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Wildwest an der Ostfront

aus DER SPIEGEL 6/1977

Zu Dokumentarstreifen von SS-Aufmärschen, Hitlerreden und dem Stalingrad-Desaster singt eine Knabenstimme die zweite Strophe von Hänschen Klein: »Sieben Jahr, trüb und klar, / Hänschen in der Fremde war. / Da besinnt sich das Kind / eilet heim geschwind.« Was da noch vor den Titeln an sarkastischem Anspruch angemeldet wird, löst der Film leider nicht ein.

Denn Sam Peckinpah. der zynische Philosoph der Gewalt ("Getaway«, »Wer Gewalt sät"), hat sich in ein falsches Genre verirrt. Seine so erschreckend logischen wie kathartischen Brutalitätsorgien erzielen sinnvolle Wirkung nur dann, wenn sie wie ein Vulkan unter einer scheinbar friedlichen Oberfläche hervorbrechen. Der Rückfall in die Barbarei, den fast alle seine Helden, von den abgewrackten Qutlaws in »Wild Bunch« bis zum verängstigten braven Wissenschaftler in »Wer Gewalt sät«, erleiden, wird ihnen aufgezwungen als einzige und sehr private Möglichkeit zu überleben.

Die kollektiv sanktionierte Barbarei des Krieges dagegen macht aus dem Töten ein anbefohlenes Handwerk, zu dem es keine Alternative des Überlebens gibt. Gewalt erhält so die fragwürdigen Weihen stumpfsinniger Selbstverständlichkeit. Die wahren und dramatischen Konflikte solcher Landser-Epen wie »Steiner« sind jedoch hierarchischer und sexueller Natur.

Gerade hier aber versagt der Film, weil Peckinpah den Krieg mit Westernmentalität beschreibt. James Coburn, als Feldwebel Steiner eher lässig als hart und zynisch' trägt seine MP wie John Wayne die Winchester, der ihm unterstellte Zug besteht aus einer Horde von Haudegen, die nach Indianerart Wachtposten überfällt und abends am Lagerfeuer Mundharmonika spielt. Statt den Wahnsinn der Strategie zu zeigen, mit dem an der sich auflösenden Ostfront das »geduldige Fleisch« (so der Titel von Willi Heinrichs Roman, der als Vorlage diente) deutscher Soldaten verheizt wurde, verfällt Peckinpah ins alte Showdown-Muster des Duells.

Es ist eine Hierarchie der Charaktere, die diese Duelle bestimmt, und sie ist gegenläufig zur Hierarchie des militärischen Rangs. Steiners Gegenspieler, Hauptmann Stransky (Maximilian Schell), ist ein feiger Etappenhengst. dessen preußische Familientradition ihm allerdings gebietet, nicht ohne das Eiserne Kreuz nach Hause zu kommen. Da Stransky den Befehl zum Rückzug bewußt nicht an Steiners Zug weiterleitet, gerät dieser während eines russischen Panzerangriffs hinter die feindlichen Linien.

Steiner überfällt daraufhin ein Lager mit weiblichen russischen Soldaten, erbeutet deren Uniformen und kann sich so mit seinen Mannen durch die russischen Linien zu den Deutschen durchschlagen. Doch Stransky läßt auf die eigenen Leute schießen. Steiner kommt jedoch durch und bittet Stransky, als vollzöge sich der Krieg nach höfischem Ritual, zum Duell.

Dieses Draufgänger-gegen-Schweinehund-Muster mag durchaus soldatischer Erfahrung entsprechen eine Antikriegshaltung kann man allerdings darin nicht entdecken. Solange sich die Verwerflichkeit der Tötungsmaschinerie hinter Morden durch Verrat und Intrige verstecken kann, hat man dem wahren Krieg nicht ins Gesicht gesehen. Peckinpahs 16-Millionen-Mark-Kommiß-Verständnis basiert, nimmt man seine Intentionen ernst, genau auf diesem Widerspruch,

Da hilft es dann auch wenig, den kriegsmüden Helden ein paar pazifistisch angehauchte Sprechblasen über die zerschundenen Köpfe zu hängen. Gestöhnte Erkenntnisse, daß der Krieg Scheiße sei und Gott ohne es selbst zu wissen ein Sadist, sind von einem Landser-Realismus, der nicht über die Kammhöhe des jeweiligen Schützengrabens hinausreicht.

»Steiner« strömt die widerlich-männliche Atmosphäre von Kameradschaftsabenden immer dann aus, wenn Peckinpah seine pyrotechnische Faszination zurückhält und Landser-Dasein schildert. In der dümmsten Szene des Films bricht der verwundete Steiner seinen Genesungsurlaub und sein Rendezvous mit der Krankenschwester Senta Berger ab, als er einen seiner Jungs zur Front zurückkehren sieht: Während Senta Berger am Krankenbett ihren hübschen Po blankzieht. humpelt draußen Steiners Freund Schnurrbart zur Verladung an die Front. Für einen Kerl wie Steiner gibt's da keine Wahl: Statt ins Lustbett springt er auf den Lastwagen.

In ruchloser Umkehrung von Moral sieht Peckinpah Perversion dort, wo sie nach Kommiß-Mentalität auch hingehört: Als ein ihm von der Gestapo zugeteilter Gefreiter eine der gefangenen russischen Soldatinnen zur Fellatio zwingt, beißt diese ihm das Glied ab. Steiner überläßt ihn der Wut der Russinnen.

So hämisch-sadistisch Peckinpah solche Szenen genießt (sie ist in Heinrichs Vorlage nicht zu finden), so lüstern-geil filmt er die Panzerattacken, Die Tanks ficken die zerschossenen Häuser regelrecht, indem sie ihre Rohre durch Mauerlöcher schieben. Es ist die impotente Sexualität der Aggression.

»Steiner« scheitert wie die meisten »Anti«-Kriegsfilme an dem Widerspruch zwischen der behaupteten Sinnlosigkeit des Krieges und der sinnlichen Faszination seiner Gewalt -- nur scheitert er etwas perfekter und erheblich teurer als die anderen.

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