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»Wieviel?« fragte Mr. Harrison

aus DER SPIEGEL 12/1947

Die Ereignisse folgten einander in einem Tempo, das die phlegmatischsten Diplomaten und die blasiertesten Reporter verdutzte - schrieb »Le Monde Illustré«, die große französische Zeitschrift, in einem Rückblick auf die allerersten Anfänge der New Yorker UNO -Stadt. Und wahrhaftig, es spielte sich alles in vier Tagen ab:

John D. Rockefeller, des großen Petroleum-John 72jähriger Sohn, bietet der UNO - Kommission das 8,5-Milliarden-Gelände auf Manhattan zur Errichtung der UNO-Gebäude an. Die Kommission nimmt die Schenkung mit Enthusiasmus an. Die Generalversammlung beschließt mit großartiger Mehrheit, auf dem Gelände die künftige »Internationale Stadt« zu errichten.

Es hat den Anschein, daß man dies Tempo beizubehalten wünscht. Jedenfalls teilte Mr. Harrison kürzlich mit, daß schon im kommenden Jahr das erste der geplanten UNO-Hochhäuser fertig sein würde: ein Wolkenkratzer von 40 Stock, die Unterkunft für das Sekretariat und den Sicherheitsrat.

Wallace Karman Harrison ist der Direktor der Baukommission, die für den Entwurf und die Durchführung der Verwaltungsgebäude der UNO eingesetzt ist. Er ist ein Mann von 51 Jahren, Mitinhaber von Harrison und Abramowitz, einer der größten New Yorker Baufirmen, Hausarchitekt der Rockefellers und ein Freund modernen Baustils.

Zu dem internationalen Stabe zehn bedeutender Baufachleute, den Harrison jetzt dirigiert, gehört ein so revolutionärer Architekt wie der Franzose Le Corbusier, der alle Erfindungen der Neuzeit im UNO-Baukomplex angebracht sehen möchte. Es gehört auch der Engländer Robertson dazu, der weniger von modernen Tendenzen hält, der aber als Spezialist für das UNO-Bauprojekt gelten darf - er hat auch am Genfer Monumentalbau des Völkerbundes mitgearbeitet.

Man sagt Harrison nach, daß er sich an der Spitze der Baukommission als unermüdlicher und glänzender Organisator erwiesen habe. Wenn sich zehn Fachleute zusammensetzen und jeder seine Ideen mitgebracht hat, so ist es - auch wenn die kameradschaftliche Zusammenarbeit der Herren gelobt wird - unausbleiblich, daß sich anfangs gewisse Schwierigkeiten ergeben. Harrison hat sie ausgeglichen.

Harrison spielt auch eine Rolle in der kleinen Geschichte, die die amerikanische Zeitschrift »Time« vom Kauf des New Yorker UNO-Geländes erzählt hat. Dieses Gelände, die »arme Zone« genannt, hauptsächlich mit Wäschereien, Schlachthäusern und mechanischen Webereien bebaut, liegt auf Manhattan am East River,

Die Immobiliengesellschaft Webb und Knapp hatte acht Häuserblocks am East River aufgekauft, um dort einen 57-Stock-Wolkenkratzer zu errichten. Aber sie gab diesen Plan auf, und ihr Vizepräsident William Zeckendorf hatte die Idee, den Platz an die UNO zu verkaufen, die sich zu dieser Zeit über ihren ständigen Sitz noch nicht schlüssig geworden war.

Mr. Zeckendorf ging zu New Yorks Bürgermeister O'Dwyer, und der, beseelt von dem Wunsch, die UNO definitiv in New York zu sehen, war von dem Plan begeistert. Nur die Geldfrage blieb eine Frage. Worauf Mr. O'Dwyer seinerseits zu Nelson Rockefeller ging, einem Mitglied des Komitees, das die Stadt zum Empfang der UNO-Delegierten der New Yorker Tagung gebildet hatte. Worauf Nelson Rockefeller zu seinem Vater John D. Rockefeller jr. ging.

Das Ergebnis zeigte sich an dem Abend, an dem Mr. Zeckendorf in »Monte Carlo«, einem New Yorker Kabarett, seinen 60. Hochzeitstag feierte. Es tauchte Mr. Harrison auf, Rockefellers Hausarchitekt. In der Hand hielt er den Plan der East-River-Grundstücke.

»Wieviel?« fragte Mr. Harrison. »Acht Milliarden fünfhundert Millionen«, sagte Mr. Zeckendorf.

Kurz darauf hatte Rockefeller eine 30-Tage-Option auf das Gelände in der Tasche. Es war der Anfang vom Anfang des UNO-Centres in New York.

40 Stockwerke für die UNO wird Wallace K. Harrison bis zum nächsten Jahr bauen

Viele Köpfe, viele Sinne, viele Architekten, viele Pläne - für die New Yorker UNO-Bauten (Entwurf für die Auffahrt)

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