die Frankreich-Rundfahrt 1989 eine Tour der Stehaufmänner ist. Traditionelle Tugenden, wie sie Fignon, Delgado, LeMond verkörpern - unerbittliche Härte gegen sich selbst, taktische Cleverneß und Nervenstärke -, entscheiden noch immer, ob ein Radprofi reif für die höchsten Weihen ist.

Nachwuchstalente, wie die beiden Deutschen Andreas Kappes, 23, und Rolf Gölz, 26, müssen da von den Alten noch lernen. Kappes, der dieses Jahr »eine Etappe gewinnen« wollte, krebste nach zwei Wochen im hinteren Tour-Feld herum. Gölz, der immerhin unter die ersten Vierzig fuhr, hat sowieso andere Prioritäten verkündet: Tour-Sieger, meint der Bad Schussenrieder, »werde ich nie, aber Millionär«.

So sind es denn vorerst »die Seigneurs« ("L'Equipe"), die das Geschehen beherrschen. Die Zeitung, die den Radzirkus sponsert und deren Gründer Henri Desgrange auch der Vater der »Tour der Leiden« war, möchte beim Anblick der zäh fightenden Comeback-Stars am liebsten ans ewige Leben glauben: »Die Großen sterben nie.«

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