Zur Ausgabe
Artikel 69 / 95
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

THEATER Wie zäh?

Die Frankfurter werden ihren »Müll« nicht los. Nach der geplatzten Fassbinder-Uraufführung sorgen nun dumme Bühnensprüche für neuen Krach. *
aus DER SPIEGEL 7/1986

Im späten Herbst des vorigen Jahrs, nach harter Zeit und schwerem Kampf, gingen die Frankfurter Theaterleute daran, ihrem Publikum zur Abwechslung leichte Kost zu bieten. Sie probten, was in Frankfurt noch niemals schiefgegangen ist, die Mundartkomödie »Datterich«.

Im »Datterich« (hochdeutsch: dem vom Alkoholkonsum die Hände zittern) geht es um behäbige bis bösartige Bürger. Es ist eine Volkskomödie um einen Schnorrer und Suffkopp und gilt in Hessen zu Recht als unverwüstlich. Denn der »Datterich«, den der Darmstädter Ernst Elias Niebergall 1841 geschrieben hat, lebt vom Babbelwitz der Worte.

Da sagt etwa eine Frau Dummbach, wenn sie zum Braten in die Küche eilt, um dem Liebeskummer ihrer Tochter zu entfliehen: »Ich will eweil des Flahsch beimache, es scheint mer widder so zeeh wie Hustledda.« Bei diesem Wort allerdings, so kolportieren inzwischen Frankfurts Theatermacher, habe sich die Schauspielerin bei den Proben verhaspelt.

»Hustledda« (Hustenleder) nämlich ist ein veralteter Ausdruck für Lakritz. Aktualisierende Übersetzung schien dringend geboten, und irgendwie, genau will sich niemand mehr erinnern, wurde Frau Dummbachs Fleisch dann »so zeeh wie en Frankforder Judd«.

Gesagt, geprobt, getan. Bei der Premiere am Silvesterabend durfte über den Einfall gelacht werden, und das Publikum soll die Anspielung durchaus wohlwollend quittiert haben. Acht Wochen zuvor hatten jüdische und nichtjüdische Protestierer durch eine Bühnenbesetzung am Frankfurter Schauspiel und nach zäher Diskussion die Uraufführung einer anderen Inszenierung des »Datterich«-Regisseurs Dietrich Hilsdorf verhindert: Rainer Werner Fassbinders als antisemitisch verrufenes Frankfurt-Drama »Der Müll, die Stadt und der Tod«.

Fünfmal ist in Niebergalls »Datterich« die Rede vom »Judd«, in Redewendungen vom »Juddeknechelche« am Ellenbogen etwa oder in dem Schlägerspruch: »Haagsde mein Judd, do haag ich dein aach.« Mit der nachträglichen, nicht sehr geschmackssicheren Verfremdung aber entwickelte sich die Darmstädter Lokalposse zur Frankfurter Farce.

Zunächst schien der Streit moderat. Die »Frankfurter Allgemeine Zeitung« lobte die Inszenierung und monierte mild eine »Rache nach Komödiantenart«.

In der Tat nimmt sich die makabre Textvariante wie ein kleinliches Nachtreten des Regisseurs Hilsdorf aus. Auf Proteste der Jüdischen Gemeinde versicherte Dramaturg Heiko Holefleisch, die Wendung sei »eher humor- und respektvoll« zu verstehen. Intendant Rühle meinte, Juden hätten doch sonst Humor. Kulturdezernent Hilmar Hoffmann beeilte sich, die Sache als »komödiantische Variante« zu sehen.

Doch je beflissener Frankfurts Kulturschaffende versuchten, die Sache aus ihrer Welt zu reden, desto deutlicher zeigte sich, daß der »Müll«-Streit die Frankfurter Theaterleute nicht gescheiter gemacht hat. Denn noch immer scheint die hartleibige Truppe nicht mitgekriegt zu haben, daß ihnen ihre Kritiker Mangel an Sensibilität vorwerfen - und das Theater dafür freiwillig immer neue Argumente liefert.

Die »Müll«-Gegner fürchten, daß Frankfurts Theatermacher noch immer danach trachten, ihr Stück irgendwie doch auf die Bühne zu bringen: Intendant Rühle läßt prüfen, ob die Inszenierung in geschlossener Gesellschaft vorgeführt werden könnte. Regisseur Hilsdorf verriet, daß man erwogen habe, Teile des Fassbinder-Stücks als Theater im Theater in eine Hamlet-Aufführung zu schmuggeln.

Kein Wunder, daß sich angesichts der Tölpeleien das Extempore der Frau Dummbach zum Fall auswuchs. Und wie immer, wenn es um Antisemitismus und Fassbinder ging, verschlimmerte jedes noch so gut gemeinte Wort die Lage.

Nichts half. Nicht daß Frau Dummbach mal sagte, das Fleisch scheine ihr »so zeeh - Sie wisse schon, wie«. Nicht einmal die zweifellos treffsicherste Variante, daß ihr Fleisch zäh wie ein »Frankforder Theaterdirektor« sei, stiftete Frieden: Bei einer Podiumsdiskussion in Kassel stritten sich die angereisten Kontrahenten wie eh und je.

Daniel Cohn-Bendit, einer der Wortführer im »Müll«-Streit, brachte das Diskussionsgeschick der »Müll«-Truppe präzise auf den Punkt: »Irgendwo habt ihr nicht alle Tassen im Schrank.« _(Mit Sonja Mustoff, Wolfgang Deichsel, ) _(Nicola Kress. )

Mit Sonja Mustoff, Wolfgang Deichsel, Nicola Kress.

Zur Ausgabe
Artikel 69 / 95
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.